Beim Verfassen meines noch nicht fertig gestellten Beitrags zur Blogparade über Ungleichheit war ich am Wochenende auf die Schrift “Wirtschaftsethik ohne Illusionen” von Christoph Lütge gestoßen. Lütge ist Professor an er TU München und forscht u.a. in Wirtschafts- und Unternehmensethik. Er zählt in der auch online lesbaren Einleitung seiner Arbeit diverse Prinzipien auf, die er als “Prinzipien zu Illusionen eigener Art” bezeichnet.
Die Wirtschaftsethik, so Lütge, sucht nach tieferliegenden und systematischen Strukturproblemen. “Sie hinterfragt das Verständnis von Ökonomie, das in einer Gesellschaft vorherrscht oder vorzuherrschen scheint. Sie betrachtet – und hinterfragt ebenfalls – moralische Prinzipien, die sich möglicherweise von ihrer sozialen Basis gelöst und verselbständigt haben.”
Ich habe die leider nicht als eBook erhältliche Arbeit nicht gelesen, sondern mich nur auf die online erhältliche Leseprobe beschränkt. Er setzt sich darin kritisch mit einigen moralischen Prinzipien unserer Zeit auseinander. Mir sind diese Prinzipien deswegen aufgefallen, weil viele Menschen zwar in Sonntagsreden und im Feuilleton deren Einhaltung forderten, in der Wirtschaftspraxis aber genau diejenigen ökonomisch profitieren, die gegen einige dieser Prinzipien verstoßen.
In der Einleitung stellt er dazu einige Prinzipien in Frage,
in dem er ihnen einige bewusst holzschnittartige Gegenbehauptungen zur Seite stellt (er verspricht dies dann in der Folge seiner Arbeit zu vertiefen).
1. Die sanfte Kraft der Moral kann sich dauerhaft gegen Anreize behaupten.
Seine Gegenbehauptung: „Die sanfte Kraft der Moral muss selbst Anreiz werden, sonst geht sie unter. So sind beispielsweise viele ursprünglich rein moralische Ansinnen der Ökologiebewegung mittlerweile in die ökonomische Praxis übergegangen und selbst zu einer ökonomischen Macht geworden.“
2. Ethik heißt Mäßigung.
Seine Gegenbehauptung: „Maßhalten in der persönlichen, alltäglichen Lebensführung hat seinen Sinn, aber auf gesellschaftlicher Ebene ist Mäßigung schädlich: Unternehmen, die sich in der Gewinnerzielung mäßigen, liefern nicht das, was wir wollen. Wir verlangen, dass sie sich anstrengen – in unser aller Interesse. In einem Sportturnier wollen wir auch die Besten im Endspiel sehen.“
3. Appelle helfen gegen »Gier«.
Seine Gegenbehauptung: „Appelle helfen schon im Kleinen nicht. Auch Kleinaktionäre, Rentner und Kaninchenzüchter wollen immer ein bisschen mehr – und das ist auch gut so, sonst säßen wir noch auf den Bäumen. Wenn das dauerhafte Streben nach »Mehr« negative Folgen hat, sollte man nach einer neuen Regel suchen – und diese sanktionieren. Schiedsrichter moralisieren auch nicht, um die Einhaltung der Abseitsregel durchzusetzen.“
4. Die Gesellschaft braucht gemeinsame Werte.
Seine Gegenbehauptung: „Gemeinsame Werte sind weder möglich noch nötig: Freiheit oder Solidarität? Individualismus oder Gemeinschaftsgeist? Wie weit geht die Toleranz? (Burka pro oder kontra?) Das sind unfruchtbare Frontstellungen: Verabschieden wir uns von den gemeinsamen Werten – und suchen wir lieber nach wechselseitig vorteilhaften Kooperationsmöglichkeiten mit jenen, die andere Werte haben.“
5. Wettbewerb ist gefährlich und muss gezähmt werden.
Seine Gegenbehauptung: „Im Gegenteil ist Wettbewerb die Lösung vieler unserer Probleme, im Großen wie im Kleinen: Kostenexplosion im Gesundheitswesen, Probleme der sozialen Sicherheit, Ineffizienz und mangelnder Service bei der Bahn, Inflexibilitäten von Friedhofssatzungen – all das kann mit Wettbewerbsmechanismen nicht nur ökonomisch, sondern auch ethisch gelindert werden.“
6. Die Soziale Marktwirtschaft kann weiterhin so gedacht werden wie 1949.
Seine Gegenbehauptung: „Die Soziale Marktwirtschaft ist selbstverständlich im Wandel. Niemand dachte 1949 an Globalisierung, Internet oder Facebook. Selbst so kluge Köpfe wie Ludwig Erhard oder Alfred Müller-Armack konnten die Dynamik, die entfesselt worden ist, nicht voraussehen. Wir müssen das, was das ›Soziale‹ an der Sozialen Marktwirtschaft ausmacht, zu weiten Teilen neu erfinden.“
7. Die Herausforderungen des sozialen Wandels und der Globalisierung werden unsere Sozialsysteme und unsere Wertvorstellungen unverändert lassen.
Seine Gegenbehauptung: „Zukünftige Generationen werden manches anders denken und bewerten. Noch Anfang der 1970er Jahre hielten viele es für normal, dass Ehemänner ihren Frauen das Arbeiten verbieten konnten, dass schwuler Sex bestraft werden konnte – oder dass man ohne Sicherheitsgurt Auto fahren konnte.
Es ist daher keine Frage, ob sich unsere Werte ändern, sondern nur, wie und wann. Das macht Moral und Ethik nicht überflüssig – aber es stellt sie in einen sozialen Kontext.“
Ich finde Lütges Position vor allem deswegen interessant, weil die Einhaltung vieler der Prinzipien von einer technokratischen Funktionselite zwar oft gefordert wird, diese Elite aber als “moralische free rider” (Peter Ulrich) durch massenhafte Verstöße versucht, davon zu profitieren. Sie profitiert dabei um so mehr von eigenen Regelverstößen, je mehr Menschen sich an diese Prinzipien halten. Mehr dazu in der Blogparade über Ungleichheit, die im Lauf dieses Monats folgt.
Comments on this entry are closed.