Lernprobleme

by Karl-Heinz Thielmann on 19. Februar 2013

Am 15. Februar hat Dirk Elsner an dieser Stelle über die Unfähigkeit der traditionellen Finanzinstitute berichtet, auf die aktuellen Trends bei mobilen Zahlungssytemen einzugehen. Der Text war betitelt „Die Angst der Banken vor dem Mobile Payment„, doch stellt sich mir die Frage, ob nicht mehr dahinter steckt als Angst. Im Finanzbereich scheint es eine ausgeprägte generelle Unfähigkeit zu geben, neue Erkenntnisse zu gewinnen und in Handeln umzusetzen.

Symtomatisch für diese allgemeine Lernverweigerung ist insbesondere der Umgang mit der Finanzkrise und ihren Konsequenzen. 2008 herrschte an den Kapitalmärkten das nackte Grauen. Das Weltfinanzsystem war durch den Zusammenbruch von Lehman Brothers in seinen Grundfesten erschüttert. Vor Kurzem noch als grundsolide angesehene Finanzunternehmen wie AIG, Merrill Lynch, Royal Bank of Scotland oder Hypo Real Estate benötigten Rettungsaktionen im Umfang von Hunderten von Milliarden Euro. Die stark vom Finanzsektor abhängigen Volkswirtschaften in Westeuropa und Nordamerika mussten einen scharfen Einbruch hinnehmen, der die gesamte Weltwirtschaft in die Rezession riss.

Inzwischen hat sich die Lage mit Ausnahme von Südeuropa wieder weitgehend stabilisiert, von einer wirklichen Erholung kann aber auch keine Rede sein. Denn die der Finanzkrise zugrunde liegenden Probleme sind nicht wirklich angegangen worden. Dies ist eigentlich erstaunlich, weil schon bald nach dem Einbruch in der Öffentlichkeit eine umfassende Diskussion über die Gründe der Finanzkrise einsetzte.

Inzwischen ist relativ klar, warum das Desaster kam und warum es viel schlimmer war als bei vorangegangenen Schuldenkrisen. Da war zum einen der sorglose Umgang sowohl von privaten wie staatlichen Schuldnern mit einer Erhöhung ihrer Verbindlichkeiten. Weiterhin hat eine an kurzfristigen Verkaufserfolgen orientierte Bonuskultur Bankmitarbeiter zum Eingehen von unverantwortlichen Risiken ermutigt. Diese Risiken wurden mit Hilfe von neuartigen Finanzinstrumenten „umverpackt“ und damit quasi unsichtbar gemacht. Ratingagenturen und Investmentbanken vermittelten dann mit Hilfe von mathematisch komplexen Risikoansätzen eine Scheinsicherheit für viele Finanzanlagen, die einer Konfrontation mit der Realität nicht standhielt. Eine mangelnde Kapitalisierung bei vielen Finanzinstituten führte dann dazu, dass sie einer plötzlich verschlechterten Risikosituation nicht gewachsen waren. Hinzu kam, dass eine realitätsferne Wirtschaftswissenschaft sich lieber mit abstrakten Modellen als mit konkreten Sachverhalten beschäftigt hatte und den Ereignissen in der wirklichen Welt dann völlig ratlos gegenüberstand.

Nun könnte man meinen, alle diese Erkenntnisse müssten zu grundlegenden Änderungen geführt haben. Wenn man sich aber die Konsequenzen anschaut, die bisher gezogen worden sind, muss man feststellen, dass bisher nur ein Problem angegangen wurde: die Rekapitalisierung der Banken. Damit hat man aber nur die Anfälligkeit des Finanzsektors gegenüber der nächsten Krise vermindert. Die eigentlichen Ursachen der Krise sind nach wie vor vorhanden und werden von vielen Verantwortlichen ignoriert.

Nimmt man den Umgang mit Bonusregeln als Beispiel, so zeigt sich, wie gut es der Finanzbrache bisher gelungen ist, Konsequenzen zu umgehen. Eine der erfolgreichsten Banken der letzten Jahrzehnte – Handelsbanken aus Schweden – hat Boni schon vor Jahrzehnten abgeschafft. Stattdessen werden Mitarbeiter über ein spezielles Programm am langfristigen Erfolg der Bank beteiligt. Dieses Beispiel wird aber von der übrigen Branche geflissentlich ignoriert. Dafür wird immer wieder argumentiert, man benötige Bonuszahlungen, weil man nur so gute Mitarbeiter bekommen und halten kann. Warum angeblich gute Mitarbeiter aber vor allem kurzfristige Leistungsanreize benötigen, bleibt schleierhaft. Vielmehr dürfte das krampfhafte Festhalten an Bonusprogrammen damit zu tun haben, dass sie die Selbstbedienung von Finanzmanagern erleichtern.

Ein besonderes schönes Beispiel für die Vermeidung von Lerneffekten ist das Festhalten an Risikomodellen wie „Value at Risk“ bei der Steuerung von Bilanzrisiken. Die grundsätzlichen Mängel dieses Ansatzes sind schon seit Jahrzehnten bekannt. Speziell 2008 war „Value at Risk“ für gravierende Fehleinschätzungen und enorme Verluste verantwortlich. Dies hat jedoch nichts an der Popularität dieses Ansatzes geändert, was nach wie vor die bekannten Nebenwirkungen mit sich bringt. So musste Morgan Stanley einen Handelsverlust von mehreren Mrd. US$ für das dritte Quartal 2012 bekannt geben, für den vor allem die Risikosteuerung per „Value at Risk“-Modell verantwortlich war. Die Konsequenz: Einige Parameter für das Modell wurden geändert, ansonsten wird weitergemacht wie bisher. Und als Bestätigung für diese Vorgehensweise hat sich das Management von Morgan Stanley auch noch die Genehmigung von den Finanzaufsichtsbehörden hierfür geholt. Die Frage muss erlaubt sein: Wie ignorant kann man eigentlich sein?

Den größten Reformstau gibt es aber wahrscheinlich in den Wirtschaftswissenschaften. Schon vor der Krise hatten viele Kritiker bemängelt, dass eine zunehmende Mathematisierung der Ökonomie auch eine wachsende Realitätsferne mit sich bringt. Und auch heutzutage noch kann ein Student seinen Abschluss in einem wirtschaftswissenschaftlichen Fach machen, ohne das Wort Finanzkrise je gehört zu haben. Stattdessen werden junge Ökonomen vorwiegend darin trainiert, aus hochkomplexen mathematischen Modellen relativ banale Aussagen abzuleiten. Nur ist leider der Erkenntniswert einer solchen Gehirnakrobatik gleich null. Diese Ausbildung führt realitätsfernen Rechenkünstlern, die von der realen Wirtschaft rein gar nichts verstehen. Allerdings sind diese „Wissenschaftler“ dann perfekt dafür geeignet, sich neue Modelle zur Verschleierung von echten Risiken auszudenken.

Eine vom Swiss Finance Institute herausgegebene Studie zeigte 2011, dass die schlechtesten Banken während der Asien- und Russlandkrise 1998 auch die größten Verlierer 2008 waren. Die Prognose liegt nahe, dass genau diese unlängst mit Staatsgeld geretteten Institute auch in der nächsten Finanzkrise wieder Milliardengelder versenken werden.

Ob die mangelnde Bereitschaft, die richtigen Konsequenzen aus grundlegenden Erfahrungen zu ziehen, an ungenügender Lernfähigkeit oder Lernunwilligkeit liegt, weiß ich nicht. Solange man sich aber an den richtigen Schlussfolgerungen vorbeidrückt, bleibt das Weltfinanzsystem inhärent instabil. Mit restriktiveren Eigenkapitalvorschriften für die Banken wurde bisher vor allem eines erreicht: Die Kreditvergabe ist deutlich schwieriger geworden und damit auch die wirtschaftliche Erholung. Zudem werden diese kaum etwas nützen, wenn im Vorfeld der nächsten Krise verquere Risikoansätze und falsche Anreizstrukturen die Banker wieder zu den gleichen Fehlern wie im vergangenen Jahrzehnt verleiten.

Noch ist es nicht zu spät.

Der Text erschien in leicht abgewandelter Form bereits in: Mit ruhiger Hand vom 5. November 2012

Im Text wurde auf die Studie „This Time Is the Same: Using Bank Performance in 1998 to Explain Bank Performance During the Recent Financial Crisis“ von Rüdiger Fahlenbrach, Robert Prilmeier & Rene M. Stulz Bezug genommen

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