Neue Denker über Ökonomie und Verantwortung: "skin in the game"

by Dirk Elsner on 12. August 2013

Im österreichischen €urozine konnte man letzte Woche unter dem Titel “Im philosophischen Basislager” ein Gespräch nachlesen, das mich fasziniert hat. Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli  sprach mit John Gray, Tomás Sedlácek und Nassim Nicholas Taleb über den Wert ökonomischer Modelle, den Abweichungen vom Homo Oeconomicus und politischen Utopien. Dabei ging es auch um die Frage nach der Verantwortung und den Konsequenzen für das eigene Handeln.

Gray hält es für einen fundamentaler Kategorienfehler, wenn man die Ereignisse in der Eurozone als Abfolge von spieltheoretischen Spielzügen sieht. Ökonomischen Theorien würden nämlich ausblenden, dass das Handeln in der realen Welt auch von Dingen wie Hass, Rachegefühle, Vergeltung, Verzweiflung, Grausamkeit bestimmt wird. Gray glaubt aber an die Bedeutung von Eigentumsrechten: “Ohne Eigentum keine Haftung, ohne Haftung kein Lerneffekt.”

Diese Steilvorlage nutzt Nassim Taleb, der bereits häufig die Verantwortung ohne Haftung kritisiert hat. Taleb kritisiert im Vorwort seines neuen Buches “Antifragilität” ein seit 2008 gut zu beobachtendes Phänomen, dass diejenigen, die Risiken erzeugen, zwar die Erträge daraus mitnehmen, aber nicht die Kosten dieser Risiken tragen. Damit werden solche Personen zu den größten Risikoerzeugern der Gesellschaft. In früheren Zeiten (ob das wirklich so war bezweifele ich), so schreibt er, habe es eine größere Symmetrie zwischen den Menschen gegeben, die weit oben in der Gesellschaft standen und persönliche Konsequenzen aus den eingegangenen Risiken zu tragen hatten. Noch nie, so Taleb, habe es in der Geschichte in der Politik und Unternehmen so viele Nicht-Risiko-Nehmer (er meint das persönliches Risiko) mit so viel Einfluss gegeben.

In dem Gespräch schlägt Taleb dazu eine einfache Regel vor, die helfen soll, die Risiken einer Gesellschaft zu vermindern: "skin in the game"

“Verantwortliche setzen ihre eigene Haut aufs Spiel. Niemandem sollte es erlaubt sein, anderen durch eigene Fehler Schaden zuzufügen, ohne gleichzeitig selbst Schaden zu nehmen. Das ist ein zivilisatorisches Grundprinzip, das leider vergessen ging. Der Bürokrat wird für seine Fehler nicht zur Rechenschaft gezogen, der Ökonom wird für seine falschen Prognosen nicht bestraft. Ökonomische Modelle sind darum zumeist kompletter Unsinn, weil für die Konsequenzen der Modelle nicht jene bezahlen, die sie entwickelt haben. Wenn ich "skin in the game" sowohl als Regel von Risikomanagement wie auch als ethischen Grundsatz anwende, dann werde ich mich davor hüten, irgendwelche Voraussagen zu machen. Ich werde meinen Kunden zeigen, was ich selbst in meinem Portfolio habe. Wenn mir jemand folgt und Geld verliert, verliere ich selbst auch welches.”

Laut Investopedia soll die Phrase "skin in the game" übrigens von Warren Buffett stammen. Taleb selbst hat gerade zusammen mit Constantine Sandis ein anspruchsvolles Working Paper veröffentlicht: The Skin In The Game Heuristic for Protection Against Tail Events. Darin schlagen sie eine Regel vor, dass jemand, der durch eine Handlung möglicherweise einen Schaden für andere Beteiligte erzeugen kann, auch bis zu einem gewissen Grad diesen Schäden ausgesetzt wird.

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