Impressionen nach dem SEPA-Start

by Dirk Elsner on 27. März 2014

Seit eineinhalb Jahren habe ich mit in diesem Blog und in meiner Kolumne für die CFOWorld in allen denkbaren Facetten mit der Umstellung auf die Single Euro Payment Area (SEPA) befasst. Am 1. Februar war SEPA nun endlich da, jedenfalls fast. OK, SEPA-Zahlungen waren schon lange vorher möglich, aber am 1.2.2014 sollten ursprünglich die etablierten Zahlungsverfahren per Gesetz abgeschaltet werden. Diese Frist hat die EU bekanntlich verschoben auf den 1. August diesen Jahres. Das EU-Parlament hat mittlerweile auch offiziell die Verlängerung der Übergangsphase beschlossen.

IMG_20140116_122107Trotz der viel zu spät erfolgten Verschiebung hatten sich alle Banken und die meisten Unternehmen auf den 1.2. in ihren Vorbereitungen fokussiert und zu diesem Termin auch umgestellt. Mittlerweile ist es mit einer aktuellen Ausnahme wieder ruhig um SEPA geworden, Zeit für eine Zwischenbilanz.

Das Fazit ziehe ich mal vorweg. Der Start verlief – zumindest in Deutschland – überraschend gut. Freilich ruckelte es an vielen Stellen (siehe unten), was aber letztlich weder Banken noch Unternehmen an die große Glocken hängen mussten. Die sofortige Zwischenbilanz der Deutschen Kreditwirtschaft war mir allerdings zu glatt und damit unglaubwürdig. Bereits am ersten Werktag nach Einführung (also am 3.2.) konnte man unmöglich eine positive Startbilanz ziehen. Daneben betrachtete die Kreditwirtschaft nur sich selbst und die Funktionsfähigkeit des gesamten Zahlungsverkehrssystems. Hier hatte ohnehin niemand mit Problemen gerechnet, weil SEPA hier schon seit langer Zeit gut funktioniert.

Minus bei Steuereinnahmen durch SEPA

Ein in dieser Woche hoch gekochter Missstand ist das durch SEPA verursachte Minus bei den Steuereinnahmen. Im aktuellen Monatsbericht der Bundesfinanzministerium heißt es:

“Die gesamtstaatlichen Steuereinnahmen (ohne reine Gemeindesteuern) sind im Februar 2014 im Vorjahresvergleich leicht um 0,1 % gesunken. Ursache war hier der Rückgang im Aufkommen der reinen Bundessteuern, der hauptsächlich auf Verzögerungen im Zufluss aufgrund der Umstellung des Zahlungsverkehrs auf das SEPA-Verfahren zurückzuführen war. Nähere Erläuterungen sind dem Bericht „Steuereinnahmen von Bund und Ländern im Februar 2014“ zu entnehmen.”

Das soll wohl im Klartext heißen, es ist zu Zahlungsverzögerungen gekommen, nicht jedoch zu steuerlichen Ausfällen.

Aus dem Bankenbereich

Aus dem Bankenbereich hörte man dennoch von nur ganz wenigen Blechschäden, wie etwa von Instituten, die immer noch keine B2B-Lastschriften verarbeiten können und diese dann zurück gaben an die Zahlungsempfänger.

Einige Banken sollen Daueraufträge statt auf SEPA umzustellen, gelöscht haben. Eine Bank buchte Kreditraten früher ab als vereinbart. Andere Institute wiesen zum Teil SEPA-XML-Dateien mit kryptischen Fehlermeldungen ab. In einer Bank, so berichtete die Webseite Der Westen, konnten die Terminals keine Überweisungsaufträge einlesen.

Wegen der Umstellung am Wochenende des 1.2. waren die Zugänge zu einigen Bankrechnern vorübergehend gesperrt. Diesen planmäßigen Vorgang kündigten Banken aber in der Regel rechtzeitig an.

Die oben genannten Ruckler sind vernachlässigbar und scheinen nicht über das normale Fehleraufkommen, über das üblicherweise nicht berichtet wird, hinaus zu gehen.

Verbraucher hadern

Während die Kreditwirtschaft die Umstellung also bereits (zu) früh feierte, kursierten im Web viele Äußerungen über die Unhandlichkeit des Verfahrens. Verbraucher und Satiriker (besonders hörenswert dazu ist “Udo Martens”) lästern über die langen IBAN. Und alle wundern sich, woher die Legende stammt, Verbraucher seien von SEPA nicht betroffen. Ihnen wurde versprochen, dass sich für sie erst in zwei Jahren etwas ändern würde. Das erwies sich aber schon vor dem 1. Februar als politische Legende. Nahezu alle Verbraucher sind bereits mit SEPA in Kontakt gekommen, sei es über Umdeutungsschreiben, Informationen oder Rechnungen, auf denen nur noch SEPA-Daten standen.

"Die #SEPA Umstellung ist ein großes, hässliches Datenmonster." twitterte ein User.

Insbesondere wer noch Überweisungsformulare per Hand ausfüllen oder in Datenmasken am PC eingeben muss, flucht. Und apropos SEPA-Überweisungsformulare. Die sollen in einigen Banken tatsächlich knapp geworden sein. Von einer Bank hörte man sogar, dass sie nur alte Überweisungsformulare hatte. Ein anderes Institut berichtete über eine überraschend hohe Nachfrage nach neuen Vordrucken.

Hilfe für Verbraucher könnten QR-Codes auf Rechnungen bringen, die über ein Smartphone und eine entsprechenden App eingelesen werden. Aber längst nicht jeder Kunden kann sich damit anfreunden.

Für Irritationen sorgte auch, dass die Belastungen einiger Unternehmen so spät erfolgten. So wunderten sich viele Bahnfahrer, dass die Bahn ihre Konten erst nach 7 Tagen belasteten. Die Bahn hat mittlerweile per Twitter bestätigt, dass durch das SEPA Lastschriftverfahren die Abbuchungen der Online-Tickets meistens 7-10 Werktage nach der Buchung erfolgen.

Für Zeitungsschlagzeilen sorgte eine Buchungspanne, über die die Badische Zeitung berichtete. Ein Energieversorger hat von 4000 bis 5000 Kunden Abschlagszahlungen fälschlicherweise doppelt eingezogen. Das soll allerdings schon vor dem 1. Februar gewesen sein. Mehrfach buchte auch die Stadt Werne die Grundbesitzabgaben ab. Beim Update des EDV-Programms, so berichtet der Westfälischer Anzeiger, sei es zu einem “Missgeschick” gekommen. Die BILD hat ebenfalls entdeckt, dass Firmen Beiträge doppelt abbuchten.

Impressionen aus Unternehmen

Aber auch aus den Unternehmen hört man von vielen (lösbaren?) Probleme. So versendeten einige Unternehmen ihre Rechnungen verspätet wegen der Umstellung. Andere Unternehmen kämpften weiter mit der Umstellung ihrer Bankingsoftware.

Auch sonst hakte es wie erwartet im Lastschriftverkehr (siehe auch oben). Ein Unternehmen beschwerte sich, dass eine Bank ohne erkennbaren Grund Lastschriften ignorierte. Ein Unternehmen soll sogar Lastschriften mit der Test-Gläubiger-ID der Bundesbank eingezogen haben. Weniger überraschend ist, dass dies nicht auffällt, denn Banken prüfen die aus meiner Sicht überflüssige Gläubiger-ID nicht. Es gibt kein öffentliches Verzeichnis dieser Nummer, womit sich wieder einmal die Frage nach dem Sinn dieser Ziffer stellt.

Die längeren Vorläufe für Lastschriften haben auch Einfluss auf Anträge auf Herabsetzung oder Stundung von Vorauszahlungen. Sie müssen dem jeweils zuständigen Finanzamt nun früher vorliegen (Details bei Haufe).

Ärgernis Daten

Kunden klagen in sozialen Netzwerken, dass sie keine Daten mehr auf dem Auszug finden oder dort nur “kryptisches Zeug” oder sogar Error-Meldungen zu lesen bekamen. Bemängelt wurde auch, dass die Inhalte der Auszüge deutlich länger sind obwohl am Platz für den Verwendungszweck gespart wird.

Bisher nutzen offenbar nur wenige Unternehmen das Feld für die Referenznummer (end to end ID). Genau dies würde ich aber empfehlen. Diese Referenz ist ein optionales maximal 35-stelliges Feld, das zur eindeutigen Identifizierung einer Transaktion angegeben werden kann.

Wegen der neuen Formate hakt vor allem auch die automatische Weiterverarbeitung der Kontodaten in die ERP-Systeme in vielen Unternehmen. Dies wäre aber durch rechtzeitige Tests und entsprechende Anpassungen vermeidbar gewesen.

Lösung für die Lastschriften?

Ein großes Ärgernis stellt in Deutschland bekanntlich der Umgang mit der Form der Unterzeichnung von Mandaten dar (siehe zuletzt hier). Die Rechtslage erlaubt zwar auch online erteilte Mandate, die deutschen Banken haben allerdings in ihren Bedingungswerken festgelegt, dass Mandate handschriftlich unterzeichnet sein müssten. Insbesondere für online erteilte Zahlungsaufträge ist das anachronistisch. Deutlich wurde in den letzten Wochen aber, dass große internationale Unternehmen auf die in Deutschland von Banken so zwingend geforderte handschriftliche Unterzeichnung verzichten. Ich jedenfalls habe weder für PayPal, Amazon oder Yapital ein Mandat unterzeichnen müssen. Und das ist gut so.


Dies ist eine leicht überarbeitete Fassung eines Beitrags, den ich ursprünglich für die Webseite der CFOWorld geschrieben.

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