Fondsanbieter nähern sich digitalen Geschäftsmodellen – Angelsächsische Häuser als Vorreiter

by Gastbeitrag on 27. Oktober 2014

Gastbeitrag von Michael Mellinghoff*

Der Begriff Fintech (Abk., Financial Technologies) war bis Anfang 2014 nur Insidern bekannt. Seither wird er aktiv von der deutschsprachigen Presselandschaft aufgegriffen und sorgt damit für Furore in Banken und bei Finanzdienstleistern.

Venture Capital Investments in Fintech vervielfacht

In den Fintech-Sektor sind international seit 2008 knapp 2,97 Mrd USD venture capital geflossen, was einer Verdreifachung seit 2008 entspricht (Quelle: Accenture). Diverse Ankündigungen der letzten Monate lassen vermuten, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren noch verstärkt. Neben auf Fintech spezialisierten Venture Fonds, zB Anthemis, Route66 Ventures, Santander, Sberbank etc. wird #Fintech auch in sektorübergreifenden Portfolios derzeit stärker berücksichtigt.

Die Entwicklung vollzieht sich in Windeseile nachdem viele VCs erkannt haben, dass die Digitalisierung, die andere Branchen bereits umgekrempelt hat auch vor Banking nicht Halt machen wird. Einer der Vorreiter Paypal hat den Banken bereits schmerzhafte Verluste bereitet, indem es die Vorreiterrolle in einer der ehemaligen Domänen der Banken übernommen hat. Weitere Player wie Apple Pay und Facebook stehen kurz davor in den Payment-Markt einzusteigen, von Alibabas Marktposition in China ganz zu schweigen. Weitgehend unbemerkt von traditionellen Banken hat Alibaba innerhalb nur eines Jahres gut 70 Mrd Euro in einem RMB-Geldmarktfonds eingesammelt, einer der größten Publikumsfonds weltweit.

Während Vergleichbares in europäischen Märkten (noch) undenkbar ist, bereiten sich traditionelle angelsächsische Häuser auf die Digitalisierung aktiv vor. Neben zunehmender gesellschaftlicher Akzeptanz von digitalen Angeboten, spielt auch das in UK bereits umgesetzte Provisionsverbot eine Rolle, welches Plattformmodellen Wettbewerbsvorteile verschafft.

Schroders steigt bei Nutmeg ein

Im Juni 2014 sorgte zunächst Schroders für Gesprächsstoff als sie zusammen mit Balderton eine Finanzierungsrunde über 15 Mio GBP beim britischen digitalen Vermögensverwalter nutmeg anführten, inkl. Gremiensitz. Nutmeg ist einer der Vorreiter dieser noch jungen Branche und bietet bankenunabhängige online-basierte Vermögensverwaltung hauptsächlich auf ETF-Basis an, Mindestanlage lediglich 1.000 GBP. Einer der wesentlichen USPs ist die unkomplizierte Kontoeröffnung mit Online-Identifizierung und der einfache Weg zum Produktabschluß, so lassen sich zB unterschiedliche Sparziele nebeneinander komfortabel verfolgen.

Fidelity kooperiert mit Betterment

Nur wenige Tage nach dem der US-amerikanische Player Betterment Anfang Oktober 2014 angekündigt hat, seine Plattform für Finanzberater zu öffnen, hat Fidelity eine entsprechende Kooperation verkündet. Die etwa 3.000 Fidelity-Berater in den USA können nun die Digitaldienste von Betterment nutzen und ihren Kunden anbieten. Betterment hatte erst im Frühjahr 2014 eine Finanzierungsrunde über 32 Mio USD von bestehenden und neuen Investoren (u.a. Citi Ventures) durchgeführt.

Was tut sich in Deutschland?

In Kontinentaleuropa sind ebenfalls einige Startups im Bereich digital asset management bzw. digital wealth management aktiv. Hervorzuheben sind hier moneymeets aus Köln, die im Fonds- und seit neuestem auch im Versicherungsbereich für Provisionstransparenz und Übersicht für den Endkunden sorgen. Erhaltene Provisionen werden den Usern zurückerstattet. Community-Mitglieder können zudem „crowdgesourcte“ Finanzstrategien entdecken und abbilden. Kürzlich ist hier Dieter von Holtzbrinck, Verleger des Handelsblatts, über seine VC-Gesellschaft eingestiegen. Beeindruckend ist hier die Liste der Kooperationspartner aus dem traditionellen Fondsgeschäft, u.a. Augsburger Aktienbank, comdirect bank, DAB und ebase, um die wesentlichen zu nennen.

Oder: Das junge Unternehmen stockpulse bietet Social Media-basierte Sentimentdaten institutionellen und Privatanlegern an, hierfür werden diverse relevante Internetquellen automatisiert fortlaufend ausgewertet, bspw. Twitter oder Yahoo Finance. Eigene Investmentprodukte sind in Vorbereitung. Hinter stockpulse steht Ayondo, die aus diversen Fintech-Startups eine Finanzgruppe bilden.

Den Stealthmodus verlassen hat kürzlich das Startup Cashboard, das digitale Vermögensverwaltung für Privatkunden in mehreren Portfolien anbietet, die sich nach Risikobereitschaft des Anlegers richten. Cashboard bietet unter dem Claim FINANZENTSPANNT produktseitig nicht nur ETFs und ausgewählte aktive Investmentfonds an, sondern auch innovative Anlageklassen wie peer-to-peer-Kredite oder crowdfunding. Eine Betaversion ist online. Going-Live und ein Redesign sind für November angekündigt. Interessant: zum Start wird ein Zins von 2% p.a. zugesagt.

Unterschiedliche Geschäftsmodelle

Weitere Startups, z.B. im Anlage- bzw. Tradingbereich sind bereits am Markt oder befinden sich in der Gründungsphase. Die Geschäftsmodelle variieren mitunter stark. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass einige von ihnen wirkliche Innovationen verkörpern, manche Startups erfolgreich auf Vereinfachung von bisher komplizierter Prozesse setzen (Stichwort User Experience) aber auch andere unter dem innovativen Deckmantel Startup alten Wein in neuen Schläuchen anbieten. Gemein haben alle Geschäftsmodelle, dass sie unter der Reputationsschwäche der Banken seit 2008 und der steigenden gesellschaftlichen Akzeptanz digitaler Geschäftsmodelle profitieren.

Fintech-Veranstaltungen gut besucht

Wie sehr der Fintech-Bereich boomt zeigen auch andere (softe) Faktoren: bereits zum dritten Mal findet am 20. November in Frankfurt das Fintechforum DACH statt und ist bereits seit Wochen ausverkauft. Ausgewählte Startups präsentieren sich dort internationalen Fintech-Investoren. In den vergangenen Jahren wurden Deals und Investments auf den Treffen vereinbart oder abgeschlossen.

Oder: Die Bank Joh. Berenberg, Gossler & Co. KG hat dieses Jahr bereits zwei internationale Fintech-Events für ihre Kunden im Jahr durchgeführt.

Weiteres Beispiel: In London gibt es mitunter bis zu drei (!) attraktive Fintech-Events an einem Abend. Da ist die Qual der Wahl groß.

Mitteleuropäische Banken positionieren sich bisher nur vereinzelt

Aus dem traditionellen Banksektor sind es inbesondere südeuropäische Banken (z.B. BBVA), die sich über Inkubator- oder Accelerator-Modelle dem Fintech-Sektor nähern und damit Wettbewerbsvorteile suchen, aber auch Häuser wie Barclay’s , Lloyds oder die ERSTE Bank der oesterreichischen Sparkassen aus Wien.

In Deutschland ist die Commerzbank vorgeprescht und hat in kurzer Zeit in Frankfurt einen Inkubator (mainincubator) und Commerz Ventures an den Start gebracht, um Kontakte in die Startup-Welt und deren Ideenpool zu knüpfen, während Deutsche Bank Co-CEO Jürgen Fitschen kürzlich erklärte, Startup-Finanzierung sei nicht Sache der Banken.

Hellhörig macht auch der Ansatz der Fidor Tecs AG Developer Days in ihren Zielländern abzuhalten, bei denen die API von Fidor gezeigt wird, zB in UK oder in Russland. Motto: Pirates of Banking.

Fondsgesellschaften jetzt gefragt

Fondsgesellschaften, die sich bisher noch nicht mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt haben, sollten dies zeitnah auf die Management Agenda setzen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Einige Adressen wie Merrill oder Morgan Stanley bereiten laut Financial Times interne Lösungen vor.


* Michael C. Mellinghoff lebt und arbeitet in Frankfurt und London. Er ist Bank- und Diplomkaufmann und war bei mehreren Großbanken in leitenden Positionen im In- und Ausland tätig. Nach zuletzt drei Jahren Start-up-Erfahrung als Geschäftsführer der Aktiencommunity sharewise ist er derzeit im FinTech-Sektor aktiv. Profil LinkedIn

Der Beitrag ist zunächst erschienen auf e-fundresearch und wird hier veröffentlicht mit Erlaubnis des Verfassers.

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