Die sechste Welle Teil 2: Die neuen Basistechnologien

by Karl-Heinz Thielmann on 30. Oktober 2014

Dies ist die Fortsetzung des Beitrags “Die sechste Welle – Teil 1: Innovation und Wachstum”, der sich mit dem Zusammenhang zwischen Innovation und Wachstum befasst.

Kondratjew-Zyklen und Aktienmärkte

Die Frage danach, wo man gerade im Kondratjew-Zyklus steht, ist insbesondere für langfristig orientierte Anleger sehr interessant, da die Entwicklung der Aktienbörsen bisher eng mit dem Verlauf dieser langen Konjunkturwellen verknüpft war. Dies belegt untenstehende Grafik, bei der Simulationsrechnungen für den Verlauf dieser Zyklen sowie die historischen Performancedaten der führenden Aktienmärkte (vor 1871 Großbritannien, danach USA) übereinandergelegt wurden. Mit Ausnahme einer Delle durch den Ersten Weltkrieg stimmen Zyklus und verfügbare Aktienkursdaten gut überein.

Aufschwungphasen im Kondratjew-Zyklus sind in der Regel mit lang anhaltenden Bullenmärkten verknüpft, wie wir es zuletzt in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gesehen haben. Für die Endphasen ist typisch, dass viele Marktteilnehmer nach Perioden lang anhaltenden Fortschritts den zyklischen Charakter verkennen. Sie schreiben mit in ihren Erwartungen die positiven Trends immer weiter in die Zukunft fort und werden viel zu optimistisch. Höhepunkte in der langen Welle waren deshalb immer mit weit übertriebenen Aktienkursen verbunden; wie während der „Roaring Twenties“; der Phase der „Nifty-Fifty“-Aktien Anfang der 70er oder eben während des Internetaktienbooms bis zum Jahr 2000.

Nach dem exzessiven Rausch kam dann jeweils ein heftiger Kater, der meist ca. 10 Jahre wirtschaftliche Stagnation und hohe Volatilität an den Börsen mit sich brachte: Die Weltwirtschaftskrise der 30er und die Ölkrise der 70er Jahre schlossen so jeweils ihre Kondratjew-Zyklen ab. Insofern liegt es nahe, auch die Krisenphase des vergangenen Jahrzehnts zwischen platzender Internetblase, Finanzkrise sowie Euro-Staatsschuldenkrise als Endphase der 5. Welle zu interpretieren.

Inzwischen gehe zumindest ich sogar davon aus, dass die letzte Abschwungphase nicht nur beendet ist, sondern die nächste Aufschwungwelle schon längst begonnen hat. Für diese Sichtweise spricht, dass sich in den vergangenen Jahren in einer Reihe von Forschungsgebieten vielfältige Neuheiten entwickelt haben, die das Potenzial für echte Basisinnovationen haben. Erste Markteinführungen von Produkten, die auf neuen Techniken basieren, sind schon erfolgt oder stehen in absehbarer Zeit bevor. Deswegen erscheint es interessant, einen Blick auf diese Innovationen zu werfen, die unser Leben – und auch die Wertentwicklung unserer Kapitalanlagen entscheidend beeinflussen können.

Die 12 neuen Kondratjew-Wellenreiter: potenzielle Basistechnologien im guten Dutzend

2013 hat das McKinsey Global Institute eine große Studie zu disruptiven Technologien *) und ihren potenziellen Auswirkungen vorgestellt. Selbst wenn ich nicht alle Ergebnisse dieser Untersuchung vollständig teilen kann, so halte ich die angewandte Kategorisierung von Zukunftstechnologien für sehr aussagekräftig und möchte sie hier übernehmen:

*) = Disruptive technologies: Advances that will transform life, business and the global economy (Mai 2013)

  1. Mobiles Internet => immer kostengünstigere und leistungsfähigere mobile Computersysteme verbessern die Konnektivität und ermöglichen damit immer weitergehende Anwendungen.
  2. „Internet of Things“ => Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte (Things) mit der virtuellen Repräsentation in einer Internet-ähnlichen Struktur. Dies wird ermöglicht durch eine Vielzahl von Sensoren zum Datensammeln sowie Miniaturrechentechnik zum Auswerten.
  3. „Cloud“-Technologie => Auslagerung von Computer-Hardware und -Software über das Internet.
  4. Autonome Fahrzeuge => Fahrzeuge, die sich selbstständig fortbewegen, entweder völlig autonom oder nur noch vom Menschen überwacht.
  5. Intelligente Software => Software, die auch komplexe und unstrukturierte Aufgaben bearbeiten, lernen, kreativ Lösungen erarbeiten sowie Werturteile abgeben kann.
  6. Intelligente Roboter => zusammen mit verbesserter Sensortechnik stellen intelligente Roboter die Hardwareanwendung von intelligenter Software dar; also Roboter, die selbstständig in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge zu analysieren und autonom Handlungen auszuführen.
  7. Genomik => Anwendung von Big Data auf die Gen-Sequenz-Analyse; synthetische DNA.
  8. 3D-Druck => kostengünstige Herstellung von komplexen und auf individuellen Anforderungen basierenden Produktionsteilen.
  9. Neue Materialien => neuartige Werkstoffe, die gegenüber den bisher üblichen weit verbesserte Materialeigenschaften haben.
  10. Energiespeicher => kostengünstige und leistungsfähige Energiespeicher.
  11. Erneuerbare Energien => stark in der Effizienz verbesserte Technologien der Stromgenerierung, die eine Energiegewinnung aus erneuerbaren Energiequellen ohne Förderung durch Subventionen ermöglichen.
  12. Neue Fördertechnologien => effizientere Verfahren zur Förderung von Rohstoffen, welche die Ausbeutung von bisher nicht wirtschaftlich erschließbaren Vorkommen erlauben.

Zwar ist es derzeit noch nicht möglich, abzuschätzen, wie erfolgreich die einzelnen Technologien tatsächlich sein und welche Unternehmen hiervon am meisten profitieren werden. Klar ist aber, dass noch nie in der Wirtschaftsgeschichte ein so umfangreiches und vielfältiges Spektrum an potenziellen Basistechnologien in den Startlöchern stand. Und viel konkreter als die Gewinner der zukünftigen Entwicklungen zeichnen sich die potenziellen Verlierer ab: die Repräsentanten der alten Technologien, die im nun anstehenden Prozess der kreativen Zerstörung verdrängt werden.

Für Anleger ist deshalb derzeit die Identifikation von potenziellen Verlierern wichtiger als die Suche nach den Gewinnern des „next big thing“. Entscheidend für den zukünftigen Investmenterfolg wird eine möglichst frühzeitige Vermeidung von Unternehmen sein, denen der strukturelle Niedergang bevorsteht. Ihnen entzieht der technische Fortschritt entweder die Geschäftsgrundlage, ähnlich wie er es früher mit Hufschmieden, Kesselflickern oder Fassmachern gemacht hat; oder er sorgt für schmerzhafte und kostspielige Anpassungsprozesse, wie im vergangenen Jahrhundert bei der Textilindustrie oder Konsumelektronik.

Dieser Artikel erschien in leicht abgewandelter Form ebenfalls in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 30 vom 6. Oktober 2014.

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