Working-Capital-Management ist Priorität für Unternehmenstreasurer

by Gastbeitrag on 7. April 2015

Gastbeitrag Matt Wreford, CEO des in London ansässigen Technologie- und Beratungsdienstleisters Demica.

Für Unternehmen bleibt die Optimierung von Betriebskapital eines der wichtigsten Themen auf der Agenda. Die zunehmende Regulierung und Beaufsichtigung der Kapitalmärkte führt vielerorts zu steigenden Kreditkosten. Obwohl in Deutschland ansässige Firmen derzeit noch von vergleichsweise günstigen Finanzierungsbedingungen profitieren, wird auch hierzulande Working-Capital-Management als alternative Kapitalquelle geschätzt. Warum das so ist, erläutert Matt Wreford*

Gemäß einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC aus dem Jahr 2014 sind ganze 1.4 Billionen Euro an Liquidität in den Bilanzen der Unternehmen gebunden. Der Report zeigt außerdem, dass Firmen zunehmend mehr Kapital benötigen. Daher sind geschätzte 103 Billionen Euro zusätzlich pro Jahr notwendig, um das aktuelle Betriebskapitalniveau halten zu können ohne Kapitalanlagen zu beeinträchtigen. Ausgehend von der Annahme, dass Unternehmen weiterhin im bescheidenen Umfang von einem Prozent pro Jahr wachsen, müssen sie mehr als 300 Billionen Euro auftreiben, um Betriebskapital und erhöhten Kapitalaufwand über die nächsten drei Jahre finanzieren zu können.

Working-Capital-Management zur Kapitalbeschaffung

Mit effizientem Working-Capital-Management setzen Firmen Kapital für Investitionen frei und steigern Kapitalerträge sowie Shareholder Value. Eine verbesserte Working-Capital-Performance resultiert mit großer Wahrscheinlichkeit auch in einer besseren Bewertung durch den Kapitalmarkt im Vergleich zu den Mitstreitern. Firmen müssen dazu die Verwaltung von Forderungen, Verbindlichkeiten und Beständen überprüfen. Prinzipiell gilt es, Forderungen zu tilgen, Zahlungsziele zu verlängern und Inventar zu reduzieren.

In einer Umfrage, die Demica kürzlich gemeinsam mit der Publikation Treasury Management International unter 78 Corporate Treasurern und Senior Finanzmanagern durchgeführt hat, nannten die Teilnehmer effektiveres Cash-Management, Freisetzung von Betriebskapital und die diesbezügliche Risikosteuerung als Prioritäten für die kommenden zwölf Monate. Sechzig Prozent der Teilnehmer erkennen für die nächsten fünf Jahre viel bis sehr viel Potenzial zur Freisetzung von gebundenem Betriebskapital in ihren jeweiligen Branchen. Mehr als 85 Prozent beobachten ein gesteigertes Interesse an Methoden zur Freisetzung von Liquidität aus Forderungen.

Mögliche Maßnahmen zur Optimierung des Working Capital dürfen jedoch nicht in Isolation vom geschäftlichen Umfeld betrachtet werden, denn sie können schnell negative Auswirkungen auf die Betriebskapitalanforderungen anderer Firmen in der Lieferkette haben. Das wiederum schädigt die Geschäftsbeziehungen und möglicherweise sogar die finanzielle Gesundheit von Zulieferern und Kunden, und kann so die Robustheit der gesamten Lieferkette bedrohen. Da der Erfolg eines Unternehmens stets vom Wohlergehen seiner Zulieferer und Kunden abhängt, ist ein ganzheitlicher Ansatz notwendig, damit die Aktionen dem gesamten Netzwerk der Lieferkette zugute kommen.

SCF, TRS und Factoring

Lieferkettenfinanzierung (Supply Chain Finance, SCF) stellt eine zunehmend beliebte Lösung für das Working-Capital-Management dar. Käuferunternehmen können dadurch ihre Zahlungsziele verlängern ohne Lieferanten zu schädigen, denn der Finanzierungspartner begleicht die Rechnung umgehend. Das gute Kreditrating des Käufers garantiert dabei attraktive Finanzierungsraten. Unter unseren Umfrageteilnehmern wurde ein besonders hoher Nutzungsgrad von SCF festgestellt: 40 Prozent bieten ihren Lieferanten bereits eine entsprechende Finanzierungsfazilität. Die Hälfte dieser Programme verfügt über globale Reichweite, etwa ein Drittel hat regionale Dimensionen, und bei den restlichen handelt es sich um Inhouse-Lösungen. Die Verbesserung der Liquidität für den Käufer ist dabei der zentrale Treiber für die Implementierung der Programme, gefolgt von der Bereitstellung von Liquidität für den Lieferanten sowie der Reduzierung von Supply-Chain-Risiken.

Außerdem können Firmen durch Forderungsverbriefungen (Trade Receivables Securitisation, TRS) Liquidität aus Forderungen gewinnen. Diese Finanzierungsform ist insbesondere für Unternehmen interessant, die über ein ausreichendes Volumen qualitativ hochwertiger Forderungen verfügen um den Aufwand zu rechtfertigen. Zwar hat das Image von Forderungen generell darunter gelitten, dass deren Missbrauch zur globalen Finanzkrise von 2008 geführt hat, TRS ist dabei jedoch relativ glimpflich davon gekommen, da solche Programme durch solide und messbare Vermögenswerte gedeckt sind. Unter den befragten Treasurern nutzen 16 Prozent TRS, um Forderungen in Cash umzuwandeln. Von denen, die dieses Instrument noch nicht nutzen, plant ein Viertel, das innerhalb der nächsten 12 Monate zu tun.

Mit Hilfe von Forderungsverbriefungen können Unternehmen ihre Liquidität erhöhen, Finanzierungskosten reduzieren und die Finanzierungsstruktur diversifizieren. Insbesondere Firmen des Sub-Investment-Grade-Segments oder ohne Kreditrating können durch den Einsatz von TRS-Programmen Kapitalmärkte erschließen, zu denen sie andernfalls keinen Zugang hätten. Für Kapitalgeber stellen Forderungen eine attraktive Anlagekategorie dar, da sie sich selbst liquidieren, in der Regel kurzfristig angelegt sind und sich für revolvierende Finanzierungen eignen. Sie sind außerdem weniger volatil als Konsumentenforderungen, da die Notwendigkeit zum Erhalt der Lieferkette die Bezahlung der Lieferanten zur Priorität für die Firmen macht.

Factoring, das einst als das bevorzugte Finanzierungstool für KMUs gehandelt wurde, wird mittlerweile auch zunehmend von Großunternehmen genutzt. Gemäß einer Studie von Factor Chain International (FCI) betrug das globale Factoring-Volumen im Jahr 2013 ganze 2.230 Billionen Euro, was einen fünfprozentigen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Derzeit nutzt über ein Viertel der Teilnehmer in unserer Studie Factoring zum Verkauf ihrer Forderungen. Ein weiteres Drittel derer, die das momentan noch nicht tun, plant dies für das kommende Jahr. Da Handelsgeschäfte weltweit zunehmend auf offene Rechnung (Open Account) abgewickelt werden, bleiben Forderungen weiterhin die größte Assetklasse in den Geschäftsbüchern der Unternehmen.

Nicht zu vernachlässigen: Inventurmanagement

Eine effiziente Strategie der Betriebskapitaloptimierung muss, zusätzlich zum Management von Forderungen und Verbindlichkeiten, effektives Bestandsmanagement einschließen. Wegen der Kreditknappheit im Anschluss an die Finanzkrise ist Bestandsoptimierung bei der Freisetzung von gebundenem Kapital zunehmend in den Fokus gerückt. Die Reduzierung von Lagerbeständen ist jedoch ein Balanceakt. Firmen müssen sicherstellen, dass sie über genügend Waren verfügen um die kundenseitige Nachfrage unter Berücksichtigung von Nachfragespitzen befriedigen zu können. Gleichzeitig sollten sie überschüssigen Bestand vermeiden, denn der frisst Bargeld und bringt je nach Produktpalette das Risiko der Veralterung mit sich. Deshalb ist es wichtig, dass die Bereiche Geschäftsbetrieb und Finanzen beim Cash-Flow-Management eng zusammenarbeiten, um mögliche Auswirkungen in die Überlegungen mit einbeziehen zu können.

Kontinuität führt zum Erfolg

Working-Capital-Management muss in Geschäftsprozesse, Richtlinien und Handlungsanweisungen eingebettet werden, und operationelle sowie strukturelle Anpassungen sind immer wieder notwendig, um gleichbleibend positive Ergebnisse oder eventuell sogar bessere Resultate zu erzielen. Durch den intelligenten Einsatz von Technologielösungen können Firmen finanzielle Prozesse automatisieren und Transparenz und Effizienz von Betriebsabläufen verbessern.

Eine Patentlösung gibt es dafür jedoch – wie so oft – nicht: jedes Unternehmen muss einen zu den eigenen Umständen passenden Ansatz verfolgen, um die individuellen Ziele zu erreichen. Working Capital ist eine ideale Quelle für zusätzliches Kapital. Betriebskapitallösungen sollten deshalb nicht nur als eine Option, sondern als fester Bestandteil einer Finanzierungsstrategie betrachtet werden, mit der Firmen den Anforderungen einer zunehmend globalisierten Lieferkette gerecht werden können.


* Matt Wreford ist CEO des in London ansässigen Technologie- und Beratungsdienstleisters Demica.

Die Studie „Cash Positive?“ kann unter http://www.demica.com/images/PDFs/cash_positive.pdf heruntergeladen werden.

Stefan Rapp April 7, 2015 um 22:53 Uhr

300 Billionen Euro ? Wohl eher 300 Milliarden. Typischer Übersetzungsfehler.

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