Bernanke knöpft sich den deutschen Handelsüberschuss vor

by Gastbeitrag on 16. April 2015

Gastbeitrag von Acemaxx Analytics*

Ben Bernanke nimmt sich in seinem aktuellen Blog-Eintrag des Themas „globale Ungleichgewichte“ (global imbalances). Die Betonung betrifft v.a. Deutschlands Überschuss im Außenhandel in Höhe von 250 Mrd. EUR, was rund 7% des BIP des Landes entspricht.

Bereits am Vortag hatte der ehemalige Fed-Präsident die Problematik angesprochen: In einer Welt, in der die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu kurz greift, ist „das Fortbestehen eines großen deutschen Leistungsbilanzüberschusses beunruhigend“.

Auf die Frage, warum Deutschlands Überschuss im Außenhandel so groß ist, nennt Bernanke vorerst „zwei wichtige Gründe“:

(1) Der Euro: Es mag dahingestellt sein, ob die Gemeinschaftswährung sich derzeit für alle 19 Länder in der Eurozone auf dem richtigen Niveau befindet, oder nicht. Aber der Euro ist zu schwach angesichts der tiefen Löhne und der Produktionskosten in Deutschland, um mit einem ausgewogenen deutschen Handel im Einklang zu stehen.

Nach der IWF-Schätzung vom Juli 2014 ist der um die Inflation angepasste Wechselkurs um 5 bis 15% unterbewertet. Seither hat sich der Euro um weitere 20% (gegenüber dem USD) abgewertet, unterstreicht Bernanke.

Der vergleichsweise schwache Euro ist ein unterschätzter Nutzen für Deutschlands Teilnahme an der Währungsunion. Wenn Deutschland die D-Mark hätte, wäre die Währung heute wesentlich stärker als der Euro, was die Kostenvorteile der deutschen Exporte erheblich reduzieren würde.

Außenhandel, USA, China und Deutschland im Vergleich, Graph: Prof. Ben Bernanke in: Brookings Blog

(2) Der deutsche Außenhandelsüberschuss wird durch die politische Praxis wie z.B. durch die restriktive Fiskalpolitik gefördert, die die inländischen Ausgaben des Landes unterdrückt, einschließlich die Ausgaben für die Einfuhren. In der träge wachsenden Weltwirtschaft bedeutet es Mangel an Nachfrage, weshalb Deutschlands Handelsüberschuss ein Problem ist.

Die Tatsache, dass Deutschland so viel verkauft als es einkauft, leitet die Nachfrage von seinen Nachbarn (genauso von anderen Ländern in der Welt) um, was die Produktion und die Beschäftigung außer Deutschland reduziert, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo die Geldpolitik in vielen Ländern an ihre Grenzen stösst.

Idealerweise müssten die Löhne im Rest der Eurozone im Verhältnis zu Löhnen in Deutschland fallen, um die relativen Produktionskosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Das führt aber zu Deflation, da die EZB derzeit das eigene Inflationsziel unterläuft.

Deutschland verfügt dennoch über einige politische Instrumente, um den Überschuss im Außenhandel zu reduzieren:

(a) Investitionen in die öffentliche Infrastruktur. Deutschland kann sich heute auf 10 Jahre für weniger als ein Fünftel Prozentpunkt (um die Inflation bereinigt sogar unter null) Kapital am Markt leihen. Investitionen in die Infrastruktur würden den Überschuss abbauen und die inländische Nachfrage stimulieren, während die Beschäftigung und die Löhne steigen würden.

(b) Erhöhung der Löhne der deutschen Arbeitnehmer: Deutsche Arbeiter verdienen eine wesentliche Lohnerhöhung. Höhere Löhne würden zu einem Anstieg des Einkommens und des Konsums führen. Tendenziell würde der Handelsüberschuss abgebaut.

(c) Reformen: Deutschland könnte durch gezielte Reformen die Inlandsausgaben erhöhen, darunter mit steuerlichen Anreizen für private Investitionen, durch die Beseitigung von Hindernissen im Wohnungsneubau, Reformen im Einzelhandel und im Dienstleistungssektor.

PS: Dass die Lücke in der Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Eurozone über die Anpassung der Lohnstückkosten geschlossen werden kann, schreibt Heiner Flassbeck seit vielen Jahren. In einer Währungsunion wie beispielsweise der EWU müssen Löhne an die Produktivität plus Inflationsziel der EZB angepasst werden, damit sich eine Konvergenz der Wettbewerbsfähigkeit ergibt. Deutschland muss die Löhne erhöhen, sagte der Chefökonom der UNO-Organisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD) z.B. vor zwei Jahren in einem lesenswerten Interview mit der FuW aus der Schweiz. Bitte nachlesen.


Der Beitrag ist ein erlaubter Crosspost des Blogs Acemaxx-Analytics und ist ursprünglich hier erschienen.

Tim April 16, 2015 um 08:51 Uhr

Die deutschen Binnennachfrage (gemessen am Anteil am BIP) entspricht recht genau dem europäischen Durchschnitt, die vielzitierte Nachfrageschwäche ist und bleibt ein Märchen.

Und die deutschen Exporteure sind nicht wegen niedriger Löhne so wettbewerbsfähig (eine absurde Behauptung angesichts der Lohnstruktur in der Exportwirtschaft!), sondern aufgrund der intelligenten Produktsstruktur, die in den letzten 20 Jahren brillant internationalisiert wurde.

Bei den fehlenden Infrastrukturinvestitionen hat Bernanke immerhin recht.

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