Macht die Deutsche Bank Aktionäre und Öffentlichkeit zu Muppets?

by Dirk Elsner on 15. Juni 2015

Als ich während meines Urlaub zunächst über Twitter und dann über die Nachrichtenwebseiten vom Führungswechsel der Deutschen Bank erfuhr, war ich schon ein wenig überrascht. Eigentlich hätte ich in deutlicher zeitlicher Nähe zur Hauptversammlung mit dem Austausch gerechnet. Das Murren einflussreicher Aktionäre schon lange vor der HV, die nicht endenden Rechtsfälle und die schlechte Performance der Aktie hätten 98% aller Aufsichtsräte veranlasst, den Vorstand zu tauschen.

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Aktionäre hoffen auf sprudelnde Quellen bei der Deutschen Bank

Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank beugte sich zunächst nicht dem öffentlichen Druck. Unabhängig von der Leistung an der Spitze, fand ich das erst einmal richtig. Unternehmen in solcher Größenordnung lassen sich nicht so führen, wie Kommentatoren, Analysten oder Blogger sich das manchmal vorstellen. Unternehmen, wie die Deutsche Bank, sind hoch komplexe Netzwerke mit einem nahezu undurchschaubaren Machtgefüge, in denen ökonomische Rationalität eher eine Nebenbedingung ist. Wir Außenstehenden wissen viel zu wenig von dem was sich im Kern dort abspielt. Es hätte ja auch sein können, dass der Aufsichtsrat unter den Leitung von Paul Achleitner einen ausgeklügelten Plan verfolgt, der zunächst nicht transparent gemacht werden sollte. Allerdings hätte das schon ein sehr guter Plan sein müssen. Offensichtlich gab es einen solchen Plan nicht.

Die Nachricht vom vorvergangenen Sonntag verstärken weitere Zweifel an der Führungsorganisation. Darüber haben viele geschrieben. Es verstärkt sich aber auch der Eindruck, dass Aktionäre und Öffentlichkeit mit den Erklärungen zu Muppets* gemacht werden.

Das beginnt damit, das Jürgen Fitschen und Anshu Jain erst über zwei Wochen nach der HV angeboten haben sollen, ihr Amt vorzeitig niederzulegen. Ich glaube nicht, dass sie das erst nach der HV gemacht haben. Der Druck war bereits vorher so groß, dass Leute mit dem Format eines Fitschen und Jain, ihre Ämter sicher gern schon vor der HV abgegeben hätten. Die öffentliche Demütigung mit der niedrigsten Entlastungsquote eines DAX-Konzerns für einen Vorstand hätten sie sich gern erspart.

Dann hätte sich Paul Achleitner als Vorsitzender des Aufsichtsrats auch diesen Satz sparen müssen:: “Ihre Entscheidung, ihr Amt früher als geplant niederzulegen, zeigt auf eine beeindruckende Weise ihre Einstellung, die Interessen der Bank vor ihre eigenen zu stellen. Wir sind dankbar, dass Jürgen Fitschen sich bereit erklärt hat, seine bisherige Funktion bis zum Abschluss der Hauptversammlung am 19. Mai 2016 wahrzunehmen, um einen geregelten Übergang sicherzustellen.“

Der Satz ist aus vielen Gründen sehr problematisch, besonders aber, weil hier noch einmal betont werden muss, dass Jain und Fitschen ihre eigenen Interessen für die Bank zurückstellen. Das wird von jedem Angestellten, vom Pförtner über die Schalterkraft bis hin zum Bereichsleiter erwartet. Und natürlich gilt das auch für Vorstände, die dafür sogar unverhältnismäßig großzügig entlohnt werden.

Das merkwürdige Spiel um die Führungskrise ist sogar einer Rating-Agentur so unangenehm aufgestoßen, dass sie dazu einen eigenen Kommentar gab. Sie knallte diesen Satz hin, den ich für das Bankenwesen in dieser Deutlichkeit ungewöhnlich finde:

“Doch das Unvermögen, sofort einen internen Kandidaten als Nachfolger für den Vorstandsvorsitz zu benennen, deutet auf eine nicht angemessene Pipeline an Führungspersönlichkeiten hin.“ (zitiert nach Handelsblatt).

Dass es ausgerechnet in der Deutschen Bank nicht genügend Führungspersönlichkeiten geben soll, halte ich dagegen für einen Witz. Aber die Besetzung von Vorstandsposten folgt meist Ritualen, die wenig mit betriebswirtschaftlicher Logik und mehr mit öffentlichen Storytelling zu tun haben. Es gibt mit Sicherheit interne viele Kandidaten, die die Bank führen können und auch wollen. Offenbar hält der Aufsichtsrat diese aber nicht für vermittelbar. Und leider kommt es heute oft immer darauf an, dass man um einen CEO vor allem verkaufbare Geschichten stricken kann. Ob damit der Brite John Cryan eine schlechte Wahl ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

Als Beobachter jedenfalls hat man weiter den Eindruck, die Bank macht kaum Fortschritte. Sie will weiter am Schleier der Perfektion festhalten, damit niemand die wirklichen Ausmaße der Baustellen erkennt. Damit nimmt sie vor allem ihre Aktionäre nicht ernst. Diese haben das schon lang erkannt. Seit Jahren wird die Aktie deutlich unter dem von der Bank ermittelten Buchwert gehandelt.

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* Zur Erinnerung für die, die 2012 noch nicht dabei waren: Die Bezeichnung “Muppets” soll auf Aussagen von Mitarbeitern der Investmentbank Goldman Sachs zurückgehen. Greg Smith, ein ehemaliger und Goldman-Mann schrieb 2012 in der New York Times, dass Direktoren der Investmentbank Kunden als Muppets bezeichnet haben, weil die Kunden bestimmte Geschäfte nicht durchschauen und deswegen zu viel Geld zahlen. Natürlich wird das von Goldman Sachs selbst bestritten. Aber die Welt ist voll mit Beispielen und Gerichtsentscheidungen, in denen nachgewiesen wurde, dass Finanz- und andere Profis die Unerfahrenheit und das mangelnde Wissen über ihrer Geschäftspartner ausgebeutet haben.

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