Korruption und die Aktienmärkte – Teil 2: Asien, Schwellenländer & Fazit

by Karl-Heinz Thielmann on 23. Juli 2015

In dem am Dienstag erschienenen ersten Teil dieser Analyse wurde gezeigt, dass für die Aktienmärkte Westeuropas und Nordamerikas in den vergangenen Jahren ein relativ eindeutiger Zusammenhang zwischen der Börsenperformance und dem Niveau in der Korruption bestand. Bestechlichkeit schadet der Wirtschaft, und dies schägt sich auch in einer unterdurchschnittlichen Aktienkursentwicklung nieder. Doch gilt dieses klare Ergebnis auch in den entwickelten Nationen Asiens und den Schwellenländern?

Korruption in entwickelten Nationen im asiatischen Pazifikraum: kein eindeutiger Zusammenhang sichtbar

Der hier betrachtete Kreis von Ländern ist mit Südkorea, Taiwan, Japan, Hongkong, Australien, Singapur sowie Neuseeland die kleinste Gruppe unter den betrachteten. Diese Zusammenfassung ist nicht unproblematisch, da man Australien und Neuseeland kulturell durchaus auch den angloamerikanischen Ländern zurechnen kann. Weiterhin stand Südkorea 2002 noch auf dem Sprung vom Schwellenland zum entwickelten Land. Dennoch haben alle diese Nationen inzwischen ein Pro-Kopf-BIP von über 30.000US$ und müssen daher als entwickelt angesehen werden; weiterhin gehören sie mit ihrer Pazifikregion einem einheitlichen Wirtschaftsraum an. Insofern scheint es gerechtfertigt, sie zusammen zu betrachten.

Bei den Ländern der Pazifikregion ist kein Zusammenhang zwischen Börsenentwicklung und Korruption erkennbar. Auffällig ist, die asiatischen Stadtstaaten wie Hongkong (8,2) und Singapur (9,3) sowie die kulturell europäisch geprägten Länder Australien (8,6) und Neuseeland (9,5) beim CPI Topwerteerzielen, die mit den besten Ländern in Europa und Nordamerika vergleichbar sind. Allerdings führen diese sehr guten Werte anscheinend nicht notwendigerweise zu einer überdurchschnittlichen Börsen-Performance.

Kein einheitliches Bild liefert ebenfalls die Betrachtung der Veränderungsraten des CPI. Hier gab es vor allem positive Veränderungen, bei der jedoch nur der Anstieg von 21% bei Südkorea bemerkenswert war. Dieser war zwar mit einer sehr guten Performance (+351%) verbunden, die aber im regionalen Kontext nicht herausragend war.


Allerdings ist in Abgrenzung zu den anderen beiden Gruppen festzuhalten, dass es auch keine signifikanten negativen Veränderungen beim CPI gab. Die Korruption hat sich in dieser Gruppe im Betrachtungszeitraum nirgends wesentlich verschlechtert.

Für die Länder der entwickelten Pazifikregion lässt sich abschließend festhalten, dass hier Korruption und Aktienperformance nicht zusammenzuhängen scheinen oder andere Faktoren – wie die z. B. die strukturellen Probleme in Japan oder Rohstoffpreise – wichtiger gewesen sein dürften.

Schwellenländer: Korruption  muss nicht schaden und kann sogar der wirtschaftlichen Entwicklung nützen

Die Schwellenländer zeichnen sich i.d.R. durch vergleichsweise schlechte Werte beim CPI aus. Einzige Ausnahme ist Chile mit einem CPI in 2002 von 7,5, was in diesem Jahr sogar etwas besser als der Wert von Deutschland war (7,3).

Vergleicht man Wertentwicklung und Korruptionsindex, gibt es in dieser Gruppe eine Überraschung: Die von der Börsenperformance besten Länder hatten 2002 gleichfalls sehr schlechte Werte beim CPI. Allerdings ist die Streuung relativ groß, sodass die Aussage weniger eindeutig ist als die gegenteilige bei den entwickelten Ländern Westeuropas und Nordamerikas. Allerdings lässt sich festhalten: Korruption scheint in Schwellenländern zumindest nicht besonders zu schaden.

Dieser Eindruck verfestigt sich, wenn die osteuropäischen Märkte Russland, Polen, Tschechische Republik und Ungarn aus der Betrachtung herausgenommen werden. Diese Region ist aufgrund der inzwischen erreichten Werte beim BIP pro Kopf zwischen 24.300 US$ (Ungarn) und 28.400 US$ (Tschechische Republik) eher einer Grauzone zwischen entwickelten Nationen und Schwellenländern zuzuordnen. Zudem spielen sie mit einer relativ hohen politischen Instabilität sowie der engen wirtschaftlichen Verbindung mit Westeuropa eine Sonderrolle. Letzteres dürfte insbesondere für Polen und die Tschechische Republik wichtig sein, die deutliche Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung gemacht haben, aber trotzdem eine nur mäßige Börsenperformance hatten.

Für die Schwellenländer außerhalb Osteuropas lässt sich relativ eindeutig festhalten, dass die 2002 korruptesten Länder danach die beste Performance hatten. Dieses Ergebnis scheint auf den ersten Blick der Ausgangsthese zu widersprechen. Ein etwas differenzierteres Bild ergibt sich jedoch, wenn die Veränderungen im CPI mit der Wertentwicklung in Bezug gesetzt werden.

 

Für die Schwellenländer außerhalb Osteuropas ergibt sich mit Bezug auf die Veränderung des CPI ein relativ eindeutiges Resultat: Wenn sich der CPI-Wert verschlechtert, ist die Performance unterdurchschnittlich. Wenn der CPI-Wert gleich bleibt oder sich verbessert, ist das Ergebnis für die Wertentwicklung nicht eindeutig. Allerdings haben außerhalb Osteuropas alle Länder, die sich bei der Korruption deutlich verbessert haben, eine weit überdurchschnittliche Performance gezeigt.

 

Für Schwellenländer (ohne Osteuropa) ergibt sich also ein anscheinend paradoxes Gesamtergebnis: Ein hohes Ausgangsniveau bei der Korruption scheint zunächst einmal gut für die Performance zu sein. Gleichzeitig schadet eine Verschlechterung bei der Korruption relativ eindeutig. Eine Verbesserung bei der Korruption ist auf keinen Fall schlecht, scheint für den Börsenerfolg aber auch nicht unbedingt notwendig.

Die Schädlichkeit von Korruption hängt davon ab, wie sie organsiert ist.

Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen könnte der britische Ökonom Alan Beattie liefern, der vor einigen Jahren in seinem Buch „False Economy“ scheinbar paradoxen ökonomischen Phänomenen auf den Grund gegangen ist. Hierbei hat er sich auch mit der Korruption in Entwicklungsländern befasst und die Frage untersucht, warum in es dieser Gruppe scheinbar sehr korrupten Ländern relativ gut geht, während Länder mit um mehr Ehrlichkeit bemühten Herrschern scheitern.

Beattie unterschied zwei Arten von Korruption in Entwicklungsländern, die sich unterschiedlich auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirken:

  • Zum einen die zentralisierte und organisierte Korruption, die laut Beattie speziell für viele ostasiatische Länder typisch ist. Voraussetzungen hierfür sind ein autokratischer Staat, an dessen Spitze ein starker Herrscher steht; sowie die Tradition einer starken Bürokratie, die ihren Beamten klare Funktionen zuordnet. Diese Staatsdiener sind zwar bestechlich; übertreiben die Korruption aber selten, weil sie ihre Position langfristig ausbeuten wollen. Weiterhin besteht ein informelles Einverständnis, wer wofür zu bestechen ist. So kann derjenige, der besticht, sich relativ sicher sein, dass er auch genau das bekommt, was er will. Korruption ist dann wie eine illegale Servicegebühr, die zwar ärgerlich ist, jedoch die Wirtschaft nur gering hemmt, sofern sie nicht übertrieben wird.
  • Im Gegensatz dazu steht eine dezentrale und unorganisierte Korruption, die laut Beattie eher für Afrika und Südamerika typisch ist. Der Staat ist traditionell eher schwach, Verwaltungsstrukturen oft chaotisch und den Einflüssen lokaler Führer ausgesetzt. Dies schafft eine hohe Unsicherheit sowohl für den Bestecher wie auch den Bestochenen. Korrupte Beamte haben den Anreiz, möglichst schnell möglichst viel abzuzocken, da unklar ist, wie lange sie ihre Privilegien behalten können. Ihre Befugnisse sind oft unklar, weshalb ebenfalls der Zahler von Schmiergeldern nie weiß, ob er am Ende bekommt, was er will. Diese Form der Korruption wirkt sich schnell und direkt sehr negativ auf die Wirtschaft aus.

Beattie verteidigt nicht die zentralisierte und organisierte Korruption, weil er ebenfalls klarstellt, dass sie langfristig ebenfalls zu erheblichen Zersetzungserscheinungen in der Gesellschaft führt. Bei einer Gewöhnung an Bestechung sind auf Dauer schwere soziale Konflikte und eine erhebliche Fehlsteuerung von Ressourcen unvermeidbar. Zudem nimmt die Sensibilität korrupter Beamter mit der Zeit ab, es mit Bestechungsforderungen nicht zu weit zu treiben. Allerdings kann es Jahrzehnte dauern, bis die Erosion eines organisierten Korruptionssystems die Wirtschaft schwer schädigt.

Kurzfristig kann sie sogar dem Wachstum nützen, wenn korrupte Politiker eine industrielle Expansion durch Umgehung von Kontrollen schneller vorantreiben. Dezentrale und unorganisierte Korruption schädigt die Wirtschaft aber unmittelbar und nachhaltig. Sie erklärt relativ gut den andauernden Entwicklungsrückstand vieler afrikanischer und südamerikanischer Länder.

Fazit:

Anleger haben sich bei Auslandsinvestments bisher wenig um Korruption gekümmert, es sei denn, aus ethischen Erwägungen. Dennoch kann sie ebenfalls aus rein renditeorientierten Gesichtspunkten ein wichtiges Kriterium sein. Diese Auswertung zeigt, dass Korruption nicht nur schädlich für die Wirtschaft sein kann, sondern sich dies auch in der Börsenentwicklung widerspiegelt. Allerdings gilt dies nicht überall in der gleichen Weise:

  • Ein klarer positiver Zusammenhang zwischen geringer Korruption und überdurchschnittlicher Börsenperformance ist nur für die entwickelten Länder Westeuropas und Nordamerikas erkennbar.
  • Bei den Schwellenländern (ohne Osteuropa) scheint das Ausgangsniveau an Korruption eine relativ geringe Rolle zu spielen. Bei einigen Nationen wie den Philippinen, Indonesien oder Thailand schien ein hohes Ausgangsniveau im Betrachtungszeitraum sogar eher zu nützen.
  • Wesentlich erscheint bei Schwellenländern (ohne Osteuropa) vor allem, wie sich das Korruptionsniveau verändert. Alle Länder dieser Gruppe, deren CPI-Index sich stark verbesserte, hatten auch eine überdurchschnittliche Aktienperformance. Die meisten Nationen, in denen der CPI-Index sich verschlechterte, hatten eine klar unterdurchschnittliche Performance.
  • In allen Vergleichsgruppen haben sich signifikante Verschlechterungen im CPI-Index ebenfalls in einer unterdurchschnittlichen Börsenperformance widergespiegelt. Der Umkehrschluss, dass weniger Korruption auch zu einer generell besseren Wertentwicklung bei Aktien führt, wurde aber nicht bestätigt.

Als Konsequenz für langfristige Investoren ergibt sich, dass für die Aktienperformance der entwickelten Länder Westeuropas und Nordamerikas vor allem das aktuelle Niveau der Korruption wichtig ist, während bei Schwellenländern die Dynamik in der Veränderung der Korruption hohe Bedeutung hat.

Korruption erweist sich als ein wesentlicher Risikofaktor für Investoren: In entwickelten Ländern ist ein relativ hohes Bestechlichkeitsniveau ein signifikantes Warnsignal. In Schwellenländern hingegen muss sich selbst hohe Korruption nicht negativ auf die Performance auswirken; es sei den, sie verschlechtert sich weiter. Bestechlichkeit ist aber nicht der einzige Risikofaktor. Bei starker Abhängigkeit eines Marktes von einzelnen Sektoren oder Unternehmen oder politischen Problemen können andere Faktoren wichtiger sein, wie die Ausreißer zeigen: Finnland litt unter dem Niedergang von Nokia, Australien unter Rohstoffpreisen, Japan unter langjährigen Strukturproblemen.

Für langfristig orientierte Anleger lohnt es sich auf jeden Fall, Entwicklungen bei der Korruption und ihrer Bekämpfung in einzelnen Ländern im Auge zu behalten. In Europa bleiben die skandinavischen Länder und die Schweiz erste Wahl bei Auslandsanlagen deutscher Investoren. Bei den Problemländern in der Eurozone gibt es sehr divergierende Entwicklungen, die auch für die langfristigen Perspektiven der Aktienmärkte wichtig sind. In Spanien und Portugal hat das große Aufräumen begonnen, was Hoffnung macht. Italien und Griechenland hingegen scheinen noch in ihren alten – relativ korrupten – Strukturen gefangen; die dortigen Aktienmärkte dürften weiter enttäuschen.

 

 

Anhang

 

Diese Analyse erschien in abgewandelter Form ebenfalls in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 39 vom 6. Juli 2015.

Comments on this entry are closed.

Previous post:

Next post: