Die Zukunft des Kapitalismus – Teil 2: Demografischer Wandel und Marktkonzentration

by Karl-Heinz Thielmann on 26. Januar 2018

Weltweit gibt es drei demografische Trends, die unsere wirtschaftliche Zukunft maßgeblich beeinflussen werden:

  • Durch verringerte Kindersterblichkeit und längere Lebenszeiten steigt fast überall die Lebenserwartung kontinuierlich an.
  • In den meisten Industrieländern und einigen großen Schwellenländern wie China sind die Geburtenraten so niedrig, dass die Bevölkerung ohne starke Zuwanderung langfristig schrumpfen wird. Besonders kritisch ist die Situation in Deutschland, Japan und Italien mit Fertilitätsraten von ca. 1,4, die weit unter dem für Bestandserhalt notwendigen Niveau von 2,1 liegen.
  • Es gibt eine zunehmende Vermögenskonzentration bei relativ alten Menschen und ihren ebenfalls zumeist schon relativ älteren Erben.

Die Kombination aus steigender Langlebigkeit, sinkender Geburtenraten und ungleicher Verteilung ist langfristig Sprengstoff für unser Wirtschaftssystem. Den einerseits werden die sozialen Sicherungssysteme überlastet: Immer mehr Transferempfängern aus den Altersvorsorgesystemen stehen immer weniger Einzahler gegenüber. Zudem steigen die Kosten für die medizinische Versorgung mit zunehmendem Alter stark an: Eine steigende Lebenserwartung bedeutet für Krankenkassen eine nicht zu verhindernde Kostenexplosion.

Andererseits sind junge Menschen überall auf der Welt Triebkraft des Wirtschaftswachstums, insbesondere in Schwellenländern. Ihr Streben nach Bildung und Wohlstand führt direkt zu einer Ausweitung der wirtschaftlichen Aktivität. Zudem sind sie zumeist eher bereit, Innovationen zu adaptieren.

Auch bei Investoren spielt das Alter eine entscheidende Rolle für das Anlageverhalten: Ältere Menschen sind oftmals weniger bereit, Risiken einzugehen und stellen weniger Kapital für langfristige produktive Investitionen zur Verfügung. Insofern birgt die zunehmende Vermögenskonzentration bei ihnen nicht nur die Gefahr steigender sozialer Unzufriedenheit, sondern auch fehlender Investitionsbereitschaft. Aktuell kann man schon erkennen, dass lediglich in den USA aufgrund einer traditionell unternehmerisch ausgerichteten Kultur auch ältere Vermögende bereit sind, in großem Umfang in neue Technologien zu investieren. In Europa hingegen ist die Bereitschaft zur Finanzierung von Innovationen durch vermögende Anleger stark unterentwickelt.

Die Sozialsysteme werden unfinanzierbar

Nach Schätzungen von Bank of America Merrill Lynch hängen bereits jetzt schon 40% aller Staatsausgaben in entwickelten Ländern direkt oder indirekt mit der Altersvorsorge zusammen, in den USA sogar schon 55%. In Zukunft gibt es aber immer weniger leistungsfähige junge Menschen, die aber immer mehr alte durch Transfers in die Sozialsysteme mit durchfüttern müssen. Und die zunehmende Belastung für die arbeitende Bevölkerung wird dramatisch sein: Z. B. in Deutschland wird nach Projektionen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2060 jeder dritte Bewohner über 65 Jahre alt sein; aktuell ist es nur jeder fünfte.

Die demografische Zeitbombe lässt sich zwar entschärfen, dies würde aber einige sehr unpopuläre Maßnahmen erfordern, vor denen Politiker auf der ganzen Welt zurückschrecken:

  • Eine Finanzierung der Defizite durch Steuer- und Beitragserhöhungen, Kürzungen der Altersbezüge oder eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit sind politisch sehr schwer durchzusetzen, zumal Rentner bzw. kurz vor der Rente stehende Personen eine wichtige Wählergruppe darstellen, die kein Politiker verärgern will. Bei der letzten Bundestagswahl z. B. waren 36% der Wahlberechtigten älter als 60 Jahre. In den kommenden Jahrzehnten wird der Anteil von Transferempfängern bei den Wählern weiter zunehmen, mit absehbaren Konsequenzen für das Wahlverhalten.
  • Maßnahmen zur Erhöhung der Geburtenrate würden erfordern, dass Frauen wieder viel mehr Kinder bekommen. Dies bedeutet, dass entweder emanzipatorische Fortschritte rückgängig gemacht werden und viele Frauen sich wieder mit einer traditionellen Rolle abfinden müssen – womit aber in modernen Gesellschaften nicht zu rechnen ist. Oder Staaten und Unternehmen müssen massiv in Kinderbetreuungsangebote investieren, die für junge Menschen eine Vereinbarkeit von kinderreicher Familie und Beruf ermöglichen. Angesichts der Belastung für öffentliche Haushalte bzw. Kostennachteile für Firmen ist ein ausreichender Aufbau von Kinderbetreuung bisher aber nur in wenigen Regionen (Skandinavien, Frankreich) bzw. auf Unternehmensebene in wenigen Modellprojekten erfolgt.
  • Fehlende Arbeitskräfte in Industrieländern könnten durch eine Förderung der Immigration ausgeglichen werden. Die aktuelle politische Stimmung in allen entwickelten Nationen ist aber von einer wachsenden Angst vor Zuwanderung bestimmt, weshalb zu befürchten ist, dass dringend benötigte Immigration eher behindert als gefördert wird.
  • Eine radikale Automatisierung von Produktionsprozessen sowie der zunehmende Einsatz von Robotern im Dienstleistungsbereich (incl. Altenpflege) könnte Produktivitätsgewinne ermöglichen, die einerseits die zunehmenden Transferleistungen finanzieren, andererseits Arbeitskräfte freisetzen, die in der Altenbetreuung eingesetzt werden können. Dies erfordert allerdings die breite Verwendung von Technologien, die heutzutage höchstens als Konzept existieren und von einer Praxisreife aber noch weit entfernt sind.

In Deutschland wird der Punkt der Nichtfinanzierbarkeit für das aktuelle Sozialsystem ca. im Jahr 2030 erreicht, wenn die Babyboomergeneration der 1960er in Rente geht. Spätestens dann sind unpopuläre Maßnahmen unvermeidbar … und werden viel schmerzhafter, als bei rechtzeitigem Handeln notwendig gewesen wäre.

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Mit dem rasanten Aufstieg der Internetkonzerne in den vergangenen 2 Jahrzenten wurde ein Begriff geprägt, der die strategische Herausforderung für die Unternehmen in der New Economy beschreibt: „Winner takes all“. Entweder, sie schaffen es, von Anfang an eine dominante Position in den wichtigsten internationalen Märkten zu sichern, oder sie scheitern. Nur die „Superstars“ können sich global hohe Marktanteile und überragende Profitabilität sichern, alle andern bleiben bedeutungslos.

Google und Facebook haben beispielsweise eine sehr starke Stellung bei Suchsystemen bzw. sozialen Netzwerken erreicht. Damit dominieren sie (nach Berechnungen von GroupM) mit einem Marktanteil von 84% den Online-Werbemarkt außerhalb von China und können somit als Paradebeispiele für „Winner takes all“ gelten.

Aber nicht nur in der New Economy werden marktbeherrschende Positionen eines oder weniger Marktführer immer selbstverständlicher. In der „Old Economy“ wurden in den vergangenen Jahren in vielen Branchen durch Fusionen und Übernahmen Marktführer geschaffen, die außerhalb von China ihre Märkte dominieren. Beispiele sind Air Liquide und Linde/Praxair bei Industriegasen oder HeidelbergCement und Lafarge Holcim bei Zement.

Steigende Regulierung ist ein Faktor, der den Konzentrationsprozess paradoxerweise stark begünstigt. Zwar werden Wettbewerbsaufsichtsbehörden wie bei der EU in Brüssel immer mächtiger. Aber nur global agierende Großkonzerne sind noch in der Lage, umfangreiche Rechts- und Complianceabteilungen zu unterhalten, die sich im Regulierungswirrwarr durchfinden (und durchmogeln) können.

Die Dominanz großer Unternehmen erscheint zwar zunächst für ihre Aktionäre höchst erfreulich, da Größe die Realisierung von Skaleneffekten und damit eine hohe Profitabilität erlaubt. Anderseits hat ein mangelnder Wettbewerb langfristig auch negative Effekte: So hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass eine überragende Marktposition Managements selbstgefällig und träge machen. Die Innovationskraft lässt nach, statt dessen richtet sich die Strategie immer mehr darauf aus, Monopolrenten abzuschöpfen bzw. Ertragskraft vorzutäuschen. Financial Engineering wird eingesetzt, um Gewinne künstlich nach oben zu manipulieren. Dies führt irgendwann zur Erosion der realen Ertragkraft, die lange Erfolgsgeschichte bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Ein aktuelles Musterbeispiel hierfür liefert General Electric: Der US-Konzern war jahrzehntelang in seinen Märkten führend und wurde allgemein wegen seiner Profitabilität und seiner modernen Managementmethoden bewundert. Durch Akquisitionen wurde das Unternehmen ständig vergrößert. Bis der Konzern 1999 von Microsoft überholt wurde, war er gemessen an der Marktkapitalisierung lange das größte US-Unternehmen. Den Höchstkurs erreichte die Aktie im August 2000 mit US$ 60,50. Seitdem ging es stetig bergab, der Kurs liegt inzwischen bei US$ 18,76: Als Erstes platzte die Akquisitionsstrategie, ab 2001 wurden Tochterunternehmen eher wieder verkauft anstatt angehäuft. Mit der Finanzkrise 2008 erwies sich die Diversifikation in Finanzdienstleistungen als Flop. Und aktuell häufen sich Probleme in den bisherigen Kerngeschäftsfeldern, weil die Unternehmensführung auf Veränderungen zu spät bzw. falsch reagiert hatte.

Paradoxerweise erscheinen derzeit die industriepolitischen Bemühungen Chinas, eigene Konzerne mit allen Mitteln zu fördern, global gesehen als aussichtsreichste Maßnahme gegen eine zu starke Oligopolisierung bzw. Monopolisierung von Märkten. Chinesische Konkurrenz erscheint oftmals unfair, weil sie die Eroberung von Marktanteilen in den Vordergrund stellt und dabei nicht auf Profitabilität Rücksicht nehmen muss (und es gelegentlich auch mit geistigem Eigentum nicht so genau nimmt). Aber vor allem diese Konkurrenz von chinesischen Großkonzernen hält die Wettbewerbsintensität auf vielen Märkten noch hoch und zwingt japanische, europäische und amerikanische Manager dazu, die Innovationskraft ihrer bisher führenden Firmen aufrecht zuhalten.

Die Fortsetzung folgt am Montag mit „Die Zukunft des Kapitalismus … Teil 3: Vertrauensverlust, Bullshit und Regulierung“

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