Die Zukunft des Kapitalismus Teil 4: Asien und Staatsfonds

by Karl-Heinz Thielmann on 31. Januar 2018

Es mag für Europäer überraschend sein, aber es gibt laut der Edelman-Studie zum globalen Vertrauen noch einige Länder, in denen die Bevölkerung ihren Institutionen vertraut: z. B. Indien, Indonesien, China, Singapur und die Vereinigten Arabischen Emirate. Obwohl dort Demokratie Mangelware ist und in einigen Nationen signifikante Armut und Korruption herrschen, ist das Vertrauen deutlich größer als in Europa oder Nordamerika. Denn trotz aller Mängel geht es in den Ländern wirtschaftlich aufwärts, die Bevölkerung spürt dies in einer kontinuierlichen Steigerung des Lebensstandards.

Abb. 1: Wachstum, Vertrauen und Korruption im internationalen Vergleich

Während in den alten Industriestaaten wirtschaftliche Abschottung als Rezept für wirtschaftliche Probleme ernsthaft diskutiert wird, haben vor allem aufstrebende asiatische Länder durch ihre Hinwendung zum globalen Kapitalismus eine Wachstumsdynamik in Gang gesetzt, die nicht mehr zu stoppen ist. Eine Schlüsselrolle spielt, dass die führenden Nationen zunehmend Innovationskraft entwickeln. Dies lässt sich am Beispiel der Patente illustrieren, die chinesische Forscher in den USA angemeldet haben: Ihre Zahl stieg von 100 im Jahr 2000 auf 8.000 im Jahr 2015. Und damit nicht genug – die unlängst beschlossene Regierungsinitiative „Made in China 2025“ soll gezielt innovatives Unternehmertum bei neuen Basistechnologien wie Biotechnologie oder Robotik fördern.

Eine Vorbildfunktion für die Region spielt Singapur: Die Politik des Stadtstaates wird seit der Unabhängigkeit von der Partei People’s Action Party (PAP) dominiert. Dies hat der Wirtschaftsentwicklung nicht geschadet: Das kaufkraftadjustierte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug 2016 US$ 87.800 und lag damit um 47% höher als in der Schweiz und um 83% höher als in Deutschland.

In Singapur ist ein Schlüsselfaktor für die hohe Akzeptanz fehlender Demokratie, dass die in Autokratien sonst so verbreitete Korruption scharf bekämpft wird. Das Sozialsystem ist günstig, weil auf Umverteilungsmaßnamen weitgehend verzichtet wird. Stattdessen werden alleine Pflichtbeiträge für einen staatlichen Fonds erhoben, der alle Absicherungsfunktionen übernimmt. Weiterhin wird gezielt der Einsatz neuer Technologien gefördert: So war Singapur das erste Land, das systematisch Pilotprojekte mit neuen Basistechnologien wie autonomes Fahren oder weitgehende mobile Vernetzung der Bürger vorantriebt, um in der Zukunft als „Smart Nation“ eine Führungsrolle im Innovationswettbewerb einzunehmen.

Natürlich ist auch Singapur nicht problemfrei. Schwierigkeiten drohen auch gerade dadurch, dass das Land aufgrund der geringen Geburtenrate stark vom demografischen Wandel betroffen sein wird: Laut offiziellen Schätzungen soll das Median-Alter von aktuell 37,5 bis 2050 auf 53,7 ansteigen. Allerdings hat man das Pensionssystem schon jetzt durch Einführung einer verpflichtenden „Langlebigkeitsversicherung“ auf die steigende Belastung in der Zukunft ausgerichtet … und wartet nicht wie in Deutschland, bis irgendwann das Geld knapp wird.

Beunruhigend aus europäischer Sicht ist, dass sich der Kapitalismus derzeit vor allem in relativ undemokratischen Ländern immer mehr zum Erfolgsmodell entwickelt. Ökonomische und persönliche Freiheit gehören nicht mehr zusammen. Im Gegenteil: Die Verknüpfung von wirtschaftlichen und politischen Interessen verschafft Internetkonzernen wie Alibaba oder Tencent im globalen Wettbewerb einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil gegenüber Amazon, Facebook oder Google: Solange sie sich regierungskonform verhalten, werden sie geschützt. Zudem müssen sie sich nicht um lästige Dinge wie Datenschutz kümmern. Wenn sich Demokratie aber im globalen Wettbewerb vom Vorteil in einen Nachteil verwandelt, wird das Gesellschaftssystem der aktuell entwickelten Länder noch viel radikaler infrage gestellt, als man es sich heute vorstellen kann.

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Als Norwegen Mitte der 1990er Jahre beschloss, die Devisenüberschüsse durch die Ölexporte in einem nationalen Pensionsfonds anzulegen, der als professioneller institutioneller Investor an den internationalen Kapitalmärkten agiert, wurde Startschuss zu einer Entwicklung gegeben, die seitdem die Besitzverhältnisse am globalen Produktivvermögen gründlich verschoben hat. Seitdem haben auch staatliche Fonds und Notenbanken anderer Länder Skandinaviens und der Schweiz, arabischer Ölproduzenten sowie asiatischer Exportnationen angefangen, massiv Aktien und Anleihen zu kaufen.

Mit einem Volumen von 866 Mrd. € (Ende 2017) ist der norwegische Staatsfonds inzwischen der größte institutionelle Investor weltweit. Er kontrolliert global ca. 1% aller Aktien; in Europa über 2%. Der Gesamtanteil von Staatsfonds und Notenbanken am weltweiten Aktienbesitz dürfte inzwischen über 10% liegen. Eine genaue Zahl ist schwierig zu ermittlen, da z. B. China mit verschiedenen Vehikeln sehr intransparent agiert und der tatsächliche Besitz nur schwer abzuschätzen ist.

Auch wenn sich die Anlagekonzepte der einzelnen Pensionskassen und Notenbanken im Detail stark unterscheiden, so ist doch eine gemeinsame Leitlinie erkennbar: Man will sich langfristig einen Anteil am globalen Produktivvermögen sichern; damit soll die Rendite für künftige Generationen in der eigenen Nation optimiert werden. Kurzfristige Gewinnziele oder politische Einflussnahme hingegen spielen zumeist noch keine Rolle. Lediglich der norwegische Staatsfonds versucht inzwischen, sich mit seiner Aktionärsmacht für mehr Nachhaltigkeit bei den Beteiligungen einzusetzen.

In Ländern wie Deutschland hingegen wird immer wieder beklagt, dass die Vermögen trotz hoher Wirtschaftsleistung nur wenig wachsen und immer ungleicher verteilt sind. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass viele erfolgreiche deutsche Unternehmen vorwiegend ausländische Aktionäre haben, während deutsche Anleger ihr Geld zumeist sparen und wenig rentierlich anlegen. Dieses Problem wird sich weiter verschärfen, wenn deutsches Produktivvermögen zunehmend von Institutionen ausländischer Staaten kontrolliert wird. Die Wertschöpfung kommt in der Zukunft dann vor allem Pensionären in Norwegen, Singapur und Katar zugute, während das eigene Sozialsystem die heimischen Rentner immer weniger finanzieren kann.

Die wachsende Bedeutung der Staatsfonds (und Aktien besitzenden Notenbanken) kann langfristig zu einer 2-Klassen-Gesellschaft bei Nationen führen: diejenigen, die das globale Produktivvermögen kontrollieren; sowie diejenigen, die ihre erzielte Wertschöpfung zu einem großen Teil bei den Besitzern abliefern. In Hinblick auf diese Entwicklung befindet man sich derzeit in Deutschland auf der falschen Seite, in Singapur, der Schweiz und in Norwegen auf der richtigen.

Die Fortsetzung der Reihe folgt in zwei Tagen mit: „Die Zukunft des Kapitalismus Teil 5: Als Sündenbock weiter unverzichtbar“

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