Die Zukunft des Kapitalismus Teil 5: Als Sündenbock weiter unverzichtbar

by Karl-Heinz Thielmann on 2. Februar 2018

Der Kapitalismus fördert soziale Ungleichheit, weil es ein System ist, in dem wenige Gewinner überproportional von ihrem Erfolg profitieren. Nur bei starkem und gleichmäßigem Wirtschaftswachstum geht es auch den meisten relativen Verlierern absolut besser. Bei geringem und ungleichmäßigem Wirtschaftswachstum hingegen – und dies ist in den entwickelten Industriestaaten inzwischen der Regelfall – bleiben immer größere Bevölkerungsgruppen als Verlierer zurück.

Dieser Trend wird sich nicht abmindern; im Gegenteil, er wird sich noch weiter verstärken. Denn die Sozialsysteme der Industrieländer sind aufgrund des demografischen Wandels in ihrer heutigen Form langfristig nicht mehr finanzierbar. Und die führenden Politiker werden die dann erforderlichen Sanierungsmaßnahmen garantiert nicht auf eigene Kurzsichtigkeit zurückführen, sondern lieber den Kapitalismus als Sündenbock präsentieren.

Natürlich gibt es Versuche, den Kapitalismus netter zu machen, indem man einen „verantwortlichen“ oder „sozialen“ Kapitalismus anstrebt, der durch Umverteilungs- und Absicherungsmechanismen ergänzt wird. Auch wenn dies hilft, einige Ungerechtigkeiten abzumildern, darf man sich aber keine Illusionen machen: Der Kapitalismus ist grundsätzlich nicht nett. Disruptive Innovationen, die einerseits sowohl ihre Initiatoren reicher wie auch unsere Welt besser machen, vernichten andererseits Aktionärsvermögen und Arbeitsplätze bei Firmen, die verdrängt werden.

Neue Wettbewerber agieren dabei oftmals auch skrupellos und am Rande der Legalität; nicht zuletzt auch deshalb, weil Regulierung oftmals etablierte Firmen schützt. Unternehmer wie Thomas Alva Edison, Bill Gates oder Steve Jobs haben ihre Firmen nicht dadurch vorangebracht, dass sie sich immer mit fairen Mitteln durchgesetzt haben. Dies wird bei den disruptiven Unternehmern von morgen auch nicht anders sein, egal ob sie aus China oder aus dem Silicon Valley kommen.

Mit einem wirtschaftlichen Bedeutungsgewinn von an sozialer Gerechtigkeit wenig interessierten asiatischen Nationen, Staatsfonds und global agierenden Großkonzernen wird der Kapitalismus in den nächsten Jahren eher noch rücksichtloser, als er sowieso schon ist. Dies wird einerseits seinem schlechten Ruf weiter steigern. Allerdings wird auch seine Alternativlosigkeit weiter zunehmen: Denn wer – wie links- bzw. rechtspopulistische Politiker weltweit fordern – sein Heil in der Abschottung sucht, verliert nur umso schneller. Für Kapitalismushasser wird ihre Verliererstellung in der Gesellschaft zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

 

Die Texte von die „Zukunft des Kapitalismus“ erschienen in abgewandelter Form ebenfalls in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 55 vom 15. Januar 2018.

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