Von der Nische zur Systemrelevanz: Wird Libra ausgebremst?

by Dirk Elsner on 22. Juli 2019

Lange nicht mehr hat mich eine Innovationsankündigung so fasziniert, wie die von Libra. Am 18. Juni diesen Jahres hat ein Gruppe von Unternehmen lange vor dem eigentlichen Start von Libra ein ausführliches Konzept mit vielen ergänzenden Informationen bekannt gegeben. Und trotz oder wegen der frühen Ankündigung hat die Initiative bereits viele Schlagzeilen produziert. Selten zuvor haben in so kurzer Zeit so viele Politiker, Notenbanker und Aufseher ausführlich Stellung zu einer technologischen Ankündigung genommen.

In meiner neuen Kolumne für Capital habe ich mich erstmals öffentlich intensiver damit befasst. Sie ist unter dem Titel erschienen

Nische oder Systemrelevanz: Wird Libra ausgebremst?

Zwar ist trotz der Vorschusslorbeeren längst nicht klar, ob Libra ein globaler Erfolg wird und das Netzwerk robust genug sein wird. Aber mit Libra verlassen die Kryptozahlungsmittel endgültig ihre nerdige Nische. Banken, Finanzaufsichtsbehörden und Gesetzgeber sehen Kryptoassets und digitales Geld nicht länger als akademisches Experiment oder als Instrument für Spekulanten.  In jedem Fall wird die Technologie für Tokenization von Zahlungsmitteln, Gegenständen und Wertpapieren durch das Libra-Projekt, selbst wenn es ausgebremst wird, erheblich beschleunigt. Es wäre also fahrlässig, für Banken aber auch Fintechs die Entwicklung um Libra und insgesamt um den Einsatz der Blockchain-Technologie zu ignorieren. Die Kosten des Nichtstuns werden hier mit immer größer werdender Wahrscheinlichkeit steigen. Und trotz des mächtigen Gegenwinds hält der Bankenverband einen Erfolg von Libra in einer ersten Einschätzung für vorstellbar. Die Autoren einer FAQ zu Libra schreiben:

„Das Vertrauen der Nutzer in BigTech-Firmen ist in Teilen der Bevölkerung bereits größer als in das bestehende Banken- und Währungssystem. Daher ist ein Erfolg von Libra durchaus vorstellbar.“

Ist Libra eine Kryptowährung?

Die Anhänger von Bitcoin und Co. sehen Libra erwartungsgemäß kritisch, weil das Zahlungsmittel durch von Notenbanken gestützte Währungen gedeckt ist und auch die Blockchain eine vollkommen andere Konstruktion hat. Egghat nannte dies im unbedingt hörenswerten Podcast der Mikroökonomen “Wird Facebook mit Libra die Welt beherrschen?” eine Bitcoin-Nerdmeinung, die den Normalnutzer nicht interessiere.

Sicher ist in jedem Fall, dass Libra keine Währung ist, denn der Währungsbegriff ist an das Geldwesen eines Staates bzw. wie beim Euro einer bestimmten Region geknüpft. Eine “Währung” wird also von einer staatlichen Stelle herausgegeben. Wer etwas mehr über die Unterschiede zwischen Libra und Bitcoin wissen will, dem empfehle ich aus der aktuellen C´t den Beitrag von Alexander Roos: “Wie viel Bitcoin in Facebooks Libra steckt

Es ist derzeit offen, wie diese Regulierungsdiskussionen weitergehen. Es wäre nicht überraschend, wenn sich der Start dadurch verzögern würde. Facebook selbst will mit Calibra die bestehende Finanzmarktregulierung einhalten. Allerdings ist derzeit noch nicht klar, welche der vielen unterschiedlichen Regulierungsbehörden national und international mit welchen Vorschriften zuständig sind. Daneben ist aber offen, wie Libra selbst bzw. die Libra-Association beaufsichtigt werden und welche Regelungen in den jeweiligen Ländern Anwendung finden müssen. Die rechtlichen Beschränkungen haben zum Beispiel in Indien dazu geführt, dass hier Libra vorerst nicht verwendet werden kann.

Sind 2,5 Milliarden Nutzer wirklich so einfach zu erreichen

Es wird oft geschrieben (z.B. hier), dass Libra alleine durch die Gründungsmitglieder und insbesondere die enge Kopplung an Facebook und die Calibra Wallet vom Moment des Start an fast 2.5 Mrd. Nutzern erreichen könne. Allerdings hat keiner der Nutzer von Plattformen wie Facebook, WhatsApp oder Spotify bisher einen regulatorisch notwendigen Identifizierungsprozess mitgemacht. Im Klartext heißt dies, jeder der eine Wallet von Facebook und Co. nutzen möchte, wird sich dort mit Identitätsnachweisen erneut registrieren müssen. Daher dürfte es einige Zeit dauern bis die Zahl erreicht ist.

Daneben ist mir noch nicht klar, ob und wie eigentlich Wallets von Drittanbietern zertifiziert werden. Wenn die vor allem im Kongress geäußerten regulatorischen Bedenken zur Calibra Wallet ernst genommen werden, dann müssten diese Vorgaben natürlich auch für andere Wallet-Anbieter gelten. Ein Fachmann, der sich mit der Libra-Blockchain beschäftigt hat, sagte mir aber auf der Libra Blockchain könne der Wallet-Anbieter gar nicht abgeprüft werden, sondern nur die Transaktion. Das klingt auch Blockchain typisch.

Für die Vertiefung

Wer sich vertieft einlesen möchte, dem seien das gut lesbare Whitepaper der Libra Association empfohlen, das auch in deutscher Sprache erschienen ist. Es verweist an vielen Stellen außerdem auf Vertiefungsdokumente. Außerdem sind insbesondere folgende Podcasts empfehlenswert, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen:

    1. Payment and Banking: Libra – Facebooks neue Währung
    2. Mikroökonomen: Wird Facebook mit Libra die Welt beherrschen?
    3. PayTechTalk 42 – Volkswirtschaftliche Implikationen von Libra
    4. Podccast Reihe zu Libra von Bitcoin, Fiat & Rock’n’Roll

Wer tiefer in viele gesellschaftspolitischen, regulatorische und datenschutzrechtliche  Fragestellungen einsteigen möchte, der kann sich die in englischer Sprache die Anhörungen von Calibra Chef David Marcus vor

    1. dem US-Senat und dem
    2. US Repräsentantenhaus anhören.

Außerdem zu Regulierungsfrage auch noch ein Beitrag von Wired:

Everyone Wants Facebook’s Libra to Be Regulated. But How?

Außerdem habe ich gerade noch einen Hinweis auf die ausführliche Darstellung vom Core Techmonitor erhalten, die erschienen ist unter dem Titel

Globale, digitale Währung – Utopie, Dystopie oder Liberation?

Sie versucht sich in einer Anamnese der Faktenlage zu Libra und versucht die kursierenden Thesen einzuwerten.

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