Wie der Kursanstieg bei Volkswagen tatsächlich war

by sharewise on 29. Oktober 2008

Wir haben in Deutschland nun eine ganz besondere Situation im DAX: Die beiden letzten Tage hat eine einzige Aktie für das Kursplus im Index gesorgt, während alle anderen 29 Aktien im Minus notierten. Volkswagen hat sich seit dem Wochenende von 200 auf 1.000 EUR verfünffacht in nur zwei Tagen!

Der Grund liegt ganz einfach darin, dass Porsche verkündet hat, seinen Anteil im nächsten Jahr auf 75% aufzustocken, man besitze sogar schon entsprechende Kaufoptionen, die diesen Schritt sichern. Weitere 20% an VW hält das Land Niedersachsen. 75 + 20 ist gleich 95% aller VW Aktien befinden sich in fester
Hand.

Da verbleiben nur noch 5% im freien Umlauf, nicht gerade viel. Parallel zu den Kaufoptionen, die einige Banken für Porsche geschrieben haben, sind viele Banken, institutionelle Anleger und Privatanleger in der VW Aktie Short gegangen. Das war ja eine vermeintlich sichere Sache, denn VW war ja nur durch die
Übernahme durch Porsche auf über 300 Euro gestiegen und vor zwei Wochen schrieb ich im Heibel-Ticker, dass die VW Aktie sicher wieder von damals 339 auf 260 Euro fallen werde.

Sie fiel sogar auf 202 Euro, um dann jedoch zu einem erneuten Short Squeeze anzusetzen. Diesmal schoss die Aktie eben über 1.000 Euro. Damit ist VW nun der weltweit wertvollste Konzern, gemessen an der Börsenkapitalisierung. Die Shorts, die nicht rechtzeitig aus ihrer Spekulation heraus kamen, mussten sich
teuer eindecken.

Meine Vermutung geht sogar noch weiter und zeigt erneut die Grenzen der Finanzmathematik:

Porsche hat sich also eigener Aussage zufolge zusätzlich zu seinen 41% VW Aktien über Kaufoptionen weitere 34% VW Aktien gesichert. Es gibt also eine Reihe von Banken und institutionellen Anlegern, die Porsche eine Kaufoption verkauft haben.

Natürlich sichert sich der Verkäufer der VW-Call-Option ab und legt sich eine entsprechende Anzahl an VW-Aktien ins eigene Depot, um im Bedarfsfall, falls also Porsche die Auslieferung der Aktien fordert, liefern zu können. Würde der Verkäufer diese Absicherung unterlassen, dann hätte er ungedeckte
Kaufoptionen verkauft und das darf man ja nicht. Man darf ja nicht etwas verkaufen, das man im schlimmsten Fall gar nicht liefern kann, oder? Nein, das darf man nicht.

Ich behaupte: Es wird aber doch gemacht! Die sogenannte moderne Finanzmathematik ist nämlich dazu in der Lage, Risiken verschiedener Börsengeschäfte gegeneinander aufzurechnen. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass VW niemals um 10% ansteigen würde, während Daimler gleichzeitig um 10% fällt. Die
Autoindustrie unterliegt doch den gleichen gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und wenn nun das eine Autohaus besser ist als das andere, dann steigt es vielleicht etwas mehr, oder fällt etwas weniger. Aber eine Gegenläufige Bewegung innerhalb einer Branche ist sehr selten, denn eine steigende Flut hebt alle Schiffe (A rising tide lifts all boats).

Über die Korrelationsmatrix, die eben Aufschluss über diese Abhängigkeiten gibt, werden die Risiken also gegeneinander aufgerechnet. Wenn nun beispielsweise 1.000 Call-Optionen auf VW und gleichzeitig 500 Put-Optionen auf Daimler verkauft wurden, dann steht am Ende der Rechnung, dass zur Sicherheit
eben lediglich 600 VW Aktien zu halten sind (die Zahlen sind aus der Luft gegriffen, es geht um das Konzept).

Während in dieser Marktphase viele Teilnehmer auf weiter fallende Kurse setzen, steigt die VW Aktie an und der aus der Vergangenheit als gegeben geglaubte Zusammenhang zwischen VW und Daimler wird somit aufgehoben. Die Bank gerät in Schieflage und muss reagieren: Die Bank muss nun die fehlenden 400 VW
Aktien kaufen, aufgrund der inzwischen verdrehten Korrelation zu Daimler kann es aber einige Daimler Aktien aus dem Bestand verkaufen. Der angelaufene Prozess verstärkt sich also, Daimler fällt und VW steigt.

DA es ausreichend Daimler Aktien gibt, fällt der Kurs eben nur um 10%. VW Aktien jedoch sind nicht mehr zu finden, diejenigen, die noch VW Aktien im Depot haben, verkaufen nicht. Wenn Sie sich nun vorstellen, dass Porsche diese Kaufoptionen in großem Rahmen und somit sicherlich mit vielen Banken
abgeschlossen hat, ist es leicht zu erkennen, dass das mangelnde Angebot an VW Aktien zu einem explodierenden Aktienkurs führt. Et voila.

In meinen Augen ist es Unsinn, was die Medien derzeit verbreiten: DAX-Indexfonds müssten sich aufgrund des gestiegenen VW Kurses mehr VW Aktien zulegen und würden den erforderlichen Kauf durch Verkäufe anderer DAX Aktien finanzieren. Das muss doch Quatsch sein, denn wenn dieser Fonds vor einer Woche noch ein der DAX-Zusammensetzung entsprechendes Portfolio hatte, dann hat sich dieses Portfolio durch den
Kursanstieg der VW Aktie genauso verändert, wie der DAX selbst. Da sind also keine Käufe oder Verkäufe notwendig.

…so, nun habe ich soeben, also nach Fertigstellung dieses Updates, gesehen, dass die Deutsche Börse ab dem kommenden Montag den Anteil von VW am DAX auf 10% deckelt. Ich denke, bis dahin ist diese Geschichte eh ausgestanden. Das hätten sie sich auch sparen können.

take share, Ihr
Börsenschreibel

Stephan Heibel

Original von Stefan Heibel heibel ticker

Eingestellt von Sharewise Nicolas Plögert, weil Herr Heibel es mal wieder super auf den Punkt gebracht hat was da bei VW eigentlich los ist.

Nachtrag vom 31.1.2012

Neuen Hintergrund zu dem rasanten Kursanstieg vermittelt dieser Artikel

HB: Porsche und Wulff„Das ist unsäglich, das ist kriminell“ (31.01.12): Bei den Milliardenklagen gegen Porsche und den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen dessen Ex-Manager gerät Christian Wulff ins Zwielicht. Recherchen legen den Verdacht nahe, dass er falsch informiert hat.

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