Verrückte Schneeball-Schlacht mit Madoff

by Dirk Elsner on 16. Dezember 2008

Snowball From Hell

Gegrillter Schneeball

Ein Schneeball ist laut Wikipedia eine Kugel aus Schnee, die mit den Händen zusammengedrückt, oder über verschneites Gelände gerollt wird, wobei sie durch Anhaften neuen Schnees immer größer wird. Dies funktioniert am besten mit Feuchtschnee (auch „Pappschnee“), weil dieser klebrig wirkt.

Wenn richtig ist, was in diesen Tagen über Ex-Nasdaq-Verwaltungsrat (und übrigens nicht Chef der Technologiebörse) Bernard Madoff zu lesen ist, dann muss der Gründer von Bernard L. Madoff Investment Securities LLC den pappigsten Schnee des Planeten gefunden haben. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ein sogenanntes Schneeballsystem über einen so langen Zeitraum mit so prominenten Kunden funktionieren kann? Sein angeblicher Trick beim Schneeballrollen: Es werden nicht entstandene Gewinn ausgewiesen und an Kunden gezahlt mit Einlagen von neuen Kunden. Dies funktioniert so lange die Kundenzahl immer weiter zunimmt.

Zweifel an dieser Schneeball-Darstellung sind allerdings angebracht. Die Berichte in Deutschland klingen zu mediengerecht und zu passend gemacht für diese Zeiten, in denen gern Eimer mit schleimiger Schadenfreude über die „Opfer“ der Gier ausgeschüttet werden.

Es klingt wenig glaubhaft, dass Madoff über einen „langen“ (seit 1992?) aber bisher nicht konkret genannten Zeitraum tatsächlich ausschließlich nach einem Schneeballsystem der Marke European Kings Club Investoren und Banken ausgenommen hat. Das hätte selbst der tranigen Börsenaufsicht SEC auffallen müssen. Sie untersuchte die Firma im Jahre 2005, fand aber außer drei Bagatellen, in denen Aktienaufträge nicht zu dem für den Kunden besten Preis ausgeführt wurden, nichts Anstößiges.

Tatsächlich gibt es bislang auch nur Spekulationen über die Höhe des Gesamtschadens. Die bisher stets genannten 50 Milliarden Dollar beruhen auf Aussagen von Madoff selbst. Die relativ dürren Anklageschriften der Börsenaufsicht SEC und der Staatsanwaltschaft halten sich mit Details bedeckt. SEC-Direktorin Linda Chatman sprach von „massivem Betrug, sowohl vom Ausmaß wie auch von der Dauer her“, ihr SEC-Kollege Andrew Calamari von „epischen Proportionen“.

Die New York Times stellt dazu die Frage, wie eine Person einen so weitreichenden und so lange laufenden Betrug durchführen konnte, mit all den praktischen Themen, die damit zusammen hängen, wie z.B. monatliche Kontoauszüge, Steuererklärungen, Handelsbestätigungen und Kontoauszüge.

Tatsächlich kann es sich bei dem Madoffchen System um kein echtes Schneeballsystem gehandelt haben. Bei einem echten Schneeballsystem werden nämlich überhaupt keine echten Anlagen getätigt. Eingenommene Gelder werden für den Schwindler und für die Erstanleger verwendet. Nach Aussagen der New York Times hat Madoff aber Geld seiner Kunden tatsächlich in diverse Anlagen investiert. Dabei hat er jedoch Renditen versprochen und ausgeschüttet, die über den tatsächlich realisierten Renditen lagen. Diese Renditedifferenz muss er dann aus neuen Anlagegeldern abgezweigt haben. Über diesen Weg dürfte Madoff hohe Anlagegelder in nicht vereinbarter Weise zum Schmelzen gebracht haben.

Man wird aber auf weitere Untersuchungsergebnisse warten müssen, um Klarheit darüber zu erhalten, wie genau Madoff seine Kunden eingeseift hat. Auch die Börsenaufsicht räumt ein, noch nicht genau zu wissen, wie Madoff die Anleger auf das Glatteis geführt hat. Interessant dürfte sein, wie viel Geld noch übrig ist. Nach Angaben von Madoff selbst sollen es noch 200 bis 300 Millionen Dollar sein.

Fest steht damit, dass es eine immer länger werdende Liste mit geschädigten Institutionen gibt (siehe hier). Es ist erstaunlich, wie sich Anleger, Finanzwelt und Börsenaufsicht offenbar jahrelang haben narren lassen von Madoff. Das System Madoff zeigt, wie sich mit Show und Charity Vertrauen erschleichen lässt. Anschließend hat sich das System selbst genährt nach dem Motto, wenn A und B auf Madoff vertrauen und gute Renditen erzielen, dann vertraue ich auch darauf, selbst wenn ich das Geschäftsmodell nicht verstehe. Und wenn alle Madoff vertrauen, dann braucht man auch nicht genau hinsehen.

Den Schaden, den Madoff angerichtet, werden die ohnehin argwöhnisch beobachteten Hedge Fonds und andere Vermögensverwalter in den nächsten Tagen und Wochen spüren, wenn immer mehr Kunden konkrete Rechenschaft darüber verlangen, in welche Anlagen ihr Geld geflossen ist. Verwalter und Fonds werden diese Fragen nicht nur beantworten müssen, sondern die Antwort auch so dokumentieren, dass keine Zweifel mehr bestehen. Andernfalls werden Anleger ihre Gelder zurückfordern, was dann für weitere Verwerfungen an den Finanzmärkten sorgen kann.

Im Prinzip ist der Fall Madoff wieder ein Beispiel dafür, wie sich das Finanzsystem derzeit selbst vernichtet. Dem Kleinsparer könnte dies eigentlich egal sein, nur leider frisst sich diese Seuche durch alle Anlageklassen und wird auch hier wieder Institutionen erreichen, von denen man dies vorher nicht erwartet hätte. Wie im Fall Lehman sollte man also vorsichtig mit Aussagen sein, in Deutschland werden wir durch diese Schneeballschlacht nicht nass gemacht.

Presseveröffentlichungen zum Thema

HB: Madoff-Firma liquidiert – Promis bluten

NYT: Giant Wall St. Fraud Leaves Charities Reeling

FAZ: Bernard Madoff „Es gibt keine harmlose Erklärung“

NYT: Giant Wall St. Fraud Leaves Charities Reeling

Spon: US- Behörden lösen Madoffs Wall- Street- Firma auf

FAZ: Madoff hat auch europäische Banken betrogen

NZZ: Behörden liquidieren Madoffs Firma

Spon: Milliarden-Abzocke: Wall-Street-Betrüger Madoff linkte auch Spielberg

NYT: The 17th Floor, Where Wealth Went to Vanish

Handelsblatt: Bernard Madoff, die große Lüge und die Gier

SZ Ende einer Schneeball-Schlacht

Spon: Milliardenskandal bedroht europäische Großbanken

Spon: Milliarden-Betrüger Madoff nutzte die Gier seiner Opfer

NYT: Bernie Madoff

Dokumente zum Thema

Letter from the research firm Aksia to its clients on Madoff Securities (pdf)

Letter from the asset management firm, UBP, to its clients (pdf)

S.E.C. News Release S.E.C. Complaint(pdf)

U.S. Attorney’s Office Statement(pdf)


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