Zivilcourage ist bekanntlich eine Eigenschaft, über die wir Menschen uns vor allem empören, wenn sie nicht vorhanden ist und Menschen unter fehlender Zivilcourage leiden oder gar zu Schaden kommen.
Zu Zivilcourage rufen Politiker, Polizei, Lehrer, Journalisten und andere Meinungsmacher auf. Nachdenkliche, mahnende und ermunternde Reden sind zu hören. Viele Artikel, Bücher und Fernsehbeiträge sind zu diesem Thema erschienen. Es gibt pädagogische Projekte und praktische Trainings, flächendeckende Aktionen der Polizei und Preisverleihungen an mutige Mitbürger und Mitbürgerinnen, die zivilcouragiertes Denken und Handeln verstärken wollen. Gefragt ist Zivilcourage oder sozialer Mut im Alltag: sich für andere einsetzen, gegen den Strom schwimmen, etwas deutlich kritisieren oder öffentlich handeln, auch wenn damit ein Risiko verbunden ist, so liest man jedenfalls.
Dabei ist Ausübung von Zivicourage für die couragierten Personen häufig mit Risiko, zum Teil mit Lebensbedrohung verbunden. Aber die Couragierten müssen manchmal auch mit anderen Konsequenzen rechnen, nämlich mit Konsequenzen von denen, für die sie eigentlich glaubten eingetreten zu sein. Ein lesenwertes Beispiel dazu ist die Reportage von Tom Mustroph „Festtage der Mafia – oder: Das Schweigen der anderen“, die am Mittwoch im Handelsblatt erschienen ist.
Sie handelt von Vincenzo Conticello, der in Palermo ein Restaurant betreibt und der jetzt nur noch unter Polizeischutz sein Hause verlassen kann. Vincenzo Conticello hat sich geweigert, der Mafia Schutzgeld zu zahlen. Er hatte den Mut, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. Auch Morddrohungen haben ihn nicht davon abgehalten.
Conticello hat Zivielcourage gezeigt. Er ist gegen die herrschende Meinung aufgetreten, ohne Rücksicht auf sich selbst. In der Regel zahlen 70 bis 80 Prozent der Unternehmer in Palermo anstandslos, sagt Staatsanwalt Del Bene. In westlich orientierten Gesellschaften, lesen wir in der Wikipedia, zeigt derjenige Zivilcourage, der die Wertorientierungen der jeweiligen Gesellschaften offen und ohne Rücksicht auf eigene Nachteile vertritt. Dies erfordert Mut, da derjenige, der Zivilcourage zeigt, möglicherweise mit Repressionen durch Autoritäten, Vertreter der herrschenden Meinung oder sein soziales Umfeld zu rechnen hat.
Und Nachteile verspürt Conticello: Sein Lokal, Jugendstilausstattung, vor 110 Jahren entworfen vom Architekten des Teatro Massimo, war eines der angesagtesten der Stadt. Politiker, Unternehmer und Künstler kamen, der Catering-Service lief bestens. Um einen Tisch zu bekommen, musste man vorbestellen oder längere Zeit warten.
Bis zum Zeitpunkt seiner Aussage hatte ganz Palermo seine Nähe gesucht. Conticello gehörte zum Establishment. Vor Weihnachten hatte Conticello allein mit Banketten von Politikern über 400 000 Euro eingenommen. In diesem Jahr, trotz Wahlen und der damit verbundenen Empfänge, sind es gerade noch 18 000. Sein Umsatz, so sagt er, hat sich insgesamt um ein Drittel reduziert.
Seit die Schutzgeldeintreiber verurteilt sind, findet man nämlich problemlos Platz. Die Bourgeoisie, die mit der Mafia verbunden sei, komme nicht mehr in sein Lokal. Anfang Dezember musste Conticello acht seiner 65 Angestellten in Kurzarbeit schicken.
Beiträge zum Thema
Handelsblatt: Festtage der Mafia – oder: Das Schweigen der anderen
Georg Elser Arbeitskreis: Was versteht man unter „Zivilcourage“?
Helmut Jaskolski, Zivilcourage – was ist das?
ZEIT Vergewaltigung in der S-Bahn: Fürs Wegsehen gibt es viele Gründe
Zeit: Wer eingreift, muss sich vorsehen
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