Bringt die Finanzkrise den Kommunitarismus zurück?

by Dirk Elsner on 22. Dezember 2008

Mr. Community

Denker für den Kommunitarismus

Als ich gestern mit beim vorweihnachtlichem Aufräumen u.a. meine Bücher neu umräumte, fielen mir zwei Bücher in meiner Abteilung Philosophie und Ethik auf, die möglicherweise in diesen Zeiten wieder aktuell werden könnten. Eines davon ist von Amitai Etzioni und heißt „Die Verantwortungsgesellschaft“. Etzioni galt (und gilt vielleicht immer noch) als einer der Vordenker des Kommunitarismus, einer Denkrichtung die auch als der Dritte Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus angesehen wurde. Das Buch ist vor über 11 Jahre erschienen. Mein Eindruck, der täuschen kann: Nach einem kurzen Hype Ende der 90er in den Feuilletons ist es, aus welchen Gründen auch immer, wieder ruhig um die Kommunitarier geworden.

Allerdings könnte sich dies angesichts der durch die Finanzkrise und der Analyse ihrer Ursachen wieder ändern. Möglicherweise bietet der Kommunitarismus Konzepte zwischen Individualismus, Liberalismus, Moral und Gemeinschaftssinn, die durchaus Akzeptanz finden könnten oder bereits finden.

Natürlich habe ich es heute nicht geschafft, das Buch von Etzioni durchzulesen. Aber ich habe ein wenig im Netz „gekeyboardrt“. Da fällt sofort an oberster Stelle ein Beitrag in der Wikipedia auf, der mir allerdings nicht ausgegoren erscheint, weil dort u.a. steht: „Unter Kommunitarismus versteht man eine kapitalismus- bzw. liberalismuskritische Strömung in der politischen Philosophie.“

Als kapitalismuskritische Denkrichtung habe ich den Kommunitarismus nicht verdrahtet, eher als ein Konzept, das den extremen Individualismus kritisiert und einen Mangel an Gemeinschaftssinn in modernen Gesellschaften diagnostiziert.

Da schaue ich doch auch einmal auf andere Quellen, die keyboardr.com nach oben spült, wie z.B.  Meyers Lexikon, das schreibt:

Bezeichnung für Theorieansätze, die die Bedeutung des Begriffs »Gemeinschaft« bei der Analyse moderner Gesellschaften hervorheben. In den USA aus der Kritik am Liberalismus entwickelt, betont der Kommunitarismus die Einbettung von Individuen, Rechten, Normen und Institutionen in Gemeinschaften verschiedener Art, von der Familie bis zur politischen oder kulturellen Gemeinschaft. In der Soziologie findet sich der Kommunitarismus als Kritik an der fortschreitenden Individualisierung moderner pluralistischer Gesellschaften, v. a. an dem damit einhergehenden Gemeinschaftsverlust und der Entwertung traditioneller und zugleich solidarischer Lebensformen. Die seit Mitte der 1980er-Jahre in den USA von A. Etzioni ins Leben gerufene politische Bewegung sieht sich als parteiübergreifenden Versuch, Gemeinsinn und Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft zu fördern und das »Übermaß« individueller Rechtsansprüche an den Staat zu reduzieren.“

Das hilft wohl auch noch nicht weiter. Das Thema muss wohl etwas tiefer beleuchtet werden. Ich errinnere mich an Ansätze der Kommunitaristen, die sich auch im Beitrag der Wikipedia zu finden ist. Danach ist ein Leitgedanke, „dass jedes Mitglied in einer Gemeinschaft allen in dieser Gemeinschaft etwas schuldet und umgekehrt. So ist es nicht verwunderlich, dass der Kommunitarismus ein Gleichgewicht zwischen individuellen Rechten und sozialen Pflichten propagiert.“

Dieser Satz erinnert mich ein wenig an die Worte von Barack Obama am vergangenen Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Dort hatte er den Individualismus der Wall Street kritisiert und eine Rückbesinnung auf die gemeinschaftliche Werte gefordert, die Amerika stark gemacht haben. Ist das kommunitaristisches Gedankengut? Sind die weltweiten Aktivitäten zum Klimaschutz, die ja auch Beschränkungen des Individuums zu Gunsten der Gemeinschaft wünschenswert werden lassen, nicht auch kommunitaristische Denkansätze?

Ich kann das heute nicht beantworten. Es lohnt sich aber, dieses Thema im Auge zu behalten. Der Einstieg über die Wikipedia erscheint mir aber bei allem Respekt für das Online-Lexikon nicht geeignet zu sein. Interessieren würde mich aber, warum man so wenig hört von diesem Ansatz, der ja auch eine Art ideologischen Unterbau für eine Gesellschaft darstellen könnte.

Comments on this entry are closed.

Previous post:

Next post: