Robert J. Shiller gehört zu der Gruppe von amerikanischen Ökonomen, die sich nicht nur einen Namen gemacht haben, weil sie diese und andere Finanzkrisen richtig vorhergesagt haben, sondern auch konkrete Lösungsvorschläge anbieten. Der Professor der Yale Universität hat mit seinen Werken “Irrationaler Überschwang” und “The Subprime Solution” ausreichend und frühzeitig gewarnt vor den Folgen wirtschaftlicher Blasen. In einem Interview mit der FAS hat er u.a. seine Einschätzung zur Finanzkrise abgegeben.
Shiller sieht die Krisenverursacher nicht so eindeutig, wie andere Wissenschaftler oder Fachleute
“Ich glaube, letztlich war die Ursache eine Seuche in der ganzen Gesellschaft. Zehn oder 15 Jahre lang haben die Menschen ziemlich euphorisch investiert, sowohl in Aktien als auch in Immobilien. Das hat sich ausgebreitet wie ein Virus.”
Zum Verhalten der Menschen
“Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren geändert. Die Leute achten heute viel mehr auf den Erfolg des Einzelnen und weniger auf gesellschaftliche Werte. Es scheint so, als sei die Solidarität vor 20 oder 40 Jahren größer gewesen als heute. In einfachen Worten gesagt: Früher waren die Leute eher stolz auf ihre Arbeit als auf ihren Erfolg.”
“Um gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen, reicht es nicht mehr, ein guter Mensch zu sein. Man muss auch erfolgreich sein.”
“Finanzleute [sollen] eigentlich bescheidene Diener für die Unternehmer sein, die neue Firmen gründen. Sie sollten Risiken kontrollieren und sinnvolle Anreize ausarbeiten. Aber viele sehen die Finanzwelt heute als einen Ort, an dem man das große Geld machen kann.”
“Ich glaube, wir haben den falschen Dingen vertraut. Wir hatten zum Beispiel Vertrauen in den Aktienmarkt und den Immobilienmarkt. Das war falsch. Die Leute dort haben falsche Entscheidungen getroffen. Jetzt schwindet das Vertrauen.”
Zu staatlichen Eingriffen
“Was wäre denn die Alternative zu freien Märkten? Die Regierung müsste alles steuern. Das würde auch nicht funktionieren. Darum dürfen alle Maßnahmen des Staates, die jetzt Firmen retten sollen, auch nur vorübergehend sein. Die Regierung darf nicht dauerhaft die Kontrolle übernehmen.”
“Schwieriger vorherzusehen sind aber die gesellschaftlichen Veränderungen nach dieser Krise: Die Regulierung könnte rigider werden. Die Firmen könnten aufhören, neue Dinge auszuprobieren.”
Zu Möglichkeiten Spekulationsblasen und solche Krisen zu verhindern
“Spekulationsblasen und die anschließenden Krisen sind nicht das Ende der Welt. Sie sind sogar ein Zeichen für eine dynamische Wirtschaft. Blasen kann man nicht verhindern. Nur in totalitären kommunistischen Staaten gibt es keine Blasen, weil die Menschen dort so gegängelt werden.”
“Die menschliche Psyche ist schwer zu regulieren. Und so richtet die gleiche Psyche, die neue Unternehmen schafft, eben auch großen Schaden an.”
“Erst in der nächsten Generation wird es eine neue große Blase geben und zwischendurch einige kleine hier und da: Ein paar Aktien werden wieder zu weit steigen wie damals in der New Economy. Und es wird regionale Immobilienblasen geben.”
Zu der Rolle der Mahner vor Krisen
“Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass die Leute Warnungen in den Wind geschlagen haben. Ich glaube, ein wichtiger Grund ist, dass man mit solchen Warnungen kaum Geld verdienen kann. … die meisten Leute bekommen ihre Finanzberatung ja von den Verkäufern bei den Banken, nicht von unabhängigen Fachleuten. Und wer Dinge verkauft, verdient daran Geld. Deswegen hatten die Verkäufer auch viel Geld für Werbekampagnen übrig. Es gab in Amerika zum Beispiel ein sogenanntes „Verbraucher-Bildungsprogramm“ von Immobilienmaklern. Die erzählten den Menschen einfach, dass Häuser schon immer eine tolle Geldanlage waren.”
Vorschläge
“Wir brauchen unabhängige Finanzberater, die vom Staat bezuschusst werden. Die sollten keine zusätzlichen Provisionen bekommen, sondern nur pro Beratungsstunde von den Kunden bezahlt werden. Sie brauchen einen Kodex, ähnlich wie die Mediziner mit dem Eid des Hippokrates.”
“Wir [müssen] die Folgen von Blasen lindern, indem wir zusätzlich Märkte einrichten. … Aber wir brauchen Märkte mit einfachen Produkten, die die Menschen vor den Auswirkungen von Wirtschaftskrisen bewahren. Ich denke zum Beispiel an Versicherungen, die Geld zahlen, wenn der Wert des Eigenheims sinkt. An Kredite, die gegen Risiken abgesichert sind. Ich finde es schockierend, dass Firmen ausgefeilte Risikokontrollmechanismen verwenden, aber Hausbesitzer so etwas nicht haben.”
In seinen Werken “Macro Markets” und “Die neue Finanzordnung” hat er gut fundierte Entwürfe für einen neuen finanzwirtschaftlichen Rahmen und neue Instrumente vorgelegt, mit denen die wirtschaftlichen Risiken auf neue Art und Weise abgesichert werden können. Shiller weiß, dass mehrere Personen aus dem Umfeld von Barack Obama ihm sein Buch geschickt hätten.
Zu den Chance der Krise
“Es ist schwierig, etwas zu ändern, solange es keine Krise gibt. Deshalb ist die Krise eine Chance. Mit Firmen ist es ähnlich: In guten Zeiten gelten große Änderungen als viel zu riskant. Aber wenn die Krise erst mal da ist, bleibt ja nichts anderes übrig. Die amerikanischen Autofirmen denken jetzt sehr intensiv darüber nach, wie sie in Zukunft weiterarbeiten können. Ich weiß nicht, ob es klappt, aber sie denken immerhin nach.”
Shiller ist nicht einfach ein Wissenschaftler, der nur im Elfenbeiturm seine Ideen ausbrütet, sondern auch jemand, der versucht, diese in der Praxis um- und einzusetzen. So hat Shiller den Case–Shiller Home Price Index, also dem Index, der die Wertentwicklung von Immobilien in den USA nachzeichnet, mit entwickelt.
Umfangreiche Informationen zur Ursache und Bedeutung der Finanzkrise sind über diese Einstiegsseite zu finden.

Je kleiner der Anlagebetrag, desto einfacher ist der… „die unvernüpftige Finanzberatung“… Die meisten Kleinanleger haben i.d.R. garnicht das Hintergrundwissen mal ebenso so ein 100 Seiten Papierhaufen nach Verkaufsprospektgesetz zu lesen und zu verstehen (Das ist extra nur für die Verbraucher gemacht!!!), noch haben Berater in Banken (und auch die windigeren Türklinkenputzer) die Zeit sowas mal ebenso zu erklären.
Der Durchschnittsverbaucher glaubt tatsächlich, dass eine Finanzberatung umsonst ist und glaubt daher auch, dass es nicht so wichtig sei… Klar, das ist nicht wichtig für die Gesundheit usw, aber dafür ermöglicht es einen „guten Schlaf“. Es ist ganz schön naiv zu glauben, dass die ganzen Leute, die in Banken arbeiten das ohne Gegenleistung machen würden, oder?
Ich denke, dass die Banken Angst haben Privatkunden zu verlieren, wenn Sie ihre Vetriebsorganisationen auf Honorarberatung umstellen. Das ist wie das Preisabwärtsspiralenproblem beim Autoverauf: Schön dass du solide eine Preispolitik machst lieber Konkurrent, aber wir werden jetzt die Razor-Blade Strategie auspacken, um dir alle Kunden wegzulocken – Und das funktioniert, weil die Masse keinen Plan hat den Wert (nicht Preis) einer Finanzdienstleistung halbwegs zu bestimmen.
Das Hauptproblem ist einfach, dass Menschen völlig wahnwitzig Unmengen an Geld verpulvern, das sie noch gar nicht verdient haben und wohl auch nie verdienen werden. Genau das gleiche passiert nun schon wieder mit den ganzen Rettungspaketen und bailout-Programmen: Hier wird Geld verpulvert, das es überhaupt nicht gibt. Meines Erachtens steuern wir auf eine irrsinnige Inflation zu.
Hm, also was wäre denn eine Versicherung gegen sinkende Immobilienpreise? Im Endeffekt doch eine Versicherung der Dummheit der Käufer und der Kreditgeber. Denn bei sehr vielen Immobilienkäufern war soweit ich weiß von vornherein klar, dass sie die Kredite mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Einkommen gar nicht hätten tilgen können. Zudem hätte eine solche Versicherung den Kaufpreis noch weiter erhöht, was jedoch offensichtlich „damals“ auch kein Problem gewesen wäre. Die Folge wäre dann doch, dass in der jetzigen Situation an Stelle der Banken zunächst diese Art der „neuartigen“ Versicherer in Schieflage geraten wären und mit ihnen die Rückversicherer. Im nächsten Schritt müsste dann wieder der Staat einspringen, da ansonsten die eigentlichen Kreditgeber an der Reihe wären. Im Endeffekt hätte man doch nur die „neuen“ Versicherer in die Dominokette aufgenommen und letztendlich wäre die Verstaatlichung des Versicherungsrisikos nix anderes als die derzeitige Verstaatlichung der Kreditrisiken…
@Simi
Ich denke, ich werde in den nächsten Tagen das Konzept von Shiller hier in einem eigenen Beitrag darstellen. Das Konzept scheint mir nämlich plausibele zu sein. Es geht letztlich darum, Immobilien gegen unerwartete Marktverluste zu versichern. Eine Voraussetzung dafür ist ein entsprechender Referenzpreis, damit die Hauseigentümer keinen Mißbrauch treiben können. Das war übrigens einer der Gründe für die Entwicklung des Case-Shiller-Homeprice-Indix.
Der Einwand, bei einem Preisverfall, wir er aktuell in den USA und anderen Ländern zu beobachte ist, könnten auch die Versicherungen in Schwierigkeiten geraten, ist richtig. Er spricht aber nicht gegen das Modell, sondern nur für ein neues qualifiziertes Risikomanagement. Hier müssen sich Versicherer und Banken ohnehin schleunigst Gedanken machen, weil die alten Modell komplett versagt haben.
Ich denke es lohnt, sich mit den Ideen von Shiller etwas intensiver zu zu beschäftigen. So verfolgt er mit seinen Versicherungsideen Ansätze, um bestimmte Lebensrisiken, denen Menschen ausgesetzt sind, abzusichern. Er will dies nicht als Zwangsversicherung, sondern sieht dies als Angebot. Es ist ja auch niemand gezwungen, eine Vollkasko abzuschließen.
Die Vorschläge hat Shiller übrigens schon sehr konkret in seinem Buch Die neue Finanzordnung beschrieben.
Ausgerechnet Shiller ist niemand, der unreflektiert seine Gedanken äußert.
Grüsse an „Sven“! Scheint ein kluger Kopf zu sein, und nmmt den Mund nicht so voll wie Mr. Shiller, der nach dem Motto vorzugehen scheint: „Es war schon alles gesagt, nur noch nicht von mir“ und herausgekommen ist beim Sagen einiges Unreflektiertes oder zumindest nicht ganz gut Recherchiertes, wie wir auch dem Kommentar von „Sven“, dem ich zustimme, entnehmehn können.
Zwei Anmerkungen.
Erster Punkt: “Ich glaube, letztlich war die Ursache eine Seuche in der ganzen Gesellschaft. Zehn oder 15 Jahre lang haben die Menschen ziemlich euphorisch investiert, sowohl in Aktien als auch in Immobilien. Das hat sich ausgebreitet wie ein Virus.”
DIE Menschen haben gar nicht euphorisch investiert. Man benötigt keine Studie dafür um zu konstatieren, dass es von den 6+ Mrd. Menschen dieser Welt nur die sprichwörtliche Handvoll ist, welche die Mittel für Investitionen hatte und hat. Und das ganze auf symbolisch als Krankheit zu kategorisieren, geht grob fahrlässig am Thema vorbei. Selbst in der FTD war sinngemäß zu lesen, daß die Ursache dieser Krise nicht an einem Geldmeer lag, sondern daran, daß zu wenig darin schwammen. Soll heißen: die Nachfrageseite hing der Angebotsseite weit hinterher mit zunehmender Tendenz. Somit konnte die Angebotsseite (Industrie) die Umsätze auf Dauer nicht erwirtschaften, denn irgendwann sind auch die Vergabemöglichkeiten für laxe/schlechte/subprime Kredite erschöpft. Und dann ist das Kettenbriefspiel aus.
Zweiter Punkt: „Erst in der nächsten Generation wird es eine neue große Blase geben …“
Selbstverständlich habe ich nicht die Reputation Herrn Schillers, aber dafür habe ich den marktradikalen Nobelpreisträger von Hayek mit seiner „Anmaßung des Wissens“ auf meiner Seite. Es kann als gesicherte Erkenntnis gelten, daß Voraussagen über 1-2 Jahre im voraus hinausgehend den Boden der statistischen Sicherheit verlassen. Zwischen Internet- und Kreditblase lag auch keine Generation. Und was in 5 oder 10 Jahren sein wird, geschweige denn in 25, daß geht ins Nebulöse.
Genau wie sein „Es ist schwierig, etwas zu ändern, solange es keine Krise gibt.“ Das ist eine typische Schwäche der Demokratie. Was wäre die Alternative? Abschaffen? Eher wohl doch der Politik Dampf zu machen und das geht sogar recht enfach. Kleiner aber wirkungsvoller Vorschlag: der Bundesrechnungshof erhält mehr Befugnisse und muß alle Berichte veröffentlichen. Das mag marginal klingen, aber die Bedeutung wird ersichtlich, wenn man sich die Reaktionen der Politik darauf vorstellt. – Oder sein „Deshalb ist die Krise eine Chance.“ Na das wird die Bezieher von Sozialleistungen aber aufrichtig freuen…
Falls ich mir das Fazit zu diesem Interview herausnehmen darf, indem ich mir vorstelle was Herr Schiller gedacht haben könnte, als er an diesem Tag zu Bett ging und noch einmal an das Interview gedacht hat: „Hab zwar nicht gesagt, aber ich war mal wieder in der Zeitung.“
PS: Auch sein „Ich denke zum Beispiel an Versicherungen, die Geld zahlen, wenn der Wert des Eigenheims sinkt.“ ist kein konkreter Vorschlag. Die Prämie kommt auf das Häuschen ja oben drauf, mal abgesehen davon, wie bei der Spannbreite des Wertes einer Immobilie das kalkuliert werden soll. Aber das Problem war, daß dem Häuslebauer das Einkommen fehlt. Wo ist die Lösung, wenn der Kaufpreis erhöht wird? Luxusproblem…
Comments on this entry are closed.
{ 1 trackback }