Wie sich die Wertvorstellungen der Bevölkerung verändern

by Dirk Elsner on 7. April 2009

Gestern Morgen habe ich im Deutschlandfunk ein interessantes Interview mit dem Arbeitspsychologen und Hirnforscher Prof. Peter Kruse aus Bremen gehört. Kruse soll eine Methode entwickelt haben, um Veränderungen in den Wertvorstellungen der Bevölkerung empirisch zu erfassen. Er hat für das Demographische Forum des Bundespräsidenten eine Studie über die gesellschaftlichen Herausforderungen (pdf-Download der Studie hier) erstellt, die sich aus dem demographischen Wandel ergeben, und dabei die Entwicklung im Werteverhalten der Bevölkerung ermittelt.

Herausgefunden habe der Uni-Professor damit, dass die Menschen im Land frustriert seien. Das Solidaritätsgefühl sei in den vergangenen Jahrzehnten zu Gunsten des Leistungsprinzips verloren gegangen. Zwei Drittel der Befragten seien vom Verlust des "sozialen Gefühls" enttäuscht und auch "ein bisschen wütend", so Kruse. Das Interview kann hier nachgehört und hier nachgelesen werden (Hinweis an den Deutschlandfunk: einfach Link auf Audiodatei auch in das Textdokument aufnehmen). Hier zwei Zitate aus dem unter der Überschrift “Ausrichtung auf Leistung" macht nicht glücklich” veröffentlichten Interview mit Kruse:

“Zwischen den 80ern und 90ern ist wirklich irgendwie etwas zersprungen. Da gab es so etwas wie ein soziales Gefühl, ein Solidaritätsgefühl, und das ist verloren gegangen. Wir haben sehr stark die Leistung in den Vordergrund gehoben. Wir haben das Prinzip Eigenverantwortung in den Vordergrund gehoben, was an sich ja sehr richtig war, aber die Menschen haben eben etwas verloren. Das "wir" ist verloren gegangen, die Menschen haben sich auf das "ich" konzentriert und sie stehen heute vor der Situation, dass sie damit tatsächlich frustriert sind, und das bezieht sich tatsächlich auf so Größenordnungen von zwei Drittel der Befragten, die wirklich genervt sind.”

Auf die Frage des Moderators Jürgen Liminski, was der Bundespräsident zu seiner Studie sagte?

“Ich glaube, da waren zwei Dinge, die für ihn interessant waren. Das eine: Ich glaube, er hat einigen Optimismus daraus geschöpft, dass es diese Kehrtwende zur Sinnstiftung gibt. Die Tatsache, dass Menschen eine Kategorie entdecken, die jenseits von trivialer Leistung, jenseits von Ökonomie Gültigkeit hat, hat ihn sehr optimistisch gemacht, so nach dem Motto "wenn wir diese Potenziale haben und wir das über Sinnstiftung heben können, dann haben wir eine gute Basis". Und das Zweite war, glaube ich: Er ist sehr nachdenklich geworden in diesem Begriffkontext Respekt und Anerkennung. Das ist ja neben aller Hilfe, die man geben kann, etwas, was in Kommunikation, was sozusagen feinstofflich zwischen uns stattfindet. Sind wir wirklich in der Lage, noch ein Klima der Anerkennung und des Respekts aufzubauen für Menschen, die ihre Zeit geben für Menschen? Wenn wir das nicht können, dann kriegen wir Probleme, und ich glaube, dieser Teil ist ihm sehr bewusst geworden angesichts dieser Daten.”

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