Die Legende vom Insolvenzverwalter als Sanierer

by Dirk Elsner on 8. April 2009

Wirtschafskrisenzeit ist vor allem auch die Hochzeit der Insolvenzverwalter. Nach rezessiven Zeiten haben sich Deutschlands Insolvenzverwalter auf dem Insolvenzrechtstag in Berlin auf eine Hochsaison der Firmenpleiten eingestimmt, schrieb kürzlich das Handelsblatt. Die Zahl der Insolvenzen soll in diesem Jahr um fast ein Fünftel steigen. Dies ist auch die Zeit, in der genährt durch spektakuläre Insolvenzen wie Märklin oder dem Nähmaschinenhersteller Pfaff die Legenden vom Insolvenzverwalter als Notarzt gepflegt werden und Beispiele von Unternehmen, denen die Insolvenz die Rettung brachte, Mut machen sollen.

Ich will hier nicht den betroffenen Unternehmen den Mut nehmen. Aber die Wochenzeitung Die Zeit sorgt in einem ausführlichen Artikel für mehr Realismus an die Erwartungen einer Insolvenz und an die Insolvenzverwalter:

“Die Profis unter den Insolvenzverwaltern bestimmen das öffentliche Bild der Branche, die von ihnen bearbeiteten Fälle werden überproportional stark beachtet. Die allermeisten Pleiten ereignen sich aber bei Mittelständlern und Kleinfirmen. Dort kommen als Verwalter häufig nicht ausreichend qualifizierte Leute zum Einsatz, die vielleicht drei Verfahren im Jahr abwickeln und deren Büro aus nicht viel mehr besteht als einem Laptop im Kofferraum.”

“Da kann die Medizin noch so gut sein: Wenn sich die, die sie anwenden sollen, nicht als Notärzte verstehen, sondern als gut bezahlte Sterbehelfer, wird manche Firma beerdigt, die noch eine Überlebenschance gehabt hätte. Solange genügend Masse da ist, aus der der Verwalter seine Vergütung bekommt, ist der Anreiz für ihn stark, den Laden so schnell wie möglich dichtzumachen und das Restgeld an die Gläubiger zu verteilen. Das könnte die Krise verstärken: Mehr Firmen als nötig werden zerschlagen.”

Fachleute schätzen, dass es unter den 1800 deutschen Pleitemanagern nur 300 bis 400 wirkliche Profis gäbe. ´”Der Rest dilettiert,” zitiert die Zeit einen Profi.

“Insolvenzverwalter ist eine Berufsbezeichnung, die nicht geschützt ist. Es gibt keinen festgelegten Ausbildungsgang und auch keine staatliche Prüfung. Ein juristisches Examen ist nicht Voraussetzung, auch Betriebswirte und Buchhalter können den Job machen. Jedem Scheidungsanwalt steht es im Prinzip frei, auf Insolvenzen umzusatteln. Insolvenzverwalter ist, wen ein Amtsrichter als solchen einsetzt. Das Gericht muss zuvor zwar nach dem Gesetz die Eignung des Kandidaten prüfen und darauf achten, dass der Betreffende »unabhängig« ist (und nicht etwa der Gehilfe eines großen Gläubigers). Welche Maßstäbe sie anlegen, bleibt jedoch den Richtern überlassen. So kommt es zu Kungeleien und Fehlbesetzungen.”

Ein systembedingtes Problem führt dazu, dass viele Insolvenzverwalter zu ängstlich reagieren, denn Insolvenzverwalter haften für unter ihrer Führung eingegangene neue Verbindlichkeiten insolventer Unternehmen. Aus Angst vor Risiken würden rettbare Unternehmen zu schnell dichtgemacht. Häufig “… wickeln sie das Verfahren so schnell wie möglich ab. Für sie ist das ein gutes Geschäft, jedenfalls dann, wenn genügend Geld da ist, um die Vergütung des Insolvenzverwalters zu bezahlen, denn der darf sich als Erster bedienen.”

Auch die Gerichte selbst zeigen sich häufig überfordert:

“Heute machen etliche Insolvenzrichter nebenher noch Strafsachen. Es ist auch keineswegs so, dass Pleiten unter richterlicher Mitwirkung abgewickelt werden. »Mit der Eröffnung des Verfahrens ist ein Rechtspfleger zuständig«, erläutert Silke Wehdeking, Insolvenzverwalterin in der Kanzlei Leonhardt Westhelle & Partner. Unter diesen Justizbeamten gebe es zwar engagierte Leute, die Arbeitsbedingungen seien aber schlecht. Zu viele Verfahren, zu wenig Personal. Und nicht selten passiert es, dass sich ein Rechtspfleger, der sich gut in das Insolvenzrecht eingearbeitet hat, plötzlich in der Grundbuchabteilung wiederfindet.”

Am Ende des Beitrags wird noch etwas Werbung für das Insolvenzplanverfahren gemacht, das möglicherweise gerade in der Wirtschaftskrise seine Feuertaufe erleben könnte. Der Grundgedanke des Insolvenzplanverfahrens ist bekanntlich in § 1 der Insolvenzordnung genannt:

„Das Insolvenzverfahren dient dazu, die Gläubiger eines Schuldners gemeinschaftlich zu befriedigen, indem das Vermögen des Schuldners verwertet und der Erlös verteilt oder in einem Insolvenzplan eine abweichende Regelung insbesondere zum Erhalt des Unternehmens getroffen wird. Dem redlichen Schuldner wird Gelegenheit gegeben, sich von seinen restlichen Verbindlichkeiten zu befreien.“

Beim Planverfahren verzichten die Gläubiger freiwillig auf einen Teil ihrer Forderungen, ungünstige Verträge können gekündigt werden. Auf diese Weise konnte gerade die Modekette SinnLeffers gerettet werden. Das Instrument wird auch zehn Jahre nach Inkrafttreten der Insolvenzordnung nur höchst selten angewandt – genauer gesagt: bei nur zwei Insolvenzen von hundert, schreibt Jungbluth in der Zeit. Das Planverfahren ist nach Auffassung von Spezialisten “ein nützliches Instrument, um gescheiterten Unternehmern eine zweite Chance zu geben. Während der Geschäftsinhaber bei einer Pleite im Normalfall alles verliert, ist der Insolvenzplan »für den Unternehmer eine Chance, weil er zumindest einen Teil seiner Werte erhalten kann«. Anders als bei einer herkömmlichen Pleite bleibt er Eigentümer, wenn auch oft mit einem herabgesetzten Anteil.”

Was Jungbluth in seinem Artikel verschweigt ist, dass das Insolvenzplanverfahren häufig deswegen nicht angewendet wird, weil der Ablauf zwar in sich logisch aber auch komplex ist. Das Verfahren ist sehr kompliziert. Die gesetzlichen Vorgaben sind bspw. im Bereich der Terminierung sehr eng und im Bereich der Planinhalte sehr weit gefasst. Auch ist zur Erstellung eines Insolvenzplans viel Fachwissen erforderlich, schreibt Stefanie Mühleis in ihrer Diplomarbeit. Dort kann man übrigens anhand eines Praxisbeispiels lernen, wie ein solches Verfahren ablaufen kann. 

Besser ist es ohnehin, nicht erst auf die drohende Zahlungsunfähigkeit zu warten, sondern das Krisenmanagement viel früher zu beginnen, damit man gar nicht erst in die unangenehme Situation kommt, die Verfügungsgewalt an seinem Unternehmen abzugeben. Im Fall des Insolvenzplanverfahren und der Insolvenz ist der strategische Handlungsspielraum bis auf Null geschrumpft und das Krisenmanagement besteht nur noch aus Sanierungsmaßnahmen und ist vorwiegend reaktiv.

Abschließend möchte ich zum Thema Krisenmanagement vorab auf eine Sonderseite hinweisen, die ich hier eingerichtet habe. Dort stelle ich in den nächsten Wochen schrittweise u.a. ein Skript zur Verfügung, das als Leitfaden zum Krisenmanagement verwendet kann. Ich habe darin meine eigenen Erfahrungen zum Management in Krisen- und Turnaroundsituationen systematisch zusammengefasst und mit einschlägiger Literatur angereichert.

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