Risikomanagement mit Schwarzen Schwänen: Talebs zehn Prinzipien zur Wirtschaftskrise

by Dirk Elsner on 13. Mai 2009

In diesen Tagen regt mich das nicht mehr ganz taufrische Buch “Der Schwarze Schwan” von Nassim Nicholas Taleb zu neuen Gedanken an. Taleb schreibt darüber, wie die Menschheit immer wieder von Ereignissen überrascht wurde und wird, mit denen sie nicht gerechnet hat. Er nennt die Ereignisse einen Schwarzen Schwan. Ein „Schwarze Schwan“ beschreibt ein Ereignis, das es eigentlich nicht geben sollte. Ursprünglich verwendete Karl R. Popper das “Schwan-Modell” um seine Wissenschaftstheorie anschaulich zu erläutern.

Taleb ist nicht so naiv und glaubt, dass sich “Schwarze Schwäne” verhindern lassen. Er kritisiert in seinem Buch aber deutlich die “Experten”, die uns glauben machen wollen, dass es keine Schwarzen Schwäne gebe und falls es sie gäbe, dass man genau wisse, wie man damit umgehen könne. Wie auch immer, ich will hier keine Rezension schreiben, weil ich die Lektüre des Buchs gerade erst begonnen habe (eine Rezension ist z.B. hier von Weissgarnix zu lesen).

In einem Artikel der Financial Times hat Taleb 10 Prinzipien vorgestellt, um mit der Welt Schwarzer Schwäne besser zurecht zu kommen. Dazu schlägt er grundsätzlich vor, dass Leben mehr an der biologischen Natur des Menschen zu orientieren.  Was das aus seiner Sicht heißt, stellt er in den nachfolgenden Prinzipien vor.

Einige von Talebs Ansätzen klingen für Ökonomen plausibel andere recht radikal. Man muss diese Ansätze nicht teilen und darf sie durchaus kritisch sehen. Manche Vorschläge dürften aufgrund der Natur von uns Menschen kaum umsetzbar sein oder verstoßen gegen Prinzipien unseres Zusammenlebens. Das sollte aber den Blick nicht davor verschließen, dass einige Ansätze klug und durchaus ökonomisch sinnvoll sind.

  1. Was zerbrechlich ist, sollte zerbrochen werden solange es noch klein ist. Nichts sollte so groß werden, dass es zu groß ist, um scheitern zu dürfen (to big to fail). Im ökonomischen Leben wird gerade denen geholfen, die die höchsten versteckten Risiken aufweisen. Damit werden die Zerbrechlichsten am Größten.  Hier hat Taleb sicher auch die Banken im Hinterkopf. Tatsächlich sehen auch immer mehr Ökonomen die Rettung großer Unternehmen durch den Staat als kritisch an.
  2. Kein Sozialisierung von Verlusten und Privatisierung von Gewinnen. Taleb fordert, dass alle Unternehmen, die vom Staat gerettet werden, auch verstaatlicht werden sollen. Er ist der Auffassung, dass wir uns aktuell der schlimmsten Kombination von Kapitalismus und Sozialismus nähern. Mit dieser Auffassung vertritt er eine sehr marktliberale Position.
  3. Menschen, die blind einen Schulbus fahren und einen Unfall verursachen, dürfen nie wieder einen Schulbus fahren. Mit dieser These greift Taleb das ökonomische Establishment (Hochschulen, Aufsichtsbehörden, Zentralbanken, Regierungen, Organisationen besetzt mit Wirtschaftswissenschaftlern) an, die ihre Legitimierung mit dem Ausfall des Systems verloren haben. Er hält es für dumm, sich jetzt auf die Experten zu verlassen, die die Krise verursacht haben. Hier soll man intelligente Menschen finden, die saubere Hände haben. Er sagt aber nicht, wer diese Menschen finden soll. Dieser Punkt klingt mir zu populistisch und zu wenig differenziert. Menschen müssen die Chance erhalten, aus Irrtümern und Fehler zu lernen.
  4. Lasse niemand, der einen am Gewinn gekoppelten Bonus hat, ein Kernkraftwerke oder Deine finanziellen Risiken managen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass diese Menschen die Sicherheit einschränken, um Gewinn zu machen und sich dabei dennoch konservativ zeigen. Bonuszahlungen passen nicht zu versteckten Risiken.
  5. Finde ein Gleichgewicht zwischen Komplexität und Einfachheit. Der Komplexität der Globalisierung und der vernetzten Wirtschaft benötigt ein Gegenpart in einfachen Finanzprodukten. Dieser Ansatz bleibt allerdings inhaltlich unbestimmt.
  6. Gebt Kindern kein Dynamit, selbst wenn sie vor der Gefahr gewarnt werden. Taleb fordert den Verkauf komplexer Finanzprodukte einzuschränken, weil sie kaum jemand wirklich versteht. Hier sollen nach Auffassung Talebs, die Menschen vor sich selbst geschützt werden. Dies halte ich für sehr problematisch, weil der Bedarf trotz Verbote sich andere Wege suchen würde und die Menschen bevormundet und damit in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt werden.
  7. Nur Schneeballsysteme hängen von Vertrauen ab. Regierungen sollten niemals Vertrauen wiederherstellen müssen. Kaskadierende Gerüchteketten sind ein Produkt komplexer Systeme. Wir müssen in der Lage sein, schädigende Gerüchten mit einem Achselzucken und ohne Schaden ins Gesicht zu sehen. Wie das freilich gehen soll, lässt Taleb offen.
  8. Gebt Süchtigen keine weiteren Drogen, wenn sie Entzugsschmerzen spüren. Aktuell noch mehr Kredite zu vergeben, um die Kreditkrise zu bekämpfen ist keine Homöopathie, sondern die Verweigerung, sich den Problemen zu stellen. Taleb hält die Kreditkrise nicht für ein temporäres Problem, sondern für ein strukturelles und fordert eine Reha. Die Gestaltung der Reha lässt er freilich offen. Dennoch teilen dieses Prinzip auch viele Ökonomen.
  9. Bürger sollten nicht abhängig sein von Finanzanlagen und fehlbaren Experten, wenn es um die Anlage ihrer Rentenzahlungen geht. Finanz- und Aktienmärkte sollten nicht als Speicher unseres Vermögens verwendet werden, da sie nicht die Sicherheiten bieten, die viele Menschen verlangen. Über diesen Vorschlag kann man nachdenken. Aber auch hier ist ein Verbot wenig sinnvoll. Menschen sollten dies selbst entscheiden dürfen, müssen aber die Konsequenzen kennen und tragen.
  10. Mach aus zerbrochenen Eiern Omelette. Die Krise kann nicht mit behelfsmäßigen Reparaturen beseitigt werden. Der Rumpf der Wirtschaft muss neu gestaltet werden mit stärkeren Materialien. Er wünscht sich eine freiwillige Bewegung hin zu einem Kapitalismus 2.0. Dazu fordert er u.a.
    • das kaputt gehen lassen, was kaputt ist;
    • Schulden in Eigenkapital wandeln;
    • die Ökonomen und das Business-School Establishment marginalisieren;
    • Verbot von kreditfinanzierten Übernahmen;
    • den Menschen beizubringen, wie man durch eine Welt mit Risiken kommt.

Ich vermute, dass Taleb aufgrund der Radikalität einiger seiner Thesen vom ökonomischen Establishment nicht ernst genommen wird.  Ich denke, es lohnt sich dennoch, über einige Punkte tiefer nachzudenken, weil sie plausibel und auch ökonomisch vernünftig erscheinen.

Auszug aus der Wikipedia zu Taleb

Taleb bezeichnet sich selbst als einen „skeptischen Empiristen“ und glaubt, dass Naturwissenschaftler, Ökonomen, Historiker, politische Entscheidungsträger, Geschäftsleute und Bankiers Opfer einer Illusion sind; sie überschätzen den Wert von rationalen Erklärungen für beobachtete Daten und unterschätzen das Auftreten von unerklärbarer Zufälligkeiten in diesen Daten. Er stellt sich in die Tradition von skeptischen Philosophen wie Sokrates, Sextus Empiricus, Al-Ghazali, Pierre Bayle, Montaigne, David Hume und Karl Popper und glaubt dass wir viel weniger wissen als wir glauben zu tun, und dass die Vergangenheit nicht in naiver Weise dazu benutzt werden sollte, um die Zukunft vorauszusagen.

Taleb konzentriert sich nun auf die Forschungstätigkeit im Bereich der Philosophie des Zufalls und die Rolle von Unbestimmtheit in Wissenschaft und Gesellschaft mit besonderem Gewicht auf der Geschichtsphilosophie und der Rolle von glücklichen oder unglücklichen Zufallsereignissen mit großen Auswirkungen, die er „schwarze Schwäne“ („black swans“) nennt.

Taleb glaubt, dass die meisten Menschen „schwarze Schwäne“ ignorieren, weil es für uns angenehmer ist, die Welt als geordnet und verständlich zu betrachten. Taleb nennt diese Blindheit „platonischer Fehlschluss“ und legt dar, dass dies zu drei Verzerrungen führt:

  1. erzählerische Täuschung (narrative fallacy): Das nachträgliche Schaffen einer Erzählung, um einem Ereignis einen erkennbaren Grund zu verleihen.
  2. Spieltäuschung (ludic fallacy): Der Glaube daran, dass der strukturierte Zufall, wie er in Spielen anzutreffen ist, dem unstrukturierten Zufall im Leben gleicht. Taleb beanstandet Modelle der modernen Wahrscheinlichkeitstheorie wie den Random Walk.
  3. Statistisch-regressive Täuschung (statistical regress fallacy): Der Glaube, dass sich das Wesen einer Zufallsverteilung aus einer Messreihe erschließen lässt.

Er postuliert auch eine „dreifache Eintrübung“ (triplet of opacity) auf die Geschichte und ihre Auswirkung auf die Gegenwart:

  1. die Illusion, gegenwärtige Ereignisse zu verstehen
  2. die rückblickende Verzerrung von historischen Ereignissen
  3. die Überschätzung von Sachinformation, kombiniert mit einer Überbewertung der intellektuellen Elite

Taleb, ein Anti-Platonist, glaubt, dass Universitäten sich besser auf Öffentlichkeitsarbeit verstehen als auf das Schaffen von Wissen. Wissen und Technologie werden ihm zufolge durch „stochastische Bastelei“ geschaffen und kaum je durch zielgerichtete Forschung.

Taleb stellt sich gegen bedeutende Theorien der Sozialwissenschaften. Er unterstützt Experimente und das Sammeln von Fakten, aber lehnt es ab, daraus verallgemeinerte platonische Theorien zu bilden, die sich nicht auf harte Fakten stützen.

Im Einklang mit seinem Anti-Platonismus mag es Taleb nicht, wenn seine Ideen „Theorien“ genannt werden. Da er sich gegen allgemeine Theories und Top-down-Konzepte stellt, verwendet er nie das Wort „Theorie“ in Verbindung mit dem „schwarzen Schwan“. Der Ausdruck Black Swan theory ist für ihn ein Widerspruch in sich, und er fordert von seinen Lesern, den „schwarzen Schwan“ nicht zu „platonifizieren“. Vielmehr würde er Taleb seine Idee als „Anti-Theorie“ oder „Schwarze-Schwan-Vermutung“ (Black Swan conjecture) bezeichnen.

Er lehnt die akademische Aura rund um Wirtschaftstheorien ab. Seiner Meinung nach leiden sie unter dem Problem der „Platonizität“. In einem Artikel mit dem Titel „The pseudo-science hurting markets“, (Die marktschädigende Pseudowissenschaft) ruft Taleb dazu auf, den Wirtschaftsnobelpreis abzuschaffen und legt dar, dass durch Wirtschaftstheorien ein gewaltiger Schaden angerichtet werden kann.

Weitere Artikel zu Taleb

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HB: Neue Geschäftsmodelle Risikomanagement: Ringen mit den Risiken

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