Michael Jackson: Ein ökonomischer Nachruf

by Dirk Elsner on 6. Juli 2009

Der ganze große Medienhype um den Tod von Michael Jackson hat sich vorerst gelegt. Die letzte große Aufmerksamkeitswelle folgt morgen mit der Beerdigung des Megastars, der angeblich „größten Party aller Zeiten“ (Bild). Zeit also, sich einen Augenblick mit den ökonomischen Begleiterscheinungen des überraschenden Tods zu befassen. Die ausgeprägte Berichterstattung versuchte sich an vielen Details aus dem Leben Jackson, die finanzielle Anatomie des Popsängers wurde allerdings nur oberflächlich freigelegt. Und zudem handelt es sich dabei in erster Linie um kaum belegbare Spekulationen, denn die Angaben über die Einkommens- und Vermögensverhältnisse Jacksons sind sehr widersprüchlich. Kaum ein Medium bequemt sich, Quellen zu nennen oder auf die widersprüchlichen Angaben hinzuweisen. Dennoch, hier der Versuch einer Autopsie aus den Meldungen der letzten 11 Tage.

Vermögen

Die Angaben über die Vermögenslage des Michael Joseph Jackson variieren sehr stark. Wertvollste Assets auf der Aktivseite dürften aber seine Anteile an mehreren Musikkatalogen sein.

Jackson kaufte für 47,5 Millionen Dollar auf Anraten seines Beraters, dem Entertainment-Anwalt John Branca (war 20 Jahre für ihn tätig) die Firma ATV Music. Zehn Jahre nach dem Erwerb verkaufte der Künstler die Hälfte der Lizenzrechte für 150 Millionen Dollar an Sony. Das Unternehmen firmiert heute unter Sony-ATV Music Publishing und hat Niederlassungen auf allen Kontinenten. Nach Angaben von Time werden allein die Anteile Jacksons an dem Unternehmen einen Wert zwischen 390 Mio. und 1 Mrd. US$ geschätzt. Die Untergrenze stammt dabei aus einem Audit seiner Vermögenswerte.

Wertvollstes Stück soll der sogenannte Northern-Song-Katalog, benannt nach der Rechtefirma der beiden Beatles John Lennon und Paul McCartney. Die beiden Köpfe der Beatles haben zwar viele ihrer Lieder nicht zusammen geschrieben, aber für alle gemeinsam als Komponisten firmiert. So kontrolliert Sony-ATV die Rechte der von 251 Beatles-Klassikern, darunter „Love me do“, „Yesterday“, „Hey Jude“ und „Let it be“. Er soll angeblich der wertvollste Künstler-Katalog sein, den es im Musikgeschäft gibt. Mag sein, dass dies für Vergangenheit gegolten hat. Aktuell dürfte das zweifelhaft sein.

Denn auch die weiteren Rechte von ATV Music sind nicht zu verachten. Die Gesellschaft hält nämlich ebenfalls Rechte an Songs von Altstars wie Neil Diamond, Bob Dylan, Leonard Cohen und an aktuellen Hitlieferanten wie Lady Gaga und The Rasmus. Laut Time umfasst der Katalog 750.000 Songs (FAZ 500 000). Wer es überprüfen will, der kann hier nachzählen.

Das Musikverlagsgeschäft ist im Vergleich zum Tonträgergeschäft hoch attraktiv. Die CD-Verkäufe schrumpfen seit zehn Jahren drastisch, was die Branche auf kostenlose Internettauschbörsen und Raubkopierer zurückführt. Die Einnahmen der Verlage wachsen dagegen. Rechteinhaber profitieren übrigens nicht nur von den Einnahmen aus CD-Verkäufen und Downloads, sondern verdienen ebenfalls an allen öffentlichen Aufführungen der Songs. Dazu gehört z.B., wenn Jackson-Lieder in Computerspielen wie Guitar Hero verwendet werden.

Nach Angaben von Sony hat ATV Vermögen im Umfang von 1,3 Mrd US$ und Verbindlichkeiten in Höhe von 479 Mio. US$. Daraus errechnet sich ein Nettovermögen in Höhe von 850 Mio. US$. Legt man etwas ähnliche Bewertungsmaßstäbe an, wie für den Kauf von BMG durch Universal, dann beträgt der Wert von ATV 2 Mrd. US$. Jacksons Anteil hätte somit einen Wert von 1. Mrd US$.  Diesen Wert bestätigt Ivan Thornton der Finanznachrichtenagentur Bloomberg.

Laut „Wall Street Journal“ hat Jackson seinen Anteil als Bürgschaft für ein 300-Mio.-Dollar-Darlehen der Bank of America hinterlegt.

Jackson hielt die Rechte an seinen eigenen Songs über die Firma Mijac. Mijac“ realisierte zuletzt einen Gewinn von 10 Mio. € pro Jahr und profitiert vom neuen Verkaufsboom. Das Unternehmen soll durch ein Darlehen 73 Mio. US$ belastet sein. Nach dem Tod von Jackson dürften die Rechte an seinen Songs einen deutlich höheren Zahlungsstrom erzeugen.

Der Wert seiner Neverland-Ranch kann derzeit nur geschätzt werden. 28 Millionen Dollar soll das im Santa Ynez Valley gelegene Anwesen 1988 gekostet haben (einige Quellen schreiben von 20 Mio. US$). Elf Quadratkilometer  soll das Gelände umfassen. Heute gehört die Ranch dem Immobilienunternehmen Sycamore Valley Ranch Company, an dem auch Jackson selbst beteiligt war. 11 Quadratkilometer entsprechen etwa 2.700 acres. Ich kenne zwar die aktuellen Immobilienpreise nicht für das Santa Ynez Valley. Schaut man hiflsweise in die Tabelle des Case-Shiller Homeprice-Index (etwa hier), dann wird für die Gegend um Los Angeles eine Entwicklung des entsprechenden Index von 85,97 auf 171,46 angegeben. Sofern diese Werte auch für Landgrundstücke im Santa Ynez Valley gelten, wäre dies trotz Immobilienkrise immerhin eine Verdopplung. Tatsächlich dürfte die Ranch durch den gehypten Tod des Stars wohl deutlich mehr wert sein.

Schulden

Die Schuldenhöhe variiert je nach Quelle deutlich. Nach Information der Wirtschaftswoche sollen seine Verbindlichkeiten 2009 noch umgerechnet 110 Millionen Euro betragen haben. Das Wall Street Journal berichtete, der US-Sänger habe 500 Mio. US$ angehäuft. Nach Angaben des Handelsblatts soll er 331 Mio. US$ angehäuft haben, unter anderem bei den Finanzinvestoren Fortress Investment Group und Colony Capital sowie den Großbanken Citigroup und Bank of America. Time spricht von 315 Mio US$ Ausleihungen allein der britischen Barclays Bank. Außerdem habe Jackson selten seine Rechnungen beglichen. Ein hohe Zahl von Angestellten warte auf rückständige Löhne. Der Publizist Raymone Bain  hat Jackson im Mai auf Zahlung von 44 Mio. US$ nicht gezahlter Entgelte verklagt.

Trotz mangelnder Zahlungsmoral kaufte die Finanzgesellschaft Fortress Investment der Bank of America einen Teil der laufenden Kredite ab. Da Jackson seine Raten nicht mehr zahlte, drohte Fortress kurz vor Weihnachten 2005 damit, den Kredit einzufordern. Anfang 2006 vereinbarte Jackson eine Refinanzierung über 300 Millionen Dollar, an der auch die Citigroup beteiligt war.

Im Frühjahr 2008 spitzte sich die Lage für Jackson erneut zu. Fortress drohte mit der Zwangsversteigerung seiner Neverland-Ranch. Hier “half” Thomas Barrack mit seiner Finanzgesellschaft Colony Capital und stieg mit rund 22,5 Millionen Dollar ein und verhinderte so die Auktion.

Zu den Geldgebern gehörte außerdem Abdullah al Khalifa.  Jackson lebte mit seinen drei Kindern fast ein Jahr lang im königlichen Palast des Scheichs in Bahrain und genoss dort allen Komfort, berichtet Bild. Dort wollte Jackson an seinem Comeback arbeiten. Zur Inspiration liess er den Mental-Trainer Tony Buzan einfliegen. Kosten pro Sitzung: umgerechnet 30.000 Euro. Einmal pro Woche kam Buzan von London nach Bahrain. Im Gegenzug sollte der „King of Pop“ mit dem Scheich ein Album aufnehmen. Doch daraus wurde nie etwas. Der Prinz verklagte Jackson darauf auf 5,5 Millionen Dollar. Die beiden einigten sich jedoch, bevor es zum Prozess kam.

Einkommen

Auch die Daten über die Einkommen von Jackson variieren heftig. Da ist z.B. zu lesen, dass es Jahre gegeben haben soll, in denen der „King of Pop“ 50 Millionen Dollar verdiente. Andere “Quellen” schätzen seine gesamten Einnahmen auf 750 Millionen Dollar. Ein weitere Quelle will wissen, dass Jackson allein aus auch einem Plattenvertrag mit Sony aus dem Jahr 1991: 890 Millionen Dollar eingestrichen haben soll (mehr war einem Label bislang kein Sänger wert).

Das Album Thriller verkaufte sich nach Angaben seines Managements mehr als 100 Millionen Mal. Von Invincible aus 2001 wollten die Fans “nur” noch sechs Millionen Exemplare.

Ausgaben

„Es gab keinen Plan darüber, wie viel er ausgeben sollte“, hatte Alvin Malnik, Rechtsanwalt und früherer Finanzberater Jacksons, bereits 2006 in der New York Times gesagt. „Millionen von Dollar wurden verwendet für das Chartern von Flugzeugen, dem Ankauf von Antiquitäten und Bildern.“ Erste Berichte über Jacksons finanzielle Probleme tauchten 2006 auf. Um Kosten zu sparen, schloss Jackson das Haupthaus seiner Neverland Ranch, auf der er sich einst einen Privatzoo und einen Vergnügungspark eingerichtet hatte. Gleichzeitig blieb er wiederholt Zinsen schuldig. Durchschnittlich 20 bis 30 Millionen Dollar pro Jahr gab Jackson angeblich mehr aus als er einnahm. Zuletzt sollen sich seine jährlichen Einnahmen auf „nur noch“ 19 Millionen Dollar belaufen haben.

Trittbrettfahrer

Vom neuen Jackson-Boom wollen offenbar viele Trittbrettfahren profitieren. US-Promis äußerten im Minutentakt ihre Trauer. Sich an den verstorbenen Popstar laut zu erinnern, ist offenbar „cool“ geworden. „Ich kann nicht mehr aufhören zu weinen“, lässt Madonna vermelden. Die Klatschseite TMZ, die die Todesnachricht als Erste meldete, bietet einen Überblick über die Twitter-Updates der Stars zu seinem Tod. „Still remembering MJ“, schreibt da etwa Rapper Snoop Dog. Beim BET-Festakt war Moderator Jamie Foxx prompt in eine rote Lederjacke gekleidet, wie Jackson sie im „Thriller“-Video trug, und versuchte sich im Moonwalk.

Der eine oder andere dürfte außerdem auf einen das eigene Image hebenden Trauerauftritt hoffen. So ist halt das Showgeschäft.

Erbe – Testament

Die Ranch Neverland und andere Vermögenswerte gehen an einen Treuhandfonds der Jackson-Familie, den „Michael Jackson Family Trust“. Auszüge aus dem Testament können hier nachgelesen werden. Einen weiteren Bericht dazu gibt es im Wall Street Journal: Jackson Estate Goes to Family Trust

Plattenverkaufe und weitere Vermarktung

Jackson dominiert derzeit wieder die Hitparaden. Er soll außerdem viele unveröffentlichte Songs hinterlassen haben. Hier dürfte noch unklar sein, wer die Rechte an diesen Songs denn tatsächlich hat. Ungeachtet dieser Frage, will die Familie Alben mit ihnen in den nächsten Monaten herausbringen. Förderlich für den Verkauf werden sicherlich eine große öffentliche Trauerzermonie oder Abschiedskonzerte sein, wie sie offenbar derzeit angedacht werden.

Fazit

Jackson stand mitnichten vor der Pleite, sondern war höchstens “illiquide”. Allein das Nettovermögen als Differenz aus Vermögen und Schulden beträgt mindestens 500 Mio. US$, wenn man den höchst genannten Betrag der Schulden und den niedrigsten Betrag des Vermögens annimmt. Von undurchsichtigen Geschäften kann hier nicht gesprochen werden. Jackson war ja nicht verpflichtet über seine Vermögensverhältnisse öffentlich zu reporten. Gerade die ATV-Transaktion ist als geniales Geschäft zu bezeichnen. Allerdings stammte die Idee nicht von Jackson, sondern von einem seiner Berater.

Quellen und weitere Berichte:

Bild: Das ganze Testament zum Durchlesen!

FAZ: Das Erbe des King of Pop

NZZ: Nach dem Tod ist Michael Jackson noch mehr wert

FAZ: Die Welt hört Michael Jackson

Focus: Vermögen: Wie viele Schulden hatte Jackson wirklich?

HB: Jackson-Gläubiger warten auf Millionen

NYT: In Death as in Life, Michael Jackson Sets Music Sales Records …

NYT: The Pop Star and the Private Equity Firms

NYT: How Much Did Michael Jackson Rock the Web? – Bits Blog

Spon: Bizarrer Abschied für König Einsam

Spon: Familie schachert um Jacksons Trauer-Show

Spon: Musik, Bilder, Hintergründe: Alles zum King Of Pop

Time: Michael Jackson: An Idol’s Rise and Fall

Time: Michael Jackson’s Estate: Saved by the Beatles

Time: What Happened to Michael Jackson’s Millions?

WSJ: Jackson Will From 2002 in Spotlight

Wiwo: Pop-Legende Michael Jackson, verarmter King of Cash

Wiwo: Nichts als Schulden? Was Michael Jackson hinterlässt

Zeit: Die Hinterlassenschaften des King of Pop

Zeit: Die schnellste Stunde

Zeit: Michael Jackson starb hoch verschuldet

Zeit: Spezial

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