Wie gehen die Deutschen mit Geld um?

by Gastbeitrag on 23. Juli 2009

Von Stefan Hradil in: Aus Politik und Zeitgeschichte 26/2009

Geld spielt in modernen, privatwirtschaftlichen Gesellschaften eine zentrale Rolle. Jeder geht tagtäglich und selbstverständlich mit Geld um. „Es hat eine höhere Auflage als das gängigste Druckwerk, eine größere Einschaltquote als die beliebteste Sendung und eine Spannbreite über Generationen und soziale Gruppen, die ihresgleichen sucht.“[1]

Wie wir mit Geld umgehen, hat Folgen: Erfolg, Zufriedenheit, vielleicht sogar Glück – obschon Geld allein ja nicht glücklich machen soll – kann der erlangen, der Geld souverän einsetzt. Wer dazu nicht in der Lage ist, wird zum Opfer seiner Lebensumstände, seines Verhaltens, mitunter auch seiner Anhäufung von Finanzmitteln. Obwohl, oder vielleicht gerade weil uns das so selbstverständlich erscheint, hält sich das sozialwissenschaftlich gesicherte Wissen darüber, wie wir mit Geld umgehen, in Grenzen. Im folgenden Beitrag sind einige dieser Bestände zusammengetragen. Der Blick richtet sich dabei auf die Einstellungen, das Handeln und das Kommunizieren der Einzelnen. Diese Perspektive wird nur dann verlassen, wenn wir übergreifende Strukturen (etwa Sparquoten) kennen müssen, um das individuelle Umgehen mit Geld zu verstehen.

Erklärungsansätze

Ökonomische Theorien: Das Umgehen mit Geld ist aus der Sicht ökonomischer Theorien eine Frage der Rationalität. Gerade Geld ist ein Medium dafür, die eigenen Zielsetzungen mit möglichst geringen Kosten zu erreichen. Im Hinblick auf dieses Zahlungsmittel wird der Mensch als rational kalkulierendes Wesen gesehen, das seinen Nutzen mehrt.

Mit dieser Sichtweise verbunden ist üblicherweise eine Uniformierungsthese: Das Denken und Verhalten der vielen Menschen in einer Gesellschaft im Hinblick auf Geld werde im Laufe der Zeit gleichförmiger. In einer Gesellschaft, in der fast alle materiellen und viele immateriellen Bedürfnisse auf Märkten durch Kaufakt zu befriedigen seien, in der Geld eine so prominente Rolle spiele, sei jeder von uns gezwungen, sein Verhalten zu rationalisieren.

Rationales Umgehen mit Geld und entsprechendes Konsumverhalten vereinheitlichen der Uniformierungsthese zufolge auch unsere Kultur. Eine „McDonaldisierung“[2] ebnet kulturelle Vielfalt ein: „Zumindest oberflächlich wird behauptet, dass die Ökonomie langfristig in der Lage ist, innerhalb einer standardisierten Kultur des Konsums eine wachsende Verbundenheit und Uniformität hervorzubringen.“[3]

Aus Sicht von Systemtheoretikern handelt der Mensch jedoch nicht in allen Bereichen gleich. Denn Subsysteme differenzieren sich aus. Im Wirtschaftssystem ist Geld das zentrale Medium; eine entsprechende Rationalität wird vorausgesetzt. Es gibt jedoch auch andere Subsysteme, in denen etwa Macht oder Liebe zentrale Medien sind, in denen also ganz andere Rationalitäten und Kommunikationsweisen herrschen. Mit dieser Sicht geht die Behauptung einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft einher, wonach die „Geldsphäre“ scharf getrennt von und häufig unvereinbar mit anderen Bereichen ist, etwa mit Liebesbeziehungen.

Wer das Umgehen mit Geld aus der Sicht wirtschaftlicher Theorien betrachtet, konzentriert sich auf die ökonomischen Standardfunktionen. Geld ist hiernach ein Mittel, Werte zu standardisieren oder zu bemessen, ein Tausch- oder Zahlungsmittel sowie ein Mittel, Werte aufzubewahren oder zu übertragen. Wir werden sehen, dass andere Erklärungsansätze weitere Funktionen hervorheben.

Soziologische Theorien: Ökonomische Erklärungsansätze betonen die effiziente und Nutzen maximierende Verwendung von Geldmitteln, sind theoretisch also vor allem von den „objektiv“ verfügbaren Ressourcen her konstruiert. Dagegen konzentrieren sich genuin soziologische Erklärungsansätze auf die Bedeutungen, die Dinge für Menschen haben. Sie handeln subjektiv sinnvoll in vielerlei, auch in irrationaler Hinsicht, sie handeln Werten und Normen gemäß oder setzen sich mit ihnen auseinander.

Wie schon der Klassiker Georg Simmel[4] hervorhob, ist Geld aus soziologischer Sicht kein neutrales Tauschmittel, sondern ein Symbol und daher mit Bedeutungen versehen, die ihm kulturell und kommunikativ zugeschrieben werden: „Geld ist durch die menschlichen Interaktionen geprägt, es hat aber auch eine enorme Auswirkung auf die menschlichen Formen des Zusammenlebens.“[5]

Aus dieser Sicht ist die Uniformierungsthese fehl am Platze. Wie Viviane Zelizer immer wieder betonte, hindern Normen und kulturelle Definitionen das Geld daran, „überall dieselben rationalen Funktionen zu erfüllen. Wenn das Geld die Hände wechselt, wird seine Bewegung mit Sinn belegt. Wenn ein falsches Quantum gegeben wird, wenn es an die falsche Person oder zu einem falschen Zeitpunkt gegeben wird, kann eine soziale Beziehung irreparabel zerstört werden.“[6] So gesehen sind zum Beispiel auch Geld und Liebe keine funktional getrennten, sondern miteinander verwobene Sphären.

Aus der Sicht dieser soziologischen Erklärungsansätze erscheinen Gesellschaften weder uniform noch funktional differenziert, sondern soziokulturell unterschiedlich. Auch und gerade Geldkulturen differenzieren sich, sind pluralistische Kulturen. Insbesondere die kapitalistischen modernen Märkte haben diese Vergößerung der Vielfalt bewirkt. Geld ermöglicht es uns zum Beispiel, Statusansprüche freier, unabhängig vom ererbten Status, zu erheben. Nicht mehr adliger Besitz, Familiengeschichte oder Privilegien sind entscheidend, sondern die zur Verfügung stehende Geldmenge und unser Geschmack bestimmen unseren Lebensstil. Ähnlich wirkt der Massenkonsum: „Jeder Schritt in Richtung weiterer Standardisierung und Vereinheitlichung bringt auf der Gegenseite Menschen hervor, die sich absondern und sich in begrenzte Zusammenhänge begeben.“[7]

An dieser Stelle kann noch nicht entschieden werden, ob die ökonomischen oder die soziologischen Erklärungsansätze zutreffen, ob beide ein Stück weit realistisch sind, oder ob sie in einem Wechselverhältnis stehen, wie es das zuletzt aufgeführte Zitat nahe legt. Diese Fragen können erst nach Interpretation der empirischen Befunde beantwortet werden, die im dritten Teil des Beitrags vorgetragen werden.

Vom Umgehen mit Geld in der Belletristik: In zahlreichen Werken der schönen Literatur (von Honoré de Balzac, Gustave Flaubert, Theodor Fontane, Jules Verne, Thomas Mann, Elias Canetti, John Updike und vielen anderen) geht es – keineswegs nur am Rande – um Einstellungen zum Geld und dessen Verwendung. Die betreffenden Werke enthalten erkenntnisreiche Theorien und informative „empirische Befunde“. Die Romanautoren schürfen oft tiefer, unterscheiden genauer und schildern ohnehin weit anschaulicher als die Verfasser der weithin dürren wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Werke.

Auch der erwähnte Gegensatz zwischen der ökonomisch-rationalen Uniformierungssicht und der soziologisch-bedeutungsgeladenen Pluralisierungsperspektive findet sich in der Belletristik wieder. Die erstgenannte Sichtweise geht oft mit Pessimismus und scharfer Kritik einher. So war beispielsweise Jules Verne um 1860 der Meinung, Paris werde in 100 Jahren von der Macht des Geldes und der Technologie vollkommen beherrscht sein. „Liebespaare“ würden sich in interessengetriebene indifferente Partner verwandelt haben, denen sogar das Vokabular für Zuneigung verloren gehen werde. Die zweitgenannte Sichtweise finden wir unter anderem in den Romanen Flauberts, Fontanes und Thomas Manns. Sie führen uns die Kultur des Bürgertums und die Bedeutung bzw. Verwendung von Geld für bzw. durch die Angehörigen dieser Kultur eindringlicher vor Augen, als es ein Soziologe je könnte – und sie kritisieren diese Kultur schärfer, als es ein Soziologe dürfte.

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