Keine Regulierung: (K)ein Modell für die Finanzmärkte

by Dirk Elsner on 25. Juli 2009

Sehr intensiv diskutieren derzeit Fachleute verschiedenste Vorschläge zur Finanzmarktregulierung (siehe für eine Übersicht diese Seite). Ganze Bibliotheken lassen sich mit Büchern, Fachaufsätzen und Gutachten zu diesem Thema füllen. Wie auch immer die neue, vermutlich international wieder sehr fragmentierte Finanzordnung aussehen wird, es wird so sein wie immer in den vergangenen Jahrhunderten im Wettlauf zwischen Ursachen von Finanz- und Wirtschaftskrisen auf der einen Seite und daraus erwachsener Regulierung auf der anderen Seite: Unternehmen, Banken, staatliche Institutionen und andere Akteure werden wieder einen Weg finden, diese Regulierung zu umgehen bis es zum nächsten Showdown kommt.

Vielleicht sollte man daher einfach mal in eine ganz andere Richtung denken und die Regulierung mit Ausnahme einiger Basisleitsätze zum Verhalten komplett über Bord werfen. Und natürlich müssen Banken sterben dürfen.

Nein, ich habe mir dazu keine theoretisch und empirisch fundierten Gedanken gemacht. Ich weiß nur aus meinen praktischen Erfahrungen in Banken und Unternehmen, dass in Vorschriften gegossene Regulierung häufig nicht die angestrebten Wirkungen erzielen. Vielmehr wird viel Kreativität in Unternehmen dafür gebunden, wie man die neuen Vorschriften organisatorisch und technisch umsetzt und vielleicht sogar umgehen kann.

Als klaren Beweis für die mangelhafte Wirkung der Regulierung kann die aktuelle Finanzkrise gesehen  werden. Es gibt keinen Wirtschaftssektor, der national und international so eng beaufsichtigt und kontrolliert wird und der mit so viele Schutzvorschriften Verbraucher vor opportunistischem Verhalten schützen will. Und dennoch, genutzt hat dies nichts. Angesichts der aktuellen Regulierungsdebatte stellt sich damit die Frage, warum das zukünftig anders sein sollte. Das Argument “Aber diesmal machen wir alles besser.” habe ich schon zu häufig gehört, als dass ich daran glaube. 

Die mangelnde bzw. falsche Regulierung wird als eine Ursache für die Finanzkrise angesehen. Vielleicht war es auch einfach ein Zuviel an Regulierung. Regulierung erhöht nämlich kräftig die Eintrittsbarrieren für neue Marktteilnehmer. Die mit Regulierung verbundenen organisatorischen Kosten (vor allem die Kosten  für die Anpassungen der IT-Systeme) führen dazu, dass kleine Institute diese nicht mehr stemmen können und vom Markt verschwinden oder sich zu größeren Einheiten zusammenschließen müssen. Dabei sind größere Einheiten wiederum gar nicht wünschenswert. Sie führen bekanntlich zum Entstehen systemrelevanter Risiken (was auch immer man darunter konkret versteht), die wiederum durch zusätzliche Regulierung verhindert werden sollen.

Freiräume für frische Anbieter mit neuen Produkten und Dienstleistungen kommen so gar nicht erst in den Markt. Darüber hinaus hat der Wettlauf zwischen Regulierern und der gegen sie ankämpfenden Produktentwickler in den Finanzinstituten eine Komplexität erreicht, die weder die Aufsichtsbehörden noch die Institute verstehen, geschweige denn managen können.

Diejenigen dagegen, die die Regulierung beherrschen, und das sind in der Regel die großen Institute (allen voran Goldman Sachs), haben sich bequem eingerichtet oder treiben nach einer Krise in Zusammenarbeit ihrer Lobby mit den Machern der Vorschriften die Änderung des Regelwerks (in ihrem Sinn?) voran (siehe auch hier zu Goldman Sachs). So schrauben sie die Markteintrittsbarrieren immer weiter nach oben und vertreiben kleinere Mitspieler. Im Gegenzug winkt eine Art Regulierungsrente mit Gewinnen, wie man sie derzeit schon wieder bei einigen großen Instituten beobachten kann.

Vielleicht könnte als Anreiz, wenigstens in diese Richtung weiterzudenken, das Ergebnis eines in der FAS geschilderten Experiments des kürzlich verstorbene Verkehrsplaner Hans Monderman dienen:

“Der Niederländer war … der rebellischen Ansicht, dass alle Verkehrsregeln und -schilder samt Ampeln abgeschafft gehören, weil sie sämtliche Aufmerksamkeit beanspruchen, die für das sichere Steuern eines Autos notwendig ist. Lediglich zwei Dinge seien zu beachten: Dass sich alle Fahrzeuge auf der rechten Straßenseite bewegen. Und dass an Kreuzungen weiterhin rechts vor links gilt. Die EU finanzierte auf Mondermans Anregungen hin ein ganzes Bündel von Projekten in ausgewählten europäischen Kleinststädten, bei denen nicht nur Ampeln und Schilder entfernt, sondern obendrein Kinderspielplätze und störende Hindernisse mitten auf die Fahrbahn gesetzt wurden, so dass kaum noch zwei Autos und ein Fahrrad nebeneinander fahren konnten. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen überraschte alle, bis auf Monderman.

Tom Vanderbilt, der den Forscher noch auf einigen seiner Missionen begleiten konnte, beschreibt, wie Autofahrer, Radler und Fußgänger einander plötzlich wieder Aufmerksamkeit schenkten, weil es ihnen nun schlicht an anderen Anhaltspunkten fehlte. Leider funktioniert Mondermans Prinzip bislang nur, wenn sich die Verkehrsteilnehmer mit einer Geschwindigkeit von weniger als dreißig Kilometern pro Stunde fortbewegen. Das entspricht im Übrigen dem Tempo einer rasenden Ameise, wenn man ihre Dimensionen auf die eines durchschnittlich großen Pkws hochrechnet.”

Dieses Beispiel aus der Verkehrswissenschaft ist recht erstaunlich und könnte für die Finanzmärkte ein Denkanstoß sein, darüber nachzudenken, was passiert, wenn man versucht, mit einem Minimum an Regeln auszukommen. Leider wird aus diesem Gedanken nichts werden, denn er passt nicht in die Zeit und ist politisch nicht opportun. Volk und Experten schreien nach neuen Regeln, um die Märkte zu bändigen. Daraus entstehen dann so sinnfreie Vorschriften, wie die Pflichtprotokollierung von Beratungsgesprächen. Sie werden die neuen Regeln bekommen bis die nächste Krise kommt. Anschließend wissen die Fachleute wieder, was falsch gelaufen ist und wie man es künftig besser machen kann.

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