Buffett zündelt mit dem Zufall und spielt mit der Eisenbahn

by Dirk Elsner on 11. November 2009

image Ja, ich weiß, Warren Buffett wird als Investoren-Legende gefeiert oder als klügster Anleger der Welt bezeichnet. Sein Hedge Fonds, sorry seine Holding, Berkshire Hathaway, hat den Gewinn auf 3,2 Mrd. Dollar verdreifacht. Nach einer Durststrecke bis März diesen Jahres befindet sich die Aktie wieder auf dem Weg nach Norden.

In der vergangenen Woche sorgte Buffett für Schlagzeilen mit dem Kauf des amerikanischen Eisenbahn-Konzern Burlington Northern Santa Fe. Mit dem Geschäft pokert er auf die wirtschaftliche Erholung der USA. Mit einer Investitionssumme von 44 Mrd. US$ tätigt Berkshire Hathaway das größte Investment seiner Geschichte. Buffett sieht dies wie eine Wette. Er setzt nun alles auf eine Karte.  “Ich liebe solche Wetten,” zitieren ihn Medien.

Zweifellos hatte Buffett in der Vergangenheit eine geschickte Hand für seine Investitionen. Darüber hinaus schaffte er es, seine Erfolge ausgezeichnet zu vermarkten und das Bild des “guten” Investors zu konservieren. Daran will und kann ich so wenig rütteln, wie an der Sinnhaftigkeit der Eisenbahnentscheidung. Außerdem bin ich schlicht nicht in der Lage, das aktuelle Investment anhand von drei oder vier Zeitungsartikeln zu beurteilen.

Mich wundert allerdings die bedingungslose Buffett-Hörigkeit vieler Marktbeoachter, Analysten und Kommentatoren. Kritische Worte über die Engagements des ”Orakels von Omaha” sind selten zu lesen. Einzig vor einem Jahr erntete Buffett Kritik, weil Berkshire hohe (Buch-)Verluste durch ein Derivategeschäft erlitt (siehe Warren Buffett zündelt mit den “Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte” und schießt sich an).

Immerhin, ausgerechnet die Rating-Agenturen teilen die Euphorie nicht, wie das Handelsblatt schreibt:

„Standard & Poor’s, das als einziges Ratinghaus noch die Top-Note „AAA“ für Berkshire Hathaway vergibt, hat dieses Urteil nach Ankündigung der Burlington-Übernahme auf den Prüfstand gestellt. „Die Transaktion wird die Liquidität und die Kapitalausstattung im Versicherungsgeschäft verringern“, begründete S&P den Schritt. Beim Konkurrenten Fitch, der Berkshire bisher mit der zweitbesten Noten „AA+“ bewertet, dieses aber ebenfalls auf „Watch“ gesetzt hat, bemängelt man, dass „ein wachsender Anteil der Vermögenswerte Anlagen mit geringerer Kreditqualität und weniger Liquidität seien“. Zudem dränge Buffett mit Buffett zunehmend in Geschäfte, die stärker an der gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen hängen als die langjährigen Versicherungsaktivitäten.“

Mich erinnern die Schilderungen über Buffetts “erfolgreiche Anlagestrategie” an Nassim Nicholas Talebs Buch “Narrren des Zufalls”. Taleb schreibt in dem Buch bevorzugt über Menschen, die glauben, ihre Erfolge beruhen nur auf ihre cleveren Strategie und ihr Können. Daraus werden dann die vermeintlich wahren und 100-prozentigen Rezepte für den Erfolg an der Börse abgeleitet. Nun weiß ich nicht, was Warren Buffett selbst glaubt, wie seine Erfolge zustande kommen. Ohne empirische Belege behaupte ich, dass neben eines klugen Selektionsprozesses der Zufall eine ordentliche Rolle spielt. Vermutlich weiß dies auch Buffett, sonst würde er beim Eisenbahninvestment nicht von einer Wette sprechen.

Die These, Buffetts Erfolg ist zu einem Teil dem Zufall zu verdanken, müsste eigentlich Widerspruch ernten, denn das Konzept des Zufalls als Erklärungsansatz mögen wir Menschen nicht. “Um die Musik des Zufalls zu hören, hat uns die Evolution kein Sinnesorgan mitgegeben”, schrieb vor einigen Jahren Jochen Wegner in einem lesenswerten Artikel über die Magie des Zufalls. Und er schreibt auch etwas über Taleb und Buffett:

“Die hohe Kunst des Mustersehens findet aber nicht in Hunderten von Internet-Verschwörungsforen ihre Vollendung, sondern: an der Börse. Das jedenfalls glaubt der Wall-Street-Kritiker Nassim Taleb, selbst ein erfolgreicher Händler in New York. „Die Börse ist die größte Verlade in der Menschheitsgeschichte“, schimpft der Mathematik-Dozent. „Niemand ist in der Lage, die Kurse vorherzusehen, auch wenn eine ganze Branche von diesem Aberglauben sehr gut lebt.“

Nicht Intelligenz, sondern purer Zufall lasse manche am Aktienmarkt reich werden: „Stellen Sie sich 10000 Wertpapierhändler vor, die nur eine Fifty-fifty-Chance haben, das Geschäftsjahr mit Gewinn abzuschließen. Am Jahresende feuern Sie jene Händler mit Verlust. Es bleiben ungefähr 5000 übrig, die – rein zufällig – richtig lagen.“ Auch nach zehn Jahren, rechnet der Mathematiker vor, sind immer noch neun übrig, die jedes Jahr ohne besonderen Grund das Richtige getan haben: „Das sind dann all die Warren Buffetts. Die Statistik sagt uns, dass es diese zufällig erfolgreichen Leute geben muss. Die 9991 Gescheiterten übersehen wir nur.“

Nun würde ich nicht so weit gehen, Buffetts Erfolg ausschließlich auf Zufall zurückzuführen, denn zu seiner Strategie gehört neben einem ausgeklügelten Auswahlprozess auch eine durchdachte und professionell umgesetzte Managementphilosophie. Aber Wegner geht in seinem Artikel nicht auf eine Besonderheit ein, auf die Taleb ebenfalls in den “Narren des Zufalls” hinweist, nämlich dass erfolgreiche Investoren immer risikobereiter werden und viele eines Tages von einem Schwarzen Schwan Besuch erhalten. Nach meinem Eindruck, ist sich Buffett des Risikos bewusst. Er selbst spricht von einer Wette. Wetten aber tragen das Risiko der Abweichung vom prognostizierten Ergebnis in sich. Ich würde also trotz eines erheblichen Informationsnachteils wetten, dass der Aktienkurs von Berkshire Hathaway in 10 Jahren den S&P 500 underperformt. Nach Bekanntgabe des Einsbahndeals jedenfalls schloss Berkshire mit 102.400 US$ und der S&P 500 mit 1069,30. Ich bin gespannt auf die Entwicklung.

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