Greenspan und das Deflationsgespenst

by Gastbeitrag on 24. März 2010

Gastbeitrag von Erkan Isik

Greenspan war als FED-Chef schon immer ein komischer Zeitgeist, der mit seiner Politik niedriger Zinssätze als Zins-Eliminator bezeichnet wurde. Was hat diesen Mann getrieben, die Zinsen mehr als nötig zu senken und somit ein Jahrhundertkrise zu entfachen? Ich dachte, dass ich durch das Lesen seiner Autobiographie auf gewisse Anhaltspunkte kommen würde, die mir diese Frage beantworten würde. Außer ein paar Anekdoten zu seiner Musikleidenschaft und seiner neuen Liebe, konnte ich keine weiteren nutzvollen Informationen für mich ziehen. Man muss auch sagen, dass ich seine Biographie im August 2007 gelesen habe, und er als Anmerkung zu einem Bild mit Bernanke nur meinte: „Es war ein gutes Gefühl, den Posten des Notenbankchefs in derart erfahrenen Händen zu wissen“. [1]

Darüber erübrigt sich eigentlich jeglicher Kommentar. Erst nach fast 3 Jahren bin ich über das Buch "Jahrhundertkrise" von Olaf Storbeck auf die Studie "Deflation: „Lessons from Japan’s Experience in the 1990’s" aufmerksam geworden.[2] [3] Diese Studie, die von 13 FED-Ökonomen im Juni 2002 erstellt wurde, ist zwar als Gutenachtlektüre nicht zu gebrauchen, aber als Basis dafür um zu verstehen warum Alan Greenspan eine so laxe Geldpolitik verfolgte. Er war getrieben von der Angst, dass die USA in eine Deflation stürzen könnte, so wie es Japan in den 90ziger Jahren erlebte. Trotz des Versuchs eine Deflation im Vorfeld erkennen zu können, war die Ergebnisse dieser Studie mehr als ernüchternd. Die Ökonomen waren auch der Meinung, dass niemand in Japan die Deflationskrise im vorneherein ahnen konnte, weder die Notenbank und noch die Finanzmärkte. Ergo, kann man sagen, dass diese Studie wie es Olaf Storbeck ausdrückt als Blaupause für die laxe Geldpolitik der FED für die kommenden Jahre wurde. [3]

Dieser Studie kann man auch entnehmen, dass Deflationen im Vorfeld schwer zu prognostizieren sind. Die FED-Ökonomen sprechen in der Studie eine Warnung an politische Entscheider aus, die in Situationen stecken, in denen aufgrund sinkender Inflationsraten ohne niedrige Leitzinsen nicht mehr viel Platz nach unten ist.[2] In solch einer Situation sollte sich die Notenbank nicht blind auf Konjunkturprognosen verlassen. Auch wenn keine Deflation sich abzeichnet, sollte die Geldpolitik lieber auf Nummer sicher gehen und eine Deflationsversicherung gegen die Krise abschließen. Im Grunde bedeutet dies nichts anderes als, dass die Notenbank die Zinsen stärker senkt als sie es normalerweise tun würde.[3]

Man lese und staune: eine Deflationsversicherung, die mit einer Zinssenkungsphantasie ausgestattet ist, um eine imaginäre Deflation zu besiegen. Auf was für Ideen solche FED-Ökonomen kommen, ist wirklich sehr erstaunlich, vor allem, wenn man es hinterher immer besser weiß. In Ihrer Studie sind die FED-Ökonomen der Auffassung, dass die Bank of Japan die Zinsen nach dem Platzen der Blase hätte viel stärker senken müssen, um die Deflation abzuwenden.[2] Umgekehrt wäre das Risiko auch nicht größer geworden, denn hätte die Bank of Japan die Zinsen aus Sorge vor einer Deflation zu stark gesenkt, so wäre die Inflation innerhalb der nächsten Jahr in die Höhe geschossen. Die Geldentwertung hätte ja durch die Notenbank wieder eingefangen können, so die Ökonomen.[3] Ein zu starker Stimulus kann später durch eine korrigierende Straffung der Geldpolitik zurückgenommen werden können.[3] In dieser Studie wird daher der Vorschlag an die FED (Alan Greenspan) unterbreitet ein Präventivkrieg gegen die Deflation zu führen. Bei niedrigen Zinsen, und niedriger Inflation, sollte die Zentralbank auf Nummer sicher gehen, und die Zinsen noch weiter senken. [2] Denn kurz nach Veröffentlichung dieser Studie hat Greenspan tatsächlich die Zinsen auf 1,25 bzw. 1,00 % gesenkt. Da Alan Greenspan mit seiner Zinssenkungsorgie klar die Taylor-Regel verletze, meinte er 2 Jahre später: "Wäre aber das Szenario Wirklichkeit geworden, wären die Folgen für die Wirtschaft schrecklich geworden. Deshalb beschlossen wir dies mit ungewöhnlich niedrigen Zinsen zu bekämpfen." [3] Alan Greenspan hat sozusagen gegen eine imaginäre Deflation gekämpft und damit die Büchse der Pandora geöffnet. Er hat eine Jahrhundertkrise seinesgleichen entfacht. Lieber Herr Greenspan, ich wünsche Ihnen alles Gute für den Rest Ihres Lebens, aber etwas mehr Weitblick hätte nicht geschadet.

Nach dem Ausbruch der Krise betonte John Taylor, der als Erfinder der Taylor-Regel gilt folgendes: „Bleibt bei der systematischen, vorhersagbaren und regelgebundenen Geldpolitik, die seit Anfang der 80ziger Jahre meist gut funktioniert hat.“[3] Tja, damals war auch ein Herr Paul Volcker FED-Chef und bei Ihm haben sich Leitzinsen nach Inflation und Wirtschaftswachstum orientiert. Auch warnte John Taylor davor, die Geldpolitik an andere Faktoren auszurichten, was nichts anderes bedeutet die Idee der Geldpolitik nicht als Anti-Deflationsversicherung zu nutzen.[3] Was macht denn der neue FED-Chef und Nachfolger von Alan Greenspan selbst? Er verfolgt den gleichen Vorschlag dieser Studie von 2002, nämlich nach dem Platzen der Bubble Economy, umgehend die Zinsen mehr als nötig zu senken. Er, der die große Depression von 1929 studiert und einverleibt hat, ist der Meinung, ein bisschen Inflation könne nicht schaden. Nur leider sieht es in der Realwirtschaft sehr deflationär aus, und eine Inflation ist eindeutig nur in den Aktienmärkten zu erkennen, die wie jede Blase platzen wird.

Für die Leser dieses Beitrags, die die Taylor-Regel nicht kennen, kann folgende Definition gegeben werden: „Für jeden Prozentpunkt, den die Inflationsrate über das Inflationsziel der Notenbank klettert, steigen die Leitzinsen um 1,5 Prozentpunkte. Für jeden Prozentpunkt, den die tatsächliche Wirtschaftsleistung und dem Produktionspotenzial liegt, sinken sie um 0,5 Prozentpunkte." [3]. Mehr Details über die Taylor-Regel kann über wikipedia entnommen werden. [4]

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Literatur

[1] Alan Greenspan „Mein Leben für die Wirtschaft“ Die Autobiographie Campus Verlag 2007

[2] http://www.federalreserve.gov/pubs/ifdp/2002/729/ifdp729.pdf

[3] Olaf Storbeck „Die Jahrhundertkrise“ Schäffer Poeschel Verlag 2009

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Taylor-Regel

* Erkan Isik ist Betreiber des kürzlich erstellten Blogs www.wirtschaftsblase.de.

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