Das Dilemma dunkler Vorhersagen

by Dirk Elsner on 30. April 2010

Anfang letzter Woche gab es auf drei Seiten der Printausgabe im Handelsblatt ein sehr lesenswerte Zusammenstellung ausgewählter Vorhersagen der letzten Jahre, die zeigen sollten, dass es nicht an fundierten Warnungen vor einer Finanzkrise gefehlt habe aber die Finanzwelt diese überhörte und Regulierer und Politiker sie nicht ernst nahmen. Einigen Krisenpropheten wurde gar, so der Vorwurf der Autoren, ihre Weitsicht noch als Panikmache angekreidet.

Der Beitrag, der unter dem Titel “Wenige Propheten, viele Ignoranten” (leider nur als Paid Content erhältlich, hier aber eine Bildgalerie der Untergangspropheten) ausgewählte Warnungen des IWF aber auch von einigen Wissenschaftlern und Volkswirten aus Bankinstituten vor. Und natürlich gibt es die berühmten Irrtümer etwa von Josef Ackermann und Alan Greenspan, die eher versuchten, zu beschwichtigen.

Sie vergessen dabei auch nicht den Grund zu nennen, warum etwa Bundesbank und Politiker nicht so deutlich den Zeigefinger erhoben haben, wie es notwendig gewesen wäre:

“Hinter der offiziellen Schönfärberei stand nicht Naivität, sondern Kalkül. Die Bundesbank und die Banker sorgten sich um das öffentliche Vertrauen in das Bankensystem. Weil die Banken immer deutlich mehr kurzfristig einlösbare Verbindlichkeiten haben als sie auf kurze Sicht tatsächlich einlösen könnten, droht ein Run auf die Banken, wenn das Vertrauen flöten geht.”

Ein kompakte Dokumentation in dieser Form war längst einmal fällig. Was jetzt freilich fehlt, sind die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen. Welche Botschaft nehmen wir aus der Erkenntnis mit, dass jahrelang Warnungen missachtet wurden?

Hört man heute Aussagen von missachteten Warnungen, dann klingt daraus unterschwellig die Annahme, es selbst schon immer besser gewusst zu haben. Man hätte ja also etwas tun können. Dabei wird freilich übersehen, dass es zu jedem x-beliebigen Zeitpunkt für die Entwicklungen an den Finanz- und Realgütermärkten unterschiedlichste Einschätzungen darüber gibt, wie sich die Zukunft entwickeln kann. Vor ein paar Wochen schrieb ich in dem Beitrag “Welchen Crash hätten Sie denn gern? Wirtschaftsuntergang zum Aussuchen” über aktuelle Vorhersagen “prominenter” Ökonomen, die sich widersprechen. Einige warnen vor Inflation, andere vor Deflation und wieder andere vor einem Dominocrash.

Was soll man nun mit diesen Vorhersagen anfangen? Angenommen, wir kämpfen in zwei Jahren mit einer Hyperinflation, dann wird man sich fragen, warum man nicht auf die Volkswirte gehört hat und rechtzeitig Maßnahmen ergriffen hat. Kommt es zu einer massiven Deflation, dann wird man sich darüber empören, dass niemand auf Fredmund Malik gehört hat, der diese ja schon lange vorhergesehen hat. Ich will damit sagen, rückwirkend betrachtet wird man stets jemanden finden, der eine bestimmte Entwicklung vorhergesehen hat und auf den man ex-post betrachtet hätte hören “müssen”.

Oder betrachten wir andere prominente Ökonomen. Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger trommelt für riesige Konjunkturprogramme und damit für mehr Schulden. Die US-Ökonomen Reinhart und Rogoff dagegen warnen vor noch mehr Schulden. Sie zeigen mit ihrer aufwändigen Forschungsarbeit über Krisen: Steigen die Schulden über 90 Prozent der Wirtschaftsleistung, bremst dies das Wachstum. Beide bringen gute Argumente, die ich hier gar nicht näher betrachten und bewerten will und kommen zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Bei allem Respekt also vor den jeweilige “Propheten”, aber welche Empfehlung soll man heute folgen, wenn “renommierte” Ökonomen zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen?

Man kann heute nicht so tun, als seien bestimmte Ereignisse in der Ökonomie deterministisch vorhersehbar. Die Ökonomie ist keine Physik, die unter gegebenen Rahmenbedingungen eindeutige Ergebnisse produziert. Kleine Fehler in den Modellen, Verhaltensannahmen oder Daten können zu erheblichen Ergebnisabweichungen führen. Dazu kommt, dass jede getroffene auf Vorhersagen basierende Maßnahme nicht vorhersehbare Reaktionen und Gegenreaktionen auslöst.

Nach meiner Einschätzung kommt es viel eher darauf an, im Zweifel auf verschiedene Szenarien gefasst zu sein und sich auf verschiedene Risiken vorzubereiten. Unternehmen müssen sich bei Planungen ja auch Gedanken machen, auf Basis welcher Annahmen sie eigentlich planen und was passiert, wenn ihre Annahmen nicht eintreten. In der Unternehmenspraxis gehen immer mehr Unternehmen dazu über mit Hilfe von Simulationen die Risikorobustheit zu testen und Stresstests durchzuführen. Solche Simulationen haben den Vorteil, dass man mit ihnen bei gegebenen Anfangsbedingungen unterschiedlichste Entwicklungen und Reaktionen durchspielen kann.

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