Hochfrequenzhandel, das Liquiditäts-Black-Hole und der Intradaycrash am 6.5.10

by Dirk Elsner on 10. Mai 2010

Das waren in der Tat mal wieder zwei irre Börsentage am vergangenen Donnerstag und Freitag. Insbesondere der Donnerstag hat vielen Anlegern Geld und Nerven gekostet und den Beobachtern mal wieder eine gute Story. Noch nie ist der Dow Jones in Punkten so heftig abgestürzt wie am vergangenen Donnerstag. Über die Ursachen wird weiter munter gerätselt. Die US-Börsenaufsicht ermittelt und ein Untersuchungsausschuss des Kongresse will sich noch in dieser Woche mit dem Thema auseinandersetzen (ganz schön fix und interessiert die US-Abgeordneten).

Spekuliert wird weiterhin über das Aufeinandertreffen von zwei Phänomenen: Den Hochfrequenzhandel (andere Begriffe sind Robotic Stock Trading oder Algorithmushandel)

und das Abtauchen von Marktmachern, die sonst die Liquidität des Marktes bestimmen. Daneben hält sich das Gerücht, es hätte einen Eingabefehler bei der Citibank gegeben, die das aber dementiert.

In den USA findet bereits seit rund 12 Monaten eine Debatte über Nutzen und Gefahren des sogenannten High-Frequency-Tradings (Hintergrund im WSJ unter: What’s Behind High-Frequency Trading) statt. Solche Debatten sind Anfang des Jahres auch mal nach Deutschland geschwappt, wie etwa die FTD, die einen Artikel mit  “Computer-Handel weckt Ängste um Börsenkollaps” betitelte. Offensichtlich hat sich dieser Beitrag als prophetisch entpuppt. Damals schrieb die FTD u.a.:

“Das enorme Wachstum des computergetriebenen Handels nährt Sorgen, außer Kontrolle geratene Systeme könnten ganze Handelsplattformen zusammenbrechen lassen. “Es ist absolut möglich, eine Börse an die Belastbarkeitsgrenze zu bringen, wenn ein Algorithmus in einen Kreislauf kommt und Orders in einer solchen Frequenz sendet, dass die Börse damit nicht fertig wird”, sagte Frederic Ponzo von der Beratungsfirma GreySpark Partners.

Der Handel mit Aktien und Derivaten wird zunehmend von mathematischen Algorithmen bestimmt, die in Computerprogrammen eingesetzt werden. Sie ermöglichen eine automatische Reaktion auf Marktdaten und neue Informationen. Ähnlich wie ein Autopilot im Flugzeug entscheiden sie, wann und wie viel sie handeln.”

In einem Artikel am Freitag ergänzte ebenfalls die FTD:

Hochfrequenzhandel ist längst keine Nische mehr. 43 Prozent des Umsatzes mit US-Aktien werden so getätigt, in Europa wechseln etwa 30 Prozent der Aktien ihre Besitzer über Hochgeschwindigkeitsnetze. Mit dem Volumen wächst auch die Verunsicherung. Regulierungsbehörden suchen eifrig nach Methoden, mit denen sie das Turbohandelssystem zähmen können. Sie sollen Crashs und das Entstehen einer Zweiklassengesellschaft an der Börse – hier die schnellen Profis, dort die langsamen Kleinanleger – verhindert werden.

Das Dilemma des Marktes wurde am vergangenen Donnerstag aber offenbar erst perfekt gemacht, weil sich einige Turbohändler kurzzeitig aus ihren Segmenten verabschiedeten und den Handel einstellten. Plötzlich war für die in Sekundenbruchteilen erteilten Orders der schnellen Handelsgeschäfte der Markt ausgetrocknet und Verkaufsorders trafen auf eine leergefegte Angebotsseite trafen. Sind die Verkaufsorders dann auch noch unlimitierte Marktorders, dann fressen sie sich rasend schnell durch das Orderbuch und reißen förmlich die Kurse in ein Schwarzes Loch hinein.

Laut Medienberichten sollen unter anderem Tradebot Systems und Tradeworx ihren Handel eingestellt haben (FTD). Interessant vor allem, dass lt. Zero Hedge eine Einheit von Goldman Sachs, die als “Supplementary Liquidity Provider” agiert, am vergangenen Donnerstag nicht mehr am Markt aktiv gewesen sein soll. Diese Einheit sorgt ebenfalls über ihren Sekundenhandel für einen wichtigen Teil der Marktliquidität.

Der US-Blog Zero Hedge hatte übrigens schon vor einem Jahr vor dem Highfrquency-Trading gewarnt in: The Incredibly Shrinking Market Liquidity, Or The Black Swan Of Black Swans. Dementsprechend sah sich Tyler Durden (Pseudonym) in seiner Skepsis bestätigt in “The Day The Market Almost Died (Courtesy Of High Frequency Trading)”.

Vor dem Hintergrund dieser und anderer Warnungen ist es im Prinzip grotesk, den Computern die Schuld in die Schube zu schieben. Computer sind nicht schuldfähig und werden von Menschen produziert und programmiert. Dennoch, die IT-Struktur etwa der New Yorker Börse ist äußerst komplex (einen Einblick versucht die FAZ hier) und möglicherweise zu komplex, um von Menschen beherrscht zu werden. Erstaunlich ist übrigens, dass es offenbar keine Limit-Down-Regel für Einzeltitel gibt (Hintergrund zu dieser Regel für den Gesamtmarkt hier) und so viele Einzeltitel ohne Plausibilitätsprüfung ungehindert abschmieren konnten.

Ausgewählte Berichte über den Intraday-Crash

Zero Hedge

acemaxx-analytics: Fat Finger Trade: Input Error mitten in einer Liquiditätsfalle

Börsenblogger: Wie sich der Crash am Donnerstag “live” anhört und Jim Cramer die Märkte rettet

acemaxx-analytics: Fat Finger Trade: Input Error mitten in einer Liquiditätsfalle

FTD: So geriet die Wall Street in Panik

FTD: Nasdaq schließt technischen Fehler aus

HB: Aufregung um Dow-Absturz: Der Börsen-Crash, der aus dem Nichts kam

WSJ: Stock Market Plunge Baffles Wall Street

Spon: Börsianer zweifeln an der “Fat Finger”-Theorie

FTD: Computerhandel nach Kurseinbruch unter Beschuss

HB: Dow-Jones-Absturz: „Das war der klassische Domino-Effekt“

NYT: Post-Mortem of Wall St. Plunge Puts Focus on Computer Trades

FAZ: Turbulenzen nicht auf die Börsen beschränkt

WSJ: Computer Trading Is Eyed

NYT: Thursday’s Stock Free Fall May Prompt New Rules

NYT: Origin of Wall Street’s Plunge Continues to Elude Officials

Holger Mai 15, 2010 um 20:39

Sehr schöner Artikel. Ich denke auch, dass Algo/HFT-Trading Gefahren mit sich bringt. Klar, ohne computergestützten Handel geht nichts mehr, aber hier muss man sich ernsthaft Gedanken über die Beherrschbarkeit machen.

Sascha Mai 10, 2010 um 21:51

Warum zwingt man nicht einfach die Markteilnehmer HFT-Orders in enge Grenzen zu setzen.Dann würden die meisten Order einfach nicht beachtet, sollte es kurzzeitig zu Liquiditätsengpässen kommen…

Comments on this entry are closed.

Previous post:

Next post: