Öffnung der Black Box: Gespielte Empörung über Offenlegung von Stresstestdaten

by Dirk Elsner on 22. Juni 2010

The black box: interior

Geöffnete Black Box und bereit liegende Werkzeuge (Foto: flickr/inidamos )

Auf Druck Spaniens und eines Beschlusses der EU-Chefs sollen bislang vertraulich gehaltene Daten zur „wirklichen Finanzlage“ der Banken veröffentlicht werden. Dabei geht es um die Ergebnisse regelmäßig durchgeführter Bankenstresstests. Mit der durch die beabsichtigte Veröffentlichung geschaffenen Transparenz über die Finanzlage beim Eintritt besonderer Risiken soll auf dem derzeit wieder stark verunsicherten Interbankenmarkt Vertrauen geschaffen werden.

Auch wenn Schweigen und Intransparenz zentrale Bestandteile des Geschäftsmodells vieler Finanzhäuser sind, ist der späte Versuch, Licht in die Black Box zu bringen, richtig und nachvollziehbar. In den USA war vor etwa 14 Monaten die Veröffentlichung der Stresstests ein wesentlicher Baustein, um das Vertrauen von Investoren in die Bankbonität zurückzugewinnen.

Einige deutsche Banken wehren sich nun gegen diese Art der Vertrauenswiederherstellung und laufen mit zweifelhaften Argumenten Sturm gegen die von der Bundesregierung unterstützte Initiative. Und wieder einmal greift der Bundesverbands Deutscher Banken mit seiner Öffentlichkeitsarbeit daneben. So sagte ein Sprecher lt. FTD, die Gefahr von Fehlinterpretationen sei zu groß, wenn Details zur erwarteten Finanzlage einzelner Institute in Extremsituationen offen gelegt würden.

Diese Reaktion passt in das Muster des nun bereits drei Jahre andauernden Schweigens der Finanzwirtschaft zur eigenen Geschäfts- und vor allem Risikosituation. Die Aussage, die Veröffentlichung der Daten könne zu Fehlinterpretationen führen, unterstellt, die seit Jahren im Trüben gelassene Öffentlichkeit könne die Ergebnisse intellektuell nicht verarbeiten. Gerade dieser angebliche Mangel der Verarbeitungsfähigkeit ist jedoch das Versäumnis der Finanzbranche.

Die deutsche Finanzwirtschaft hat nämlich seit Beginn der Finanzkrise vor drei Jahren rein gar nichts für die Wiederherstellung des Vertrauens getan, sondern mit allgemeinen Floskeln beschwichtigt und verharmlost. Zwar wird in „Sonntags- und Kongressreden Transparenz und Offenheit als gute Sache und notwendig gepriesen, um das Vertrauen wieder herzustellen (siehe etwa diese Rede des Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken). Inhaltlich substantielle Informationen hat man dazu aber nicht verbreitet. Schlimmer noch, man traut der „Öffentlichkeit“ nicht zu, die wirklich relevanten Informationen zu verstehen und fürchtet, „unangemessene“ Reaktionen.

Da mag sogar stimmen, denn mit Ausnahme von Josef Ackermann hat niemand aus der Finanzbranche bisher substantiell über Hintergründe, Ursachen und möglicherweise eigene Beiträge zur Finanzkrise Aufklärung geleistet. Die meisten Banken und institutionelle Investoren lieben ihre Black Box-, in die niemand schauen soll. Licht in die dunkle Kiste haben stets andere gebracht, etwa Gerichte, Politik, Wissenschaft, Medien und Blogs.

Die FTD befürchtet nun, „es könne turbulent werden, wenn bisher eher verschlossene komplexe Systeme in allzu kurzer Zeit allzu durchsichtig werden.“ Sicher ist an diesem Argument etwas dran. Aber

  1. nach drei Jahren und einer Haftung von mehr als eine halbe Billion Euro (Bankenhilfe und Hilfe für Euro-Schuldenstaaten, die indirekt auch eine Bankstützung darstellt) haben die Steuerzahler einen Anspruch auf den Zustand ihrer „Patienten“ und
  2. die „Märkte“ selbst haben den Stress durch die Stresstests längst in ihren Risikoprämien eingepreist.

Josef Ackermann hatte auf einer Tagung eine Offenlegung von Testergebnissen grundsätzlich begrüßt, sie aber nur sinnvoll bezeichnet, wenn schwache Banken sofort mit Kapital gestärkt werden könnten. Mittel dazu stehen über die SoFFin bereit. Im Zweifel muss nur die Laufzeit des Finanzmarktstabilisierungsfonds verlängert werden. Bisher jedenfalls sind die Mittel des Garantie- und Eigenkapitalfonds längst nicht abgerufen worden.

Letztlich bestätigt die nervöse Reaktion der Institute die vielfach (auch vom Blick Log) geäußerte Vermutung, dass es vielen Instituten in Deutschland schlechter gehe, als sie das selbst bisher eingeräumt haben. Und genau hier liegt der Skandal. Obwohl große Mittel bereit stehen, um die Institute zu stabilisieren und damit vor allem die Kreditvergabe wieder anzukurbeln, hat man geschwiegen. Der Grund dafür ist auch klar: Banken fürchten eines noch mehr als Transparenz: Eigene Schwächen zugeben zu müssen.

Man spricht oft und gern über Geschäftserfolge und verschweigt Misserfolge. Für Schieflagen der Institute waren ohnehin Lehman, widrige Regulierung und die Zentralbanken verantwortlich, das Wiedererstarken war natürlich dem eigenen Management zu verdanken.

Nun geht es um die hohe Kunst, die Ergebnisse eines Stresstests, der möglicherweise erschreckende Daten an die Oberfläche spült, Investoren und Kunden zu vermitteln. Das Handelsblatt schrieb dazu gestern als

Aber selbst wenn eine Bank einen Stresstest nicht besteht, heißt das noch nicht, dass sie morgen umfällt. Wichtig wird sein, welche Konsequenzen der Vorstand aus dem Resultat zieht und wie glaubwürdig seine Antworten sind. Deshalb wird die Offenlegung der Stresstests vor allem eine Herausforderung für die Kommunikation der Banken. Die Annahmen für die Szenarien der Tests müssen ebenso vermittelt werden wie Verlustprognosen für einzelne Geschäftsbereiche. Bis heute mauern viele Häuser, wenn sie beispielsweise zum Engagement in Griechenland gefragt werden. Ändert sich dies, haben die Stresstests schon einen wichtigen Fortschritt gebracht.“

Epilog: Warum Stresstests?

Je nach Gestaltung ist ein Stresstest eine äußerst sinnvolle Einrichtung. Über Simulationen werden die Auswirkungen von Schwankungen verschiedenster Einflussfaktoren etwa auf die Liquiditäts- und Ertragslage festgestellt. Das Problem traditioneller Risikomodelle, wie etwa dem VaR-Ansatz ist, dass sie nur „normale“ Marktschwankungen berücksichtigen aber Extremszenarien außen vor lassen. Mit Stresstests soll aber gerade die Wirkung von besonderen Krisen­ereignisse erfasst werden, wie etwa von Zins- und Wechselkursschock, Ausfällen großer Schuldner etc. Eine Illusion darf man sich aber auch nach robusten Stresstests nicht machen: Das bei positiven Verlauf eine Bank gegen alle Risiko abgesichert ist. Überlicherweise werden nur die Risiken „gestresst“, die man kennt. Gegen einen Schwarzen Schwan bietet auch ein noch so robustes Stresstestergebnis keine

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