Halten die „Animal Spirits“ die US-Wirtschaft am Boden?

by Dirk Elsner on 9. September 2010

flying spirit

Notwendig für die US-Wirtschaft: Flying Spirit (Foto: flickr/AlicePopkorn)

Die Konjunkturnachrichten aus den USA stimmen bedenklich. Populär sind derzeit die Berichte über den Absturz aus der Mittelschicht und dem Ende des Mythos vom “Amerikanischen Traum”. „Amerika arbeitet nicht“ und die Wirtschaft in den USA schwächelt bereits über einen für US-Verhältnisse langen Zeitraum. Unterdessen versucht der Chef der US-US-Notenbank, Ben Bernankes einen fast verzweifelt anmutenden Kampf gegen den Pessimismus mit einer strittigen expansiven Geldpolitik. Weil dies nicht ausreicht und sich die Geldpolitik in einer “keynesianischen Liquiditätsfalle” befindet, fordert der Tausendsassa der Ökonomie, Paul Krugman, weitere Konjunkturprogramme. Und der wahlkampfgetriebene Obama tut ihm den zweifelhaften Gefallen.

Es sieht aber derzeit so aus, als hätten beide Maßnahmenpakete, die im Sinne von Keynes die Nachfrage ankurbeln sollen, wenig Wirkung, weil einfach die “Stimmung” in den USA am Boden liegt. So stellten Forscher in einer Studie fest (pdf), dass Barack Obamas Einkommensteuersenkung im vergangenen Jahr größtenteils verpufft ist. Olaf Storbeck fasst dazu im Handelsblatt Ergebnisse aus der Studie zusammen: “

“Die Steuerersparnisse waren so gering, dass viele Amerikaner sie gar nicht bemerkten. Selbst im Juli 2009 – da war die Reform schon drei Monate in Kraft – war 59 Prozent der Befragten noch gar nicht aufgefallen, dass sie Monat für Monate etwas mehr Geld auf dem Konto hatten. Die überwältigende Mehrheit der Menschen – 87 Prozent – gab in der Umfrage an, das Geld entweder aufs Sparbuch zu legen oder damit Schulden zurückzahlen. Gerade einmal 13 Prozent der Empfänger der Steuersenkungen hatte vor, das Geld in den Konsum zu stecken.”

Und damit kommen wir zu einem anderen Aspekt von Keynes, der im letzten Jahr durch ein Buch von Akerlof und Shiller wieder ins Bewusstsein geholt wurde, aktuell aber wenig Beachtung in der Debatte findet: Die Animal Spirits.

Olaf Storbeck schrieb über die „Keynesche Konjunkturpsychologie” in seinem Beitrag “Kern von Keynesu.a.: “Es komme vor allem auf das Bauchgefühl der Unternehmer an – auf ihre „animalischen Instinkte“ („animal spirits“). Diese seien Wellen von Optimismus und Pessimismus ausgesetzt. Das irrationale Auf und Ab der Erwartungen führe dazu, „dass Rezessionen und Depressionen in ihrer Stärke verstärkt werden“. Im Zweifel, vermutet Keynes, investiere die Privatwirtschaft aus Angst vor der Zukunft nicht genug, um für Vollbeschäftigung zu sorgen. Auch niedrige Zinsen können das nicht ändern.”

Shiller und Akerlof greifen in Animal Spirits: Wie Wirtschaft wirklich funktioniert das Konzept von Keynes auf und schreiben u.a.:

“Keynes selbst vertrat einen gemäßigten Ansatz. Ihm zufolge wird die Wirtschaft nicht allein von rationalen Akteuren beherrscht, die (wie gelenkt von der »unsichtbaren Hand« der klassischen Theorie) jeden Tausch vornehmen, der beiden Partnern ökonomische Vorteile verschafft. Keynes räumte sehr wohl ein, dass ökonomisches Handeln großenteils von rationalen ökonomischen Motiven bestimmt wird, setzte dem aber entgegen, dass es häufig von Instinkten beeinflusst wird, den von ihm so genannten Animal Spirits. Der Mensch verfolgt nicht allein ökonomische Ziele. Und auch dann, wenn er seine ökonomischen Interessen im Auge hat, handelt er nicht immer rational. Nach Keynes’ Auffassung sind die Animal Spirits die wichtigste Ursache für Schwankungen der Konjunktur und für unfreiwillige Arbeitslosigkeit.

Wenn wir also die Wirtschaft verstehen wollen, müssen wir herausfinden, auf welche Weise sie von den Animal Spirits beeinflusst wird. Während Adam Smiths unsichtbare Hand den Kerngedanken der klassischen Wirtschaftstheorie bildet, sind Keynes’ Animal Spirits der Kerngedanke eines abweichenden Modells der Wirtschaft – eines Modells, das die fundamentale Instabilität kapitalistischer Wirtschaftssysteme zu erklären vermag.”

Shiller und Akerlof waren nicht die ersten, die das Konzept der Animal Spirits wieder aufgegriffen haben. Robert Barsky und Eric Sims von der Universität Michigan hatten bereits in einem Arbeitspapier ein überarbeitetes keynesianisches Modell vorgelegt, in das sie die Animal Spirits integrierten.

Ohne die Grundlagen jetzt hier weiter zu vertiefen, scheint das US-Problem weniger eines der Geldpolitik und weiterer Konjunkturprogramme zu sein. Die Stimmung ist immer noch am Boden und die Animal Spirits müssen in welcher Form auch immer aktiviert werden. So schreibt es etwa auch John Llewellyn, früher Chefökonom bei Lehman Brothers, im Guardian unter “Only Keynes’s animal spirits can intoxicate our hung-over economies

Ganz offenbar fehlt derzeit der “Glaube” an die eigene Wirtschaftskraft in den USA. Und ich habe Zweifel, dass das ständige Gerede über neue Konjunkturprogramme und weitere Lockerung der Geldpolitik die Investitions- und Risikobereitschaft der Unternehmen, die letztlich die Entscheidungen zu treffen haben, fördern. Möglicherweise bewirken sie sogar das Gegenteil, weil solche Programme eher das Gegenteil von Zuversicht vermitteln.

Unter den Entscheidungsträgern der Wirtschaft wird die Zurückhaltung vermutlich eher verstärkt, solange man unter dem Eindruck steht, die Wirtschaft laufe noch nicht gut. Es sind nicht niedrige Zinsen oder Konjunkturprogramme, die Unternehmen zu Investitionen und Ausgaben bewegen, sondern die Erwartungen mit den eigenen Aktivitäten die Unternehmensziele zu erreichen. Nur wenn diese Erwartungen positiv sind, wird expansiv gehandelt. Zinsen, Geldpolitik und Konjunkturpakete sind nur kleine Entscheidungsparameter, die für die Entscheidungspraxis der Unternehmen eine untergeordnete Rolle spielen.

Erst wenn sich die Erwartungen wodurch auch immer aufhellen, wird das so etwas wie eine Initialzündung in Gang setzen. Nur leider weiß niemand, wo der Knopf liegt, um die Animal Spirits umzukehren. Es ist aber wenig hilfreich, die Lage immer noch schlechter zu reden. Das hellt die Erwartungen der Unternehmen mit Sicherheit nicht auf. Daher tut der Chef der Fed, Ben Bernanke, wohl auch der US-Wirtschaft keinen großen Gefallen, wenn er weiterhin Skepsis bezüglich des US-Wachstums nährt.

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