Ernüchterung beim E-Book und bei Paid Content

by Dirk Elsner on 8. Oktober 2010

“Ich bin 100 E-Books” (Foto: flickr/coline)

“Ich bin 100 E-Books” (Foto: flickr/coline)

Derzeit läuft in Frankfurt die Buchmesse, eine Veranstaltung, die ich gern besucht hätte, weil für mich das Bummeln in Elektromärkten und in gut sortierten Buchhandlungen die einzig positiven Shoppingerlebnisse sind. Ein Thema der Messe sind, glaubt man der Berichterstattung, einmal mehr E-Books, die in Deutschland aber immer noch zu den digitalen Ladenhütern gehören.

Noch vor 18 Monaten sprachen „Experten“ davon, dass E-Books vor dem Durchbruch stehen und das digitale Zeitalter des Buches einläuten würden. „Experten“ versprachen den E-Books einen noch größeren Aufschwung durch Apples gehypten iPad, der vor allen Journalisten begeistert.

Mittlerweile ist die Euphorie der Verlage und Autoren einer großen Ernüchterung gewichen. Die Relevanz der E-Books-Umsätze bewegt sich im Quantenbereich und ist kaum wahrnehmbar.  „Experten“ prognostizieren jetzt, dass sich daran so schnell nichts ändern wird. Ich weiß nicht, ob dies die gleichen Experten sind, die vor 18 Monaten die E-Book-Euphorie beschrieben haben. Der Blick Log gehört glücklicherweise nicht zu den Bücherexperten, sondern nur zu den Buchkonsumenten, jedenfalls war ich damals aus mehreren Gründen bearish für E-Books.

So gehört zu den Vermarktungsfehlern die Preispolitik. Es ist nämlich nicht klar, welches preispolitische Konzept die Reader-Hersteller und Buchverlage verfolgen. Zu lesen war, die Preise für Einzeltitel liegen etwa 10% unter den Hardcover-Preisen. Das ist aus Kundensicht eine erstaunlich geringe Preisdifferenz zum traditionellen Buch. Als Kunde zahlt man für eine Datei, die auf der Festplatte bzw. dem Reader lagert (Grenzkosten = 0), fast so viel wie für ein repräsentativen Einband, den man sich ins Regal stellen kann. Dazu muss man noch für etwa 100 € bis 300 € einen E-Reader erwerben. So erreichen Leseratten den monetären Break-even erst bei Kauf von Lesematerial im Offline-Wert von 3.000 €. Das ist viel zu viel.

Dazu kommen technische Beschränkungen und Gängelung durch proprietäre Formate und digitales Rechtemanagement. Im Ergebnis wird der gesamte Konsum-Life Cycle eines Buches (im Buchladen stöbern, überall lesen können, Seiten mit Anmerkungen versehen, verleihen, repräsentativ ins Regal stellen etc.) umgekrempelt und es entsteht ein anderes Nutzenprofil für die Konsumenten. Nicht jeder Konsument mag das. Zumindest bei Belletristik ist es daher unwahrscheinlich, dass hier wirklich nennenswerte Auflage mit diesem Konzept gemacht werden kann. Übrigens, haben Sie einmal versucht, bei Amazon Deutschland E-Books zu finden? Wenn es dort welche gibt, sind sie ausgezeichnet versteckt.

Für Fachbücher halte ich weiterhin elektronische Bücher für eine gute Alternative, insbesondere wenn man sie selektiv liest. Aber hier kommen leider keine neuen Ideen von den Verlagen. Einzig PaperC belebt hier die Szene mit seinem Read free und pay per use-Modell, einem Modell das im Fachbuchmarkt genau meine Bedürfnisse abdeckt aber leider nicht von allen Verlagen unterstützt wird.

Das leitet über zum Thema Paid Content, über das sich aktuell kaum zu schreiben lohnt, weil die Aktivitäten eingeschlafen zu sein scheinen. Seit dem von Robert Murdoch vor einem Jahr und dem Erscheinen des iPad ausgelösten Hypes um bezahlte Inhalte für Nachrichten ist es ziemlich ruhig geworden um das Thema. Jetzt, wo es den Verlagen besser zu gehen scheint, verspürt man wohl nicht mehr den Druck, sich mit dem Hoffnungsanker der Nachrichten- und Magazin-Verlagsszene zu befassen. Dabei könnte es doch interessante Ansätze geben, wie Katja Riefler und Robin Meyer-Lucht von Carta herausgearbeitet haben.

Die Zeitungsverlage scheinen sich dem vor einem Jahr noch heiß gehandelten Thema nur sehr vorsichtig zu nähern. Nach einem Bericht der FTD soll die Londoner „Times“, deren Inhalte komplett hinter einer Bezahlmauer liegen, 60 bis 90 Prozent der Reichweite eingebüßt haben. Möglich, dass die New York Times deswegen sehr abgestuft seine Leser zur Kassen bitten will. In der FTD heißt es dazu:

„Die Nutzer können künftig eine bestimmte Anzahl von Texten kostenlos abrufen. Für jeden weiteren Artikel müssen sie zahlen. Für Abonnenten soll es spezielle Bündelangebote geben. „Die Seite bleibt erreichbar für Zugriffe von Drittseiten wie Blogs, Suchmaschinen oder soziale Netzwerken“, erläuterte Robinson. „So sichern wir unsere Reichweite und damit auch die Werbeerlöse.“ Mit ähnlichen Modellen verzeichnen die Wirtschaftsblätter „Wall Street Journal“ aus dem Murdoch-Imperium und die Financial Times wirtschaftliche Erfolge. Allerdings zielen sie auf eine erheblich spezialisiertere Zielgruppe als die NYT.“

In Deutschland traut sich nach dem Hamburger Abendblatt, das nach der Einführung von Paid Content erwartungsgemäß Reichweite verloren hat, keine weitere Zeitung, ihr Onlineangebot zu bepreisen.

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