Chancen für neue Finanzplätze: Die Regulierungsarbitrage hat begonnen

by Dirk Elsner on 7. Oktober 2010

Die Empfehlungen von Basel III sind nicht einmal in geltendes Recht gegossen, da beginnt bereits das, was der Blick Log in diesem Beitrag als Aufsichtsarbitrage bezeichnet hat: Londons Banker drohen ungewöhnlich offen mit Umzug. In der Schweiz dagegen wird mit noch deutlich schärferen Regeln für die Eigenkapitalausstattung gedroht und dennoch sagen dort die Banken: “ Passt schon.“ Trotz dieser wohltuenden Reaktion in den Alpen, könnte Basel III die Energie der Banken in Prozessinnovationen und Aufsichtsarbitrage leiten.

Unter Regulierungsarbitrage versteht man, so erklärt dies die Allianz, “Geschäfte, deren Teilnehmer von Unterschieden in regulatorischen Bestimmungen profitieren. Wenn Unternehmen beispielsweise nach den in diesem Land geltenden Vorschriften weniger Steuern zahlen müssen, bietet dies vielen Unternehmen einen Anreiz, dort eine Tochtergesellschaft zu gründen. Dies ist einer der möglichen Gründe, warum einige Unternehmen ihren eingetragenen Sitz auf einer kleinen Pazifikinsel haben, obwohl der Großteil ihrer Geschäftsaktivitäten andernorts stattfindet.”

Gerade die Aufsichtsarbitrage wird dadurch gefördert, dass längst nicht alle Länder mit einem Bankensystem aus verschiedensten Gründen die gleichen Vorschriften anwenden (können) bzw. die Vorschriften in gleicher Schärfe umsetzen. Und weil Banken viel mehr Zeit und Geld in das Studium internationaler Rechtsnormen investieren als in Produktinnovationen, kennen sie die Regulierungen in den wichtigsten Ländern.

Dazu gesellt sich das Interesse vieler Staaten, den Finanzsektor zu stärken und internationales Geschäft in die eigenen Grenzen zu holen. Was liegt da näher als in diesen Zeiten, mehr oder weniger offen, mit liberaleren Vorschriften zu winken. Mit Basel III wird sich dieser Trend in den nächsten Jahren nachhaltig verstärken.

Deutlich werden die Verschiebungen schon jetzt am Finanzplatz-Ranking, nach dem etwa asiatische Städte deutlich insbesondere gegenüber London und New York aufgeholt haben (siehe dazu diese Übersicht im Handelsblatt oder hier die ausführliche Originalstudie von Zyen als pdf).

Persönlich könnten künftig etwa die Vereinigten Arabischen Emirate eine deutlich stärkere Rolle spielen werden. Zwar tauchen Qatar und Dubai in der Zyen-Rangliste nur weit hinten auf  (Dubai hat sich sogar auf Grund der hausgemachten Krise um vier Plätze verschlechtert), dennoch sollte man die Emirate nicht unterschätzen und auch das finanzstarke Abu Dhabi beachten. Ich bin sicher, dass sich diese Länder, wenn sie halbwegs geschickt agieren, in den nächsten Jahren auf der Rangliste deutlich verbesseren werden.

Im Finanzbereich wird sich außerdem die Produkt- und Sektorarbitrage verstärken. Es werden also diverse Geschäfte in weniger regulierte Geschäftssegmente (von Banken hin zu Hedge-Fonds, Private Equity und andere Investmentvehikel) abwandern. Nicht zuletzt Basel II hat die Produktarbitrage verstärkt und gilt als Mitursache für den Boom verbriefter Forderungen (siehe dazu “Krise des Bankensystems: Zu viel Finanzinnovation, zu wenig Regulierung?, in: Ifo Schnelldienst 21/2008, S. 4).

Letztlich darf man aber die Verschiebung hin zu neuen Finanzplätzen nicht allein der Aufsichtsarbitrage zuschieben, wie die Presseschau zur Neuordnung des Weltfinanzmarktes herausarbeitet. So hat Nicolas Véron vorvergangene Woche in der FTD dargestellt, dass die Finanzkrise auch abseits der Regulierungsdebatte zu einer Verschiebung der Geschäftsschwerpunkte geführt hat. Eine Verschiebung zugunsten der Schwellenländer progonstiziert ebenfalls die Nachrichtenagentur Reuters in einer Analyse.

Nach Auffassung der Londoner Financial Times sei nur eine Frage der Zeit, bis Länder wie China oder Brasilien „ihre Muskeln spielen lassen“ und eine größere Rolle im globalen Finanzsystem übernehmen würden: „Ihre wirtschaftliche Bedeutung und ihr Einfluss wächst, das wird zwangsläufig dazu führen, dass sie aktiver den Finanzsektor gestalten.“ Ihre Märkte und Bankensysteme seien jedoch noch nicht ausgereift, sie müssten sich noch weiterentwicklen, bis sie auch auf internationalem Parkett bestehen könnten.

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