Das Comeback der Prognostiker und ihrer Konjunkturprognosen

by Gastbeitrag on 7. Dezember 2010

Gastbeitrag von Christoph Gran*

Frei nach dem Motto „was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ ist es so, als hätte es die Krise nie gegeben. Noch im April 2009 erklärte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftforschung (DIW), sein Institut werde keine Prognosen mehr hinsichtlich der Entwicklung des BIPs machen. In der FAZ konnte man damals lesen: „Selbstkritisch heißt es dazu vom DIW, die Konjunkturforschung verfüge noch nicht über geeignete Instrumente, um Wendepunkte und besonders beginnende Abschwünge zu erkennen. Die Makroökonomik befindet sich einem Erklärungsnotstand“, urteilt Zimmermann.

Gut ein Jahr später ist alles vergessen. Die Prognostiker sind wieder da und veröffentlichen munter optimistische Prognosen. Das DIW mischt auch wieder mit und meint, 2011 gäbe es ein Wirtschaftswachstum von 2%. Der Arbeitskreis Steuerschätzung der Bundesregierung kommt auf noch zuversichtlicher Zahlen 3% 2011 und + 2,8 % für 2012. Die Krise scheint also vorbei zu sein, 2011 wird sogar über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre liegen und 2012 wird auch super.

Was ist das Problem angesichts der guten Prognosen?

Erstens: Wenn man bedenkt, dass das BIP 2009 um 4,7 % geschrumpft ist, so beeindruckt es nicht besonders, dass es jetzt überdurchschnittlich wächst. Dies kann nicht als Bruch mit dem langfristigen Trend abnehmender Wachstumsraten interpretiert werden (vgl. Grafik 1).

Hinzu kommt, dass der vermeintliche Aufschwung hauptsächlich vom Staat finanziert wurde (vgl. Grafik 2).  Alleine die Konjunkturpakete I und II haben immerhin 120 Mrd. € gekostet.

Zweitens: Hat sich irgendwas an den der Prognose zugrunde liegenden Modellen geändert? Wohl kaum! Wieso ist die kurze Phase der Selbstreflexion und Selbstkritik bereits wieder vorbei? Auch an den meisten deutschen Lehrstühlen der VWL hat sich seit Beginn der Krise nichts geändert. Sie sind weiterhin geprägt von mikro- und makroökonomischer Modellökonomik, die von ständigem Wachstum ausgeht! Finanzkrise, Krise der Wirtschaftswissenschaft, Grenzen des Wachstums – sorry: nie gehört.

Drittens: Ist denn die Krise wirklich schon vorbei? Angesichts einer zunehmenden Gefahr von Staatsbankrotten (Griechenland, Spanien, Portugal, Irland, Großbritannien…), der Politik des lockeren Geldes durch die Nationalbanken und einer nur sehr begrenzten Regulierung der Finanzmärkte ist der nächste Crash vorprogrammiert. Auch die ökologische Krise verschärft sich – davon zeugen weiter zunehmende Emissionen und voranschreitendes Artensterben (vgl. living planet report). Hinzu kommt die Ressourcenkrise: Peak Oil, ja Peak everything (vgl. Bundeswehrstudie, spiegel online, Beitrag auf postwachstum.net) zeichnen sich immer deutlicher ab.

Fazit: Die Prognostiker prognostizieren wieder, die Politik gibt sich optimistisch, schließlich ist wieder alles beim Alten, die Krise ist (angeblich) vorbei, die Wirtschaft wächst wieder und einige denken sogar schon über Steuersenkung nach: Schließlich sind die erwarteten Einnahmen größer als geplant, sprich die Neuverschuldung steigt weniger als gedacht. Ist ja schon fast wie eine Einnahme.

Abgesehen davon: Warum starren eigentlich alle auf das BIP, wissen wir doch schon seit Jahren, dass es als Indikator für die Wohlfahrt einer Gesellschaft völlig ungeeignet ist und trotz temporärem Anstieg langfristig die Wachstumsraten in den Industrieländern sinken. Es ist an Zeit, sich vom Paradigma des Wirtschaftswachstums zu verabschieden und sich auf eine Postwachstumsgesellschaft einzustellen. Ein wichtiger Schritt ist eine Neuausrichtung der Wirtschaftswissenschaft. Gefordert ist zum Beispiel die Aufnahme folgender Fächer in den Lehrplan: Ökologische Ökonomik, Geschichte des ökonomischen Denkens, Ordnungspolitik und Wissenschaftstheorie sowie inter- und transdisziplinäre Veranstaltungen. Nötig ist, dass an den Universitäten und Fachhochschulen kritische, reflektierende Menschen ausgebildet werden, die die Grenzen des Wachstums ernst nehmen und nicht gebetsmühlenartig „Mehr ist besser“ runterbeten. Auch für das Wirtschaftswachstum gilt der oft zitierte Einstein: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. Eine Postwachstumsgesellschaft braucht neue Denkweisen.

*Christoph Gran betreibt den neuen Wirtschaftsblog Postwachstumsgesellschaft. Dort ist der Beitrag auch zuerst erschienen.

Der BLOG ist Teil der Homepage „postwachstum.de“ (respektive .at und .ch); die das Buch „Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft“ (Hrsg. I. Seidl, A. Zahrnt, Metropolis 2010) ergänzt. Blog, Webpage und Buch thematisieren, wie vom ständigen Wirtschaftswachstum abhängige Bereiche in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft so gestaltet und umgestaltet werden können, dass diese und damit auch Politik und Gesellschaft nicht weiter auf ständiges Wirtschaftswachstum angewiesen sind.

Hintergrund von Buch, Blog und Webpage bildet die Beobachtung, dass es seit vielen Jahr(zehnt)en eine umfangreiche und fundierte Kritik gegenüber der Wachstumsorientierung gibt und auch Teile der Bevölkerung dieser Wachstumsorientierung skeptisch gegenüber stehen, faktisch aber die bisherige Kritik in keiner Weise die starke Wachstumsorientierung durch Politik und Wirtschaft schmälert. Dies dürfte, so die dem Buchprojekt zugrunde liegende These, auch darauf zurückzuführen sein, dass zentrale Gesellschafts-, Politik- und Wirtschaftsbereiche sowie Institutionen (z.B. Altersversicherung, Staatsverschuldung) so, wie sie
heute gesellschaftlich gestaltet sind, existentiell auf dieser Wachstumsorientierung aufbauen. Folglich müssten diese Bereiche und
Institutionen stark umgestaltet werden, fände kein ständiges Wirtschaftswachstum mehr statt.

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