Wikileaks-Rauswürfe bei US-Firmen: Bärendienste für Internetwirtschaft und Cloud-Computing

by Dirk Elsner on 8. Dezember 2010

Die aufgeheizten Diskussionen um die Wikileaks-Veröffentlichungen haben schneller als erwartet ökonomische Dimensionen angenommen. Nein, hier geht es nicht um die “freiwillige” Festnahme des Wikileaks-Gründers Julian Assange, sondern um die wirtschaftlichen Sanktionen gegen die Informationsplattform, mit denen vor allem die USA die Plattform unter Druck setzt.

Die USA haben bekanntlich nun ausgerechnet das eingesetzt, was Netzaktivisten schon seit Jahren befürchten, nämlich ihre Macht im Netz ausgespielt. Zunächst hat der Domain-Name-Provider EveryDNS wikileaks.org die Hauptadresse der Enthüllungsplattform, entfernt. Auf “Anraten” des US-Vizepräsidenten hat Amazon anschließend der Enthüllungsplattform untersagt, die Server des Dienstleisters zu nutzen. Und nun hat die ebay Tochter der Bezahldienst Paypal  Wikileaks das Konto gesperrt und gleich dazu das Konto der in Netzkreisen bekannten Wau-Holland-Stiftung, die Spenden für Wikileaks einsammelt. Begründet wurden diese Aktionen u.a. mit Verstößen gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen.

Ohne in die Feinheiten der AGBs von Amazon, Paypal und Co. eingedrungen zu sein, darf zwar vermutet werden, dass tatsächlich ein Verstoß vorliegt, gleichzeitig fragt man sich aber, ob diese US-Unternehmen stets so konsequent ihre Vertragsbedingungen auslegen oder hier dem Druck der US-Regierung nachgegeben haben.

Mit diesen Zweifeln wächst das Unbehagen in der Wirtschaft, vor allem am in den letzten Jahren hochgejazzten Milliarden-Konzepts des Cloud-Computings. Der Druck, Teil der Informationstechnologie in die Datenwolke (Cloud) in Internet auszulagern ist in den letzten Jahren, nicht zuletzt Dank der Hilfe der IT-Industrie, stetig gewachsen. Technisch umgesetzt wird die Cloud mit Hilfe großer und weltweit verteilter Rechenzentren, die z.B. von Unternehmen wie Amazon oder Google betrieben werden.

Die FAZ artikuliert die Skepsis unter dem Titel “Amazons Rauswurf nährt die Zweifel an der Cloud” und schreibt u.a.:

“Die Sorge, mit einer Verlagerung in die Cloud Kontrolle über die eigene Informationstechnologie zu verlieren, gab es schon vor der Wikileaks-Affäre, und sie hält noch immer manche Unternehmen davon ab, Dienstleister wie Amazon in Anspruch zu nehmen. Viele Unternehmen setzen stattdessen darauf, innerhalb ihrer eigenen Rechenzentren eine sogenannte „private Cloud“ zu entwickeln.”

Auch die FTD sieht dies kritisch:

“Das Verhalten der Firmen ist gefährlich. Zwar mögen sie so politischen Repressalien in den USA aus dem Weg gegangen sein. Doch setzen sie mit ihrem vorauseilenden Gehorsam das für die Branche essenzielle Vertrauen bestehender und potenzieller Kunden aufs Spiel.
Man muss nicht die Aktion von Wikileaks verteidigen, um die Brisanz der Firmenentscheidungen zu erkennen. Vor allem der Schritt von Amazon, Wikileaks den Dienst zu verweigern, könnte einen der wichtigsten Trends der Onlinebranche beeinflussen. … Dass ein Cloud-Anbieter sich nun auffällig schnell nach eigenem Ermessen politischem Druck beugt, sendet ein problematisches Signal. Da hilft es auch wenig, dass Amazon den Schritt mit Urheberrechtsverletzungen begründete. Sicher, Wikileaks ist ein Sonderfall und nicht mit dem Geschäft eines normalen Unternehmens vergleichbar. Doch ist gerade die Aufbewahrung digitaler Daten ein so sensibles Thema, dass jede Entscheidung gegen einen Kunden abschreckend wirkt.”

Während sich Teile der Netzgemeinde Gedanken machen, wie sie “zurückschlagen” können,  wachsen bei Unternehmen Bedenken, weil neben der technischen Leistung der Cloud Computing-Anbieter weiche Faktoren wie Datensicherheit und Neutralität eine wichtige Rolle spielen. Der Fall Wikileaks zeigt jetzt die Verletztlichkeit der Dienstleistung und wird manch einen IT-Chef in seinen Zweifeln eher bestätigen.

Unternehmen müssen dabei nicht einmal bewusst “illegale Aktivitäten” starten. Aber welches in Europa aktive Unternehmen weiß schon exakt, ob es nicht mit seinen in Europa rechtmäßigen Handlungen, nicht gegen US-Rechtsvorschriften verstößt und dann plötzlich gesperrt werden kann. Allein die Möglichkeit wirkt abschreckend.

Axel Postinet sieht daher im Handelsblatt das Cloud-Konzept erheblich angeschlagen:

“Der Fall Wikileaks zeigt die negativen Seiten der digitalen Wirtschaft auf. Denn wenn Cloud-Computing zum Spielball politischer Interessen wird, dann ist dieser Internettrend wirtschaftlich tot, bevor er richtig angefangen hat. Wer sich darauf einließe, würde im Zweifel mit der Existenz seines Unternehmens spielen. … Nun bereiten auch die Auswirkungen auf die digitale Wirtschaft angesichts des vorauseilenden Gehorsams des Internethändlers Amazon Unbehagen. Es fehlt für alle Beteiligten an Klarheit, was der reine Fakt einer Datenhaltung im Netz eigentlich juristisch bedeutet.”

Wie meist sieht die Unternehmenspraxis die Aktivitäten um Wikileaks und den Rauswurf bei Amazon und Co. deutlich gelassener. Ein Geschäftsleiter, mit dem ich sprach, sah Google, Microsoft und Amazon auch vor dem Rauswurf nicht als geeignete Cloud-Dienstleister für Unternehmen an. Tatsächlich gibt es eine Fülle von Kriterien, auf die Unternehmen achten, bevor sie ihre IT in fremde Hände geben.

Weniger Sorge machen sich in der Praxis übrigens Unternehmen darüber, ob ihre Firma das nächste Wikileaks-Opfer sein könnte. Das öffentliche Interesse an 99,9% der Unternehmensdaten geht nämlich gegen Null. Ausgenommen davon sind vielleicht einige Vorstandsprotokolle von DAX-Unternehmen und großen Banken.

Spon: Mächtige spüren die Macht der Hacker-Ethik

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