What a Optimismus: Die Prognosen und Anekdoten der “Experten” für 2011

by Dirk Elsner on 3. Januar 2011

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Lässt sich die Zukunft erkennen? (Foto: flickr/mtischendorf)

Der Blick Log ist ja eigentlich ein wenig spät dran mit seinem Blick in das Jahr 2011. Während die ersten Redaktionen schon fast die jedes Jahr früher beginnenden Jahresrückblicke vorbereiten, schaue ich erst nach dem Jahreswechsel nach vorn. Und wie bereits im letzten Jahr könnte ich für dieses Jahr ebenfalls schreiben, dass bereits vor einem Jahr die Konjunkturprognosen mehrheitlich falsch und viel zu pessimistisch waren.

Im Februar letzten Jahres lieferte die europäische Schuldenkrise den Finanzmärkten wieder die Vorlage für düstere Schlagzeilen und sogleich hatten die Untergangspropheten Konjunktur. Dabei interessiert gar nicht, was sie genau sagen und für welchen Markt dies gilt. Unvermeidlich auch die düsteren Szenarien von Marc Faber alias Dr. Doom in einem Interview mit der NZZ.

Für 2011 haben sich aber die Vorzeichen freilich fundamental geändert. Das, was uns vor ein und insbesondere zwei Jahren an Pessimismus entgegen schlug, wabert uns jetzt an Optimismus entgegen. Einige Auguren wollen den DAX bei 8.300 Ende 2011 sehen. Für das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts lese ich über eine 3,7%. Der Export soll weiter zulegen, die Binnennachfrage wachsen und überhaupt nun steigt auch die Geburtenrate wieder an. Der DGB-Chef Michael Sommer sieht Deutschland gar „am Beginn eines wirklich goldenen Jahrzehnts stehen“. Da wird gern und schnell vergessen, dass vor zwei Jahren noch manch ein Schwarzseher ein Jahrzehnt der Düsternis ausgerufen hat.

Warum die Qualität der Vorhersagen für 2011 also besser ausfallen sollen, kann mir unterdessen niemand vermitteln.

Den einzig wirklich guten Artikel zu den Prognosen für dieses Jahr  (neben dem satirischen Ausblick der FTD) hat Uwe Jean Heuser für die Zeit geschrieben. Er fordert von den Ökonomen: “Gebt zu, ihr wisst es nicht!”. Natürlich lässt sich kein professioneller Ökonom auf diese Forderung ein, weil dies ja unmittelbar die eigene Existenzgrundlage in Frage stellt. Dabei stellt Heuser richtig fest, dass so gut wie niemand vor einem Jahr die Erholungszeichen richtig gedeutet hat und sieht als Ursache dafür die Fehler im System liegen. Als Zeugen lädt er die vom Blick Log sehr geschätzten Robert Shiller und George Akerlof vor:

“Robert Shiller von der Yale-Universität in Amerika ist einer der Pioniere, die Abhilfe schaffen wollen. Dazu beschreibt er erst einmal unser aller wirtschaftliches Verhalten: »Die Menschen kennen die tatsächlichen Zusammenhänge nicht und fällen trotzdem ihre Entscheidungen.« Oft ignorierten sie neue Informationen und Gefahren oder Gelegenheiten, machten schlicht weiter wie gehabt – bis die Masse umschwenke. Solche Prozesse gelte es zu erklären. »Wir brauchen eine Revolution unserer Theorie über den Wirtschaftsverlauf, die im Innersten auch die Psychologie beinhalten muss«, erklärt Shiller. »Wir brauchen ein Modell davon, wie Volkswirtschaften in Schwierigkeiten geraten.« … Ökonomen, Politiker, Bürger, sie alle haben sich die Sicherheit im Umgang mit der Wirtschaftsentwicklung nur eingebildet. Tatsächlich wissen sie vieles nicht, was sie zu wissen glaubten, ja, manches können sie auch gar nicht wissen – und finden genau durch diese Einsicht einen wahren Reichtum neuer Erkenntnisse.

Nach Ansicht von Shiller und Akerlof beeinflussen die Animal Spirits die Wirtschaft viel stärker, als dies Ökonomen einräumen. Heuser schreibt dazu:

“Menschen bewerten die Dinge relativer, als Ökonomen lange dachten. Das macht sie gleichzeitig zu einem Teil von gemeinsamen Trends, Entwicklungen, übertriebenen Auf- und Abschwüngen, die sich eine Weile selbst speisen, irgendwann abrupt enden oder gar in ihr Gegenteil verkehren.

Solche kollektiven Bewegungen machen den Prognostikern das Leben schwer. Draußen in der realen Welt kommt es auf dem Höhepunkt der Ereignisse zu einer massiven Beschleunigung, drinnen im Computer gelten die Regeln einer eher gemächlichen Welt. Zwar leben wir nicht immer in einer heißen Boomphase oder einer massiven Krise. Aber die Wirtschaft bewegt sich auch zu anderen Zeiten so. So manche Innovation startet langsam und löst dann unerwarteterweise eine riesige Begeisterung aus. Auch der Überschwang am Finanzmarkt, verbunden mit der Erfindung neuer Finanzprodukte und unterstützt von eingängigen Geschichten, gehört dazu. Ebenso die Aufregung über die Unehrlichkeit der anderen im Business oder gegenüber dem Fiskus. Und das Erschrecken über den Klimawandel – bisher stets gefolgt von einer Abkühlung der Aufmerksamkeit, sobald sich der Ölpreis oder das Wetter wieder beruhigt haben.”

Heuser wies bereits in seinem Buch Humanomics auf die “Illusion des Wissens”, der wir angesichts der Informationsfülle unterliegen. Wir haben Zugriff auf unglaubliche Informationsmengen und glauben daher, viele Dinge gut erklären und vorhersagen zu können. In meinem Artikel für Agora 42 hatte ich im vergangenen Jahr ebenfalls dargelegt, dass dies ein großer Irrtum ist. Nun geht Heuser einen Schritt weiter und fordert den “Abschied von der Idee, wir hätten alles im Griff.” Es sieht dies, als einen Akt der Befreiung und schreibt weiter: “Gute Reformer arbeiten mit dem Wissen, dass ein Gesetzesakt oft unerwartete Ergebnisse zeitigt, weil Menschen auf die neuen Anreize reagieren und ihrerseits die Wirklichkeit verändern. Sie wissen um die Fähigkeit der Wirtschaft, sich abrupt in unerwartete Richtungen selbst zu beschleunigen.”

Im Alltag und in der Wirtschaftspraxis ignorieren wir es, dass sich viele Zusammenhänge nicht eindeutig im Sinne von Ursache und Wirkung erklären lassen. Wir akzeptieren daher nicht, dass viele Ereignisse gerade in der Wirtschaft in einem hohen Maße von Zufällen bzw. von Faktoren abhängen, deren Wirkungen wir nur sehr begrenzt verstehen oder vorhersehen können. Insbesondere der im vergangenen Jahr verstorbene Benoit Mandelbrot in seinem Buch “Fraktale und Finanzen” und Nassim Nicholas Taleb in “Narren des Zufalls” haben die Rolle der Unberechenbarkeit und des Zufalls in der Wirtschaft untersucht.  Ohne diese Ansätze hier zu vertiefen, zeigen diese Autoren, dass Chaos, Komplexität und Zufall eine viel größerer Rolle in unserem Wirtschaftsalltag spielen, als wir dies zugeben mögen.

So führt auch für Heuser kein Weg an Taleb vorbei. Er schreibt:

“Was Taleb besonders ärgert: Obwohl das Phänomen oft auftrete, erklärten Experten und Laien im Nachhinein, alles sei eigentlich erklärbar und vorhersagbar gewesen, sie hätten bloß einen Fehler gemacht. Kommt der »schwarze Schwan«, sind Nationen deshalb nur kurz irritiert. Dann vergessen sie, dass es gerade kein Einzelfall war, kein Fehler innerhalb des Systems, sondern ein systematischer Fehler des Erklärungsmodells für die Welt.”

In diesem Sinne schauen wir wieder einmal, mit welche Anekdoten Ökonomen und andere “Experten” uns für 2011 beglücken:

HB: Währungskrise: Der Euro im Überlebenskampf (1.1.11): Europa hat seine Währung längst nicht wieder im Griff. Anleihen der Schuldenstaaten werden auch im neuen Jahr bei Anlegern nicht sehr beliebt sein. Die Euro-Zone steht vor einer schwierigen Entscheidung: Transferunion oder Zerfall? Sieben Unwägbarkeiten für 2011.

Spon: Kuriose Prognosen – Boom im Zeichen des Minirocks (2.1.11): Schmale Krawatten, kurze Röcke, starke Wirtschaft – so einfach kann eine Wachstumsprognose sein. Doch selbst skurrile Theorien über den Zusammenhang von Mode und Konjunktur enthalten einen wahren Kern. Ein etwas anderer Ausblick auf das neue Jahr.

HB: Ökonomen glauben an kräftiges Wachstum 2011 (25.12.10): Nach Ansicht führender Wirtschaftsforschungsinstitute hält der Aufschwung in Deutschland im neuen Jahr an. Auch am Arbeitsmarkt gehe es weiter bergauf. Für das kommende Jahr forderten die Ökonomen einem strikten Sparkurs, konsequenten Subventionsabbau und vorerst einen Verzicht auf Steuersenkungen.

Reuters: Viel Zuversicht und einige Mahner in der Wirtschaft (26.12.10): Die deutsche Wirtschaft geht zuversichtlich in das kommende Jahr, auch wenn manche Stimmen in ihren Reihen vor überzogener Euphorie warnen.

HB: Dax-Ausblick: Was kommt nach dem Bullenjahr? (31.12.10)

FTD: 2011 wird das Jahr der Aktie (30.11.10)

FTD: Massive Preissteigerungen – Die Rohstoff-Fieberkurve zeigt nach oben (21.12.10): Kupfer jagt von einem Rekordhoch zum nächsten. Zucker ist so teuer wie seit 30 Jahren nicht, und Gold zieht Investoren in Scharen an. 2011 werden die Preise voraussichtlich weiter anziehen. Eine Analyse

HB: Ausblick 2011: Wachstum kommt von Wagen (30.12.10)

Spon: Wachstum 2011 – Ökonomen machen Deutschland Mut (25.12.10): Weniger Arbeitslose, sattes Wachstum, mehr als sonst wo in Europa – 2011 wird ein gutes Jahr für Deutschland, sagen führende Ökonomen. Doch sie warnen die Politik, jetzt übermütig zu werden: Statt Steuersenkungsphantasien ist erst mal Staatssanierung angesagt. Der Ausblick im Überblick.

HB: Düstere Prognose: Britische Ökonomen geben Euro kaum eine Chance (1.1.11): 20 Prozent – mehr Überlebenschancen geben britische Ökonomen dem Euro nicht. Schon in diesem Jahr könnte das Aus kommen – wenn Spanien und Italien in Geldnot geraten.

Spon: Wachstumsprognosen- Wirtschaft erwartet Mini-Boom 2011 (25.11.10): Die deutsche Wirtschaft boomt – doch wie stark setzt sich der Aufschwung im kommenden Jahr fort? Führende Wirtschaftsvertreter sind sicher: Das Wachstum wird langsamer, 2011 aber ein gutes Jahr für Deutschland. Ökonomen warnen allerdings vor der immensen Staatsverschuldung.

Dow Jones: IMK: 2010 und 2011 mehr Wachstum, aber 2012 wachsende Risiken (16.12.10): Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat seine Wachstumsprognosen für dieses und nächstes Jahr erhöht, warnt aber gleichzeitig vor einem möglichen Abschwung im Jahr 2012.

T-Online: Ausblick 2011: Düstere Prognosen für die Euro-Sorgenkinder

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