Ein kleiner Blick in die Wirtschaftsgeschichte: Kriegsinflationen, Staatsbankrotte und Währungsausfälle III: Wie die Römer ihre Wirtschaft ruinierten (Teil 2)

by Marsman on 22. März 2011

Dieser Beitrag setzt den ersten Teil zur kleinen römischen Wirtschaftsgeschichte fort.

Ab dem zweiten Jahrhundert wurde die Frage der Finanzierung zunehmend dringender. Viele Steuersubjekte waren ganz einfach ihre Steuern schuldig geblieben. Hadrian versuchte es 118 mit einer Steueramnestie in der Erwartung, dass die Amnestierten dafür doch ihre restlich verbliebenen Steuerschulden zahlen würden. Es half nichts. Viele waren ganz einfach nicht in der Lage überhaupt, etwas zu zahlen. Der Staat wurde repressiv. Entsprechende Gesetze und Verordnungen wurden erlassen, wie auch das Personal dafür entsprechend erhöht wurde. um mit Zwangsmaßnahmen dem Staat zu Einnahmen zu verhelfen.

Hunger, unerträgliche Zwangsarbeit und Polizeistaat

Es entstand eine Art Polizeistaat inklusive Spitzeln und Informanten, Bütteln und Schergen, die skrupellos vorgingen. Konnte ein Bauer, ein Geschäftsmann seine Steuerschulden nicht bezahlen wurde ganz einfach sein Besitz konfisziert. Es entstand eine Art Gestapo- oder Stasi- Staat, der rücksichtslos vorging. Als weitere Zwangsmaßnahmen kam dann noch hinzu, dass der Staat die völlig verarmten Leute, die nicht in der Lage waren die ihnen auferlegten Steuern zu zahlen, zur Zwangsarbeit verpflichtete. Aus vielen verarmten Leuten wurden so Leibeigene des Steuerstaates, die obendrein noch Misshandlungen erdulden mussten, wenn sie versuchten, ihrer Situation zu entkommen. Es wurde ihnen verboten ihren Aufenthaltsort, an dem sie als Steuersubjekte registriert waren zu verlassen. Kaiser Constantin (284 – 305) erließ dazu folgendes Dekret:

"Any person in whose possession a tenant that belongs to another is found not only shall restore the aforesaid tenant to his place of origin but also shall assume the capitation tax for this man for the time that he was with him. Tenants also who meditate flight may be bound with chains and reduced to a servile condition, so that by virtue of a servile condemnation they shall be compelled to fulfill the duties that befit free men." (Jones, Vol 2, 312)

Der Historiker Albert A. Trever spricht denn auch zurecht von:  “the relentless system of taxation, requisition, and compulsory labour was administered by an army of military bureaucrats… Everywhere … were the ubiquitous personal agents of the emperors to spy out the remotest case of attempted strikes and evasion of taxes”.

Das römische Reich wurde zu einem Kerker für viele Menschen. Ein Zustand den der Historiker Michael Grant so zusammenfasste:

"So throughout the last two centuries of the Roman world there was a fearful and ever-increasing loss of personal freedom for all, except the very rich and powerful. Ever since the arch-regimenter Diocletian declared that ‚uncontrolled activity is an invention of the godless,‘ each of the leading rulers in turn hammered the nails in more fiercely. The Roman Empire had become a prison: or a military camp in a perpetual state of siege, where each man was assigned a place he must not desert. And his descendants must not desert it either. " (Grant, p. 89)

Begonnen hatte die Verschärfung der Zwangslage mit den Reformen Diocletians (284 – 305). Nach dem Zusammenbruch der Geldwirtschaft ging der Staat dazu über, aus den Beschlagnahmungen ein permanentes System zu machen. Die Armee gab ihren Bedarf nicht mehr in Geldwert bekannt, sondern in detaillierten Auflistungen der einzelnen Güter und Leistungen, zum Beispiel genauen Angaben wie viel Fleisch, wie viel Mehl, Brot, Öl, benötigt wurden. Und dies wurde dann den Steuersubjekten als Leistung vorgeschrieben und entsprechend rigoros von ihnen geholt. Dasselbe galt für Arbeitsleistungen und Dienstleistungen, zu denen auch administrative und organisatorische Tätigkeiten gehörten. Die Leute wurden ihren Fähigkeiten entsprechend  eingesetzt. Alles und jedes wurde registriert und inventarisiert. Jedes noch so kleine Feld wurde sorgfältig registriert und die Abgaben dazu festgestellt.

Die Wirtschaftsgeschichte ist ein  Krimi

Die Steuerbelastung verdoppelte sich in den fünfzig Jahren nach Diocletian. Alles was damit erreicht wurde war nicht eine Vermehrung der Einnahmen, sondern nur noch eine immer ärger werdende Misere der Wirtschaft. Viele kleine Bauern verloren ihren Besitz, endeten landlos, ihr ehemaliges Land lag schließlich brach. Der einst blühende Handel kam so ebenfalls nahezu zum Erliegen, viele Händler und Kaufleute und deren Geschäfte und Marktplätze verschwanden ganz einfach. Dafür gab es sehr viele Obdachlose, Menschen, die alles verloren hatten und bettelnd, stehlend, manchmal plündernd, durchs Land zogen. Es dürfte wohl vielfach auch regelrechte Hungernöte gegeben haben, die zum teilweisen Aussterben der Bevölkerung mancher Städte und Gebiete führte. Wirtschaftliche Umstände, die schließlich auch dazu beitrugen, dass keinerlei Loyalität übrig blieb und die Bewohner den einrückenden feindlichen Armeen keinen Widerstand leisteten, ja diese oft auch noch willkommen hießen. (Jones, Vol. 2)

Das Ende des Reiches ergab sich schließlich dadurch, dass sich die Armee auflöste. Sie konnte nicht mehr bezahlt werden und es dürfte schließlich auch am fehlenden Nachschub in Naturalleistungen gelegen haben, dass  damit dieses Kernelement zu bestehen aufhörte. Die Armee musste neue Soldaten ohnehin aus entfernten Gebieten anwerben, Leute, die keine römischen Bürger waren. Der Grund dafür lag darin, dass die jungen Männer des  römischen Reiches nicht fit und kräftig genug waren für die Armee. Der Untergang dieses Reiches dürfte deswegen wohl für Pathologen ein Krimi, ein Wirtschaftskrimi, sein. Da gäbe es noch einiges aufzuklären, zu erforschen. Beispielsweise die Lebenszeit, Daten darüber in welchem Alter die Leute allgemein verstarben. Die Lebenszeit dürfte, so wie im Mittelalter, eher kurz gewesen sein. Der Zusammenbruch einer Geldwirtschaft bedeutet einen Rückgang der Anzahl der Transaktionen, des Tausches von Gütern und Leistungen, zum Teil so gering, dass Menschen ihre Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigen können. Wenn immer so was passierte, schlichen mit Haut überzogene Skelette durch die Landschaft. Die kannten lebenslang nur Hunger. Natürlich ist unter solchen Umständen kaum jemand fit für die Armee. Die einfallenden Barbaren dürften wohl erheblich mehr Gewicht auf die Waage gebracht haben, um sehr viel besser ernährt gewesen sein als der Großteil der römischen Bürger.

Edward Gibbon, der britische Historiker, stellte 1776 recht gescheit fest, dass das eigentlich Erstaunliche nicht der Ruin dieses Reiches war, dieser musste zwangsläufig der wirtschaftlichen Verhältnisse kommen, sondern dass es so lange gedauert hatte bis es damit zu Ende war.

Abschließend noch ein Blick auf einen anderen Aspekt jener Zeit, der untrennbar mit der Geschichte verbunden ist, nämlich die Propaganda. Die Spin-Doktoren stehen den heutigen in eigentlich nichts nach, einzig die technischen Mittel haben sich verändert. Zudem sind deren "Leistungen" und Erfolge auch traditionelles Erbe.

P. M. Taylor schrieb dazu:

"War propaganda came of age under the ancient Greeks. Henceforth, it was conducted with growing sophistification. The Greeks had recognized the need for propaganda to galvanize and inspire their citizen-soldiers and articulated its role within a civilized society. They appreciated the importance of public works and as a psychological means of encouraging pride and popular loyalty and understood the need for censorship and propaganda to promote public support for specific military campaigns."  (S. 34)

Die Römer, den gleichen Bedarf an Propaganda erkennend, mussten völlig neu beginnen. Taylor dazu:

"Rome lacked the rich mythological sources available to Greek propagandists, so it created a mythology of its own to provide examples for its citizens to emulate. Indeed, the Romans were exceptional creators of mythological propaganda and their writings tell us more about their contemporary Roman attitudes than they do about the actual historical record. One story stated that Rome was founded by survivors of Troy and the very best aristocratic families claimed to be able to trace their lines back to the arrival of those founding fathers. The other, better known, story was that Rome was founded by Romulus and Remus, born of a virgin, orphaned by murder, and reared by a wolf …"  (S. 36)

Cäsar wurde schließlich zum alle überragenden Spin-doctor, dessen Propaganda noch bis in die Gegenwart wirkt. Es war als erfolgreicher Feldherr stets siegreich und inszenierte sich meisterhaft. Taylor erzählt diese Geschichte, wie auch das worauf es den Römern dabei immer wieder ankam:

"Throughout the period of the Roman Empire, successive Roman Emperors pepetuated an elaborate pretence: that Rome was still ruled by the people and by the Senate when it was in fact  ruled more  in the style of Rome’s founding kings, as a Principate. Augustus sponsored poets and writers, Virgil and Horace among them, to help him in his task. Pliny eulogeuzid Trajan  in AD 100 for not courting blatant propaganda: "Respects are paid to you in serious poems and the eternal renown of chronicled history, not in short-lived publicity. Indeed, the greater the silence on the stage about you, the more united the theatre audiences are to pay you their respects."  Such eulogies were, themselves, an ideal medium of imperial propaganda and display a recognition of the principle that it is always better to get someone else to sing your praises than to do it yourself." (Taylor, p. 46)

Abschließend möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass es sich hierbei eine radikale Verdichtung dieser Geschichte handelt, nur das im Rahmen des Themas Wesentlichste konnte gewählt werden. Angesichts der Vielfältigkeit der Materie, wie auch der Reichhaltigkeit der Literatur fast ein barbarischer Akt.

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Literatur:

A. H. M. Jones: The later Roman Empire, Vol. 2,  A social, economic and administrative survey. John Hopkins University, 1986

A. H. M. Jones: The Roman Economy, Rowman and Littlefield 1974

Michael Grant: The Fall of Roman Empire, 1997

Michael Rostovtzeff: The Past as Prologue

Michael Rostovtzeff: The Social and Economic History of the Roman Empire, (Biblo-Moser 1926), Oxford University Press, USA 1986

Philip M. Taylor: Munitions of the Mind. A history of propaganda from the ancient world to the present day

sekundär:

Eine sehr unterhaltsame Zusammenfassung der Schwerpunkte römischer Propaganda, mit Anspielung auf die Gegenwart, verfasst Neill Faulkner, britischer TV Präsentator.

Aus den Todesursachen der römischen Kaiser ergibt sich  eine recht interessante Einsicht in die teils sehr stürmischen politischen Zeiten.

Weil vielleicht interessant, hier die Wiki Einträge zu den beiden Pionieren der antiken Wirtschaftsgeschichte, Michael Rostovzeff und A. H. M. Jones. Der erste Historiker, der auf diesen Teil der Geschichte einging, war Edward Gibbon , der bedeutendste britische Historiker seiner Zeit, 1776/1781, 3 Bände (Buchzitat unten). (Die Schubladisierung in der Welt der Akademia ist ja bekannt. Manchmal nimmt das freilich nahezu Züge an. Das was etwa bei Wirtschaftshistorikern Haushaltsnamen sind, mehr als zur Genüge bekannt ist, ist gleich nebenan, etwa bei den betriebswirtschaftlichen Abteilungen, völlig unbekannt.) Persönlich würde ich bei weitergehendem Interesse A. H. M Jones: The later Roman Emprie, Bd. 2, empfehlen.

Münzverschlechterung: wurden immer wieder praktiziert, derlei Form von Betrug konnten nur wenig Könige, Kaiser, Regierungen in ihrer Funktion als Währungshoheit widerstehen.

Chown: "It is a modern fallacy that monetary debasement is disease of paper money. The history of coined money is a history of intermittent and from time to time dramatic fall in value. The reason is not hard to find." …. "Debasement, as generally understood, is the practice of rulers gradually to reduce the precious metal contents of the coins they issued under their so-called guarantee. There was thus created a widening premium to be made on issuing the coinage. This might be achieved relatively honestly, by increasing the seigniorage, or by deception. The trick could be achieved in one of three ways. The simplest but easiest to detect was to reduce the weight of the coins. More subtly, the ruler could keep the weight the same but increase the amount of non-precious alloy, thereby reducing the fineness. This couldbe detected on by assay. The goldsmiths and merchants, but only they, could quickly spot what was going on. A third method (only possible when the concept offiat money is firmly established) is to "cry up" the value of an existing coin -  decreeing that it would henceforth pass for a higher value." … (p. 10)

John F. Chown: A history of money: from 800 AD, 1994

Edward Gibbon: The History and Decline of the Roman Empire, 1776/1781, urspr. 3 Bände, (in dem erstmals die römische Wirtschaftsgeschichte beachtet und kritisch betrachtet wurde, die richtigen Fragen dazu gestellt wurden, womit Gibbon der Vorreiter moderner Wirtschaftshistorik wurde) ist im Project Gutenberg frei zu haben.

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