Warum das Unglück in Japan definitiv kein „Schwarzer Schwan“ war

by Dirk Elsner on 21. März 2011

imageÜber 153.000 Treffer weisen bei Google die Sätze aus „Damit hat niemand gerechnet“  oder “Niemand hat damit gerechnet”. In der öffentlichen Debatte über die Atomkatastrophe in Japan hörte man in den vergangenen Tagen verdächtig oft diese Aussage. Zu oft. Bundeskanzlerin Angela Merkel begründete die “Atomwende” der Regierung am vergangenen Donnerstag im Bundestag u.a. mit dem Satz: “Wenn das so ist, wenn also in einem so hoch entwickelten Land wie Japan das scheinbar Unmögliche möglich, das absolut Unwahrscheinliche Realität wurde, dann verändert das die Lage.”

Sie und andere behaupten, die Kettenreaktion aus Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe hätte niemand so voraussehen können. Genauso wenig sei vorhersehbar gewesen, dass nahezu alle Sicherheitsmechanismen in der Kernenergieanlage von Fukushima (hier die Lage lt. Google Maps), versagen. In einigen in diesen Tagen veröffentlichten Beiträgen (siehe unten) wird sogar behauptet, hier handele es sich um einen “Schwarzen Schwan”, also ein Ereignis, das es eigentlich nicht geben sollte und mit dem niemand rechnet.

In diese Richtung argumentiert auch Gabor Steingart im Handelsblatt, der in dem sehr lesenswerten Beitrag “Die Ankunft des Schwarzen Schwans” die japanische Katastrophe als Schwarzen Schwans sieht. Steingart schreibt: “Das Gegenstück zum „Restrisiko“ der Kraftwerksbetreiber war das „systemische Risiko“ des neuen Banksystems. Beides rief den Schwarzen Schwan auf den Plan. “

Das Unglück in Japan (hier eine eine ausgezeichnete Zusammenfassung der Probleme im Physik Blog) ist tragisch und katastrophal. Es war aber mit Sicherheit kein Schwarzer Schwan, selbst wenn das diverse renommierte Autoren behaupten. Sie haben das Konzept des Schwarzen Schwanz nicht verstanden.

Populär gemacht hat die Denkfigur des Schwarzen Schwans, die auf den Philosophen Karl Popper zurückgeht, der Risikoforscher und Philosoph Nassim Nicholas Taleb mit seinem gleichnamigen Buch (gute Zusammenfassung hier bei weissgarnix). Tatsächlich war das Unglück im Kernkraftwerk von Fukushima gerade deswegen kein Schwarzer Schwan, weil die Risiken der Kernenergie nicht zuletzt Dank der Anti-AKW-Bewegung seit Jahrzehnten bekannt sind. Jedenfalls lässt sich bei einem Atom-GAU nicht damit argumentieren, es handele sich um ein Ereignis, mit dem niemand rechnen konnte, andernfalls würde es diesen Begriff des GAU (und was ist eigentlich einer Super-GAU?) und die vielen Sicherheitsmaßnahmen gar nicht geben. Elegant hat dies Volker Zastrow gestern in der FAS ausgedrückt:

“Das illustriert ihr Satz, in Japan sei das „Unmögliche möglich“ geworden – eine absurd romantische Wendung; wobei niemand die Bundeskanzlerin für naiv genug halten kann, dass sie nicht wüsste, was in Japan geschehen ist: Nicht das Unmögliche ist möglich, sondern das Mögliche ist wirklich geworden.”

Es lässt sich freilich auch mit Taleb argumentieren, analog zur Finanzkrise 2007 bis 2009. In seiner 2. Auflage zum “Schwarzen Schwan” (in Deutschland als Buch “Konsequenzen aus der Krise” erschienen) schreibt er (S. 24): Die Krise von 2008 “war zwar alles Mögliche, aber kein Schwarzer Schwan, sondern lediglich das Ergebnis der Fragilität von Systemen, die auf Nichtwissen im Hinblick auf das Konzept der Ereignisse vom Typ des Schwarzen Schwans – und seiner Leugnung – aufgebaut waren. Wir wissen ja mit Sicherheit, dass ein von einem inkompetenten Piloten geflogenes Flugzeug irgendwann abstürzen wird.”

Die Finanzbranche stellt die Finanzkrise ebenfalls gern als ein Ereignis dar, mit dem “niemand” rechnen konnte (exemplarisch hier durch Reinhold Hafner, Geschäftsführer von risklab GmbH, einer Tochter von Allianz Global Investors). Das ist Unsinn, wenn man sich klarmacht, dass das Konzept der Gauss’schen Glockenkurve mit ihrer Normalverteilung gerade nicht zu der Art von Risiken auf Finanzmärkten und der Natur anwendbar ist. Dieses Konzept blendet bekanntlich Extremwerte mit einer großen Wirkung einfach aus, so dass diese Modelle seltene Ereignisse falsch einschätzen. Große Abweichungen treten aber immer dann auf, wenn Komplexität und Abhängigkeiten besonders hoch sind.

Taleb zitiert in seinen Notes (#142) aus offiziellen japanische Papieren: “The Japanese Nuclear Commission had the following goals set in 2003: “ The mean value of acute fatality risk by radiation exposure resultant from an accident of a nuclear installation to individuals of the public, who live in the vicinity of the site boundary of the nuclear installation, should not exceed the probability of about 1×10^6 per year (that is, at least 1 per million years)“.

Taleb schreibt weiter in seinen Notes: “Kleine Wahrscheinlichkeiten sind in der Regel unberechenbar; je kleiner die Wahrscheinlichkeit, desto weniger berechenbar sind sie. Modellfehler bewirken, dass die kleinen Wahrscheinlichkeiten in Modellen unterschätzt werden.” Er fügt hinzu: “If you compute the frequency of a rare event and your survival depends on such event not taking place (such as nuclear events), then you underestimated that probability.”

Die Frage, ob die japanische Krise ein Schwarzer Schwan ist oder nicht, mag philosophisch sein. Ich jedenfalls folge den Beiträgen nicht, die behaupten, mit so einer Katastrophe habe niemand rechnen können. Allenfalls hat niemand mit der in Deutschland entfachten Hysterie und der opportunistischen “Atomwende” rechnen können.

Der Öffentlichkeit wird damit genau so viel Unsinn vermittelt, wie während der die Finanzkrise, die angeblich aus heiterem Himmel über die Welt herein brach. Aber auch wenn die Katastrophe von Japan im Sinne von Taleb kein Schwarzer Schwan war, hilft das Ereignis vielleicht ein neues Bewusstsein für Risiken zu schärfen. In Deutschland glaubten wir ja nach der Überwindung der Wirtschaftskrise an den ewigen Aufschwung, der frei von allen Risiken ist. Harald Welzer dazu ebenfalls in der FAS von gestern:

“Der GAU in Japan hat für den Augenblick auch die Gewissheit kontaminiert, in der besten aller denkbaren Welten zu leben, in einer Welt des unaufhörlichen Fortschritts, die sich selbst von den Zwängen der Natur und damit der Endlichkeit befreit hatte. Dass ein Land fast ohne Rohstoffe die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sein kann, schien uns ja schon lange nicht mehr als Absurdität, sondern als eine Selbstverständlichkeit. Im Augenblick des Desasters blitzt schlaglichtartig auf, dass so etwas wohl nur auf kurze Sicht möglich ist. Auch die Kernenergie entbindet nicht von der trivialen Tatsache, dass die Grundlage des Überlebens immer die Beziehung von Mensch und Umwelt ist.”

Die Frage ist freilich, wie lange das Umdenken bei uns anhält. Nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte im Herbst 2008 hatte das Innehalten über die besondere Fragilität der Märkte eine Halbwertzeit von gerade einmal einem Jahr gehabt. Das dürfte im Falle des japanischen Dramas nicht anders sein, leider. An diesem Wochenende haben bereits andere Schlagzeilen die Katastrophe im fernen Osten verdrängt. Während Japan Hoffnung im Kampf gegen Gau schöpft, wendet sich die Medienaufmerksamkeit dem nächsten Schlachtfeld zu. Und das heißt derzeit Libyen.

PS

Eine ausführliche Sammlung von Beiträgen verschiedener Autoren zum Thema Risikomanagement, Zufall und Komplexität gibt es auf der Seite des Blick Logs Risikomanagement und Zufall.

Beiträge zu Schwarzen Schwänen, Risiko und Japan

NZZ-Video: Schwarze Schwäne (18.3.11): Seitenweise Wirtschaft: Spezialsendung

DW: Japan verunsichert die Weltwirtschaft  (18.3.11): Der „Schwarze Schwan“ steht für etwas Unvorstellbares, das doch Realität geworden ist – wie die Katastrophe in Japan. Für die Weltwirtschaft, vor allem aber für China, bedeutet er nichts Gutes.

FAZ: Atomdebatte – Wie wahrscheinlich ist die Katastrophe? (20.3.11): Mit Risiken können die Menschen schlecht umgehen. Kaum einer hat ein Gefühl für Wahrscheinlichkeiten. Deshalb siegt das Gefühl über den Verstand. Und am Ende regiert die Panik.

HB: Katastrophen:Die Ankunft des Schwarzen Schwans (18.03.11): Das Finanzbeben und die Kernschmelze in Japan haben nicht nur die Welt verändert, sondern auch unsere Wahrnehmung von ihr. Ein Kommentar von Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart.

Tagesspiegel: Wahrscheinlichkeit – Der Schwarze Schwan und das Risiko (13.3.11): Gerade dort, wo besonders auf Risiken geachtet wird, ist die Gefahr am größten, sagt der Risikoforscher und Mathematiker Nassim Taleb. Zur Wahrscheinlichkeit von Katastrophen.

Investor: Ereignisse in Japan – auch ein „schwarzer Schwan“

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