Börsengang von Glencore: Die „Schattenmacht“ als Kapitalstaubsauger

by Dirk Elsner on 19. Mai 2011

Heute feiern die Kapitalmärkte den ersten Teil des globalen Börsengangs des weltweit größten Rohstoffhändlers Glencore aus der Schweiz (aktuelle Information zur heutige  Erstnotiz hier in der FTD). Ob es für die Zeichner der Anteile langfristig etwas zu feiern gibt, wird man noch sehen (aktuelle Preise gibt es hier). In jedem Fall können die Alteigentümer ein Fass aufmachen, denn in ihre Taschen fließt zunächst einmal ein Großteil des Emissionserlöses der Börsengänge in London (heute) und Hong Kong (25. Mai).

Dem Management von Glencore Management ist es tatsächlich gelungen, alle Aktien für London trotz Preisrutsch an den Rohstoffmärkten zu platzieren. Die Emission, die Einnahmen von umgerechnet bis zu 7,4 Mrd. Euro in die Kassen spülen soll, ist nach Presseberichten mehrfach überzeichnet. Erstaunlich finde ich die erfolgreiche Platzierung, weil das Unternehmen, glaubt man den Berichten in der Wirtschaftspresse, nicht gerade als besonders informationsfreudig aufgefallen ist. Das Handelsblatt bezeichnet Glencore als “Schattenmacht”, die vor allem eines gut kann: schweigen (Printausgabe vom 13.5.). Spiegel Online schreibt über Probleme, die den bisher verschwiegenen Managern der Börsengang bereitet. Sven Prange vom Handelsblatt scheint der Börsengang suspekt zu sein. Er schreibt u.a.:

“Warum will ein Mann, der die Öffentlichkeit scheut wie ein Lurch das Tageslicht, ein Unternehmen, das seit jeher im Verborgenen arbeitet und gerade dadurch erfolgreich ist, unbedingt an die Börse bringen? „Wir wollen die Flexibilität öffentlicher Märkte zur Finanzierung nutzen, um zu wachsen“, sagt einer aus dem Glencore-Führungszirkel dem Handelsblatt – übliche unkonkrete Börsengangprosa.

Eine andere, einfache Antwort könnte auch lauten: Glasenberg und die knapp 500 Manager, denen das Unternehmen gehört, wollen Kasse machen. Zudem kursiert eine etwas kompliziertere Erklärung in der Rohstoffbranche und in verschiedenen Banken: Das Unternehmen braucht das Geld, um keine Probleme zu bekommen. “

Ob das die richtigen Voraussetzungen für eine nachhaltige Kursrally sind, darf also bezweifelt werden. Ohnehin sieht die Performance von IPOs (Initial Public Offerings) im Verhältnis zu den bereits an der Börse notierten Werten nicht besonders gut aus, wie mehrere Wissenschaftler in einer bereits 1999 erschienenen Studie festgestellt haben (On the Long-Run Performance of IPOs, pdf). Eine Begründung für diese unterdurchschnittliche Entwicklung suchen Wissenschaftler oft in agencytheoretischen Ansätzen und der asymmetrischen Informationsstruktur (vgl. dazu Agency-Probleme und Performance von Initial Public Offerings).

Warum die Aktie, die nach meiner Meinung ein Musterbeispiel für eine Spread-Spekulation (Aktien short, Rohstoffindex long) werden dürfte, dennoch so reissenden Absatz findet, kann nur mit ihrer Bedeutung für passive Anlagestrategien bzw. Investmentfonds, deren Anlagepolitik sich an einem Index orientiert, erklärt werden. Tatsächlich ist schon vorab ein Drittel der Emission für Fondsgesellschaften und Staatsfonds reserviert worden, wie die NZZ notiert.

Da die Aktie in FTSE-100-Index aufgenommen wird und vermutlich in zig anderen Indizes landen wird, an denen sich Investmentfonds und Exchange Traded Funds orientieren, entsteht automatisch ein Nachfragesog nach diesem Titel. Die Aufnahme in einen Index generiert also fast automatisch eine bestimmte Mindestanzahl an Abnehmern, die den Titel blind und ohne fundamentale Begründung gem. ihren Anlagebedingungen erwerben (müssen). Für die Gesellschaft, deren Umsatz 2010 um 36% auf 144,9 Mrd. US-Dollar und Vorsteuergewinn von 3,3 auf 5,3 Mrd. US-Dollar geklettert ist (Quelle Aktiencheck), ist das natürlich komfortabel. Ob die Aktie, wie das jetzt natürlich viele Analysten behaupten, weiter so dynamisch wächst, interessiert dabei im Zweifel nicht. In jedem Fall ist es erstaunlich, dass die Gesellschaft mit einem ca. 10-fachen EBITDA bewerten soll.

Ich bin kein Analyst und kann und will die Qualität der 1.637 Seiten des Emissionsprospektes nicht beurteilen. Bei mir bestärken solche Emissionen aber  Zweifel an Indexinvestments, weil sie prozyklisch alles kaufen, was in dem entsprechendem Vergleichsindex enthalten ist. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag.

Nachtrag vom 24.5.11

Das Handelsblatt hat heute eine erste Zwischenbilanz der ersten Handelstage gezogen und wertet: „Glencore enttäuscht auf Londons Börsenparkett

Weitere Literaturhinweise:

Wolfgang Drobetz et al.: Long-Term Performance of Initial Public Offerings: The Evidence for Switzerland, Working Paper 2005.

Stefan Neuhaus / Ralf Schremper, Langfristige Performance von Initial Public Offerings am deutschen Kapitalmarkt, Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung 5/2003

Presseberichte zur Glencore-Emission

NZZ: Glencore hofiert die prominenten Paten. Umsatzstärkster Schweizer Konzern gibt Konditionen für den Börsengang bekannt

NYT-Dealbook: Glencore to Emerge From Shadows With I.P.O.

Spon: Glencore-Börsengang. Das Geheimnis des Rohstoffgiganten. Ein schillernder Gründer, diskrete Geschäfte und satte Milliardengewinne: Der Rohstoffkonzern Glencore ist das größte Unternehmen der Schweiz, jetzt drängt es an die Börse. Den bisher so verschwiegenen Managern beschert das Probleme – und der Öffentlichkeit Einblicke in eine verborgene Welt.

Wirtschaftsblatt: Analyse: Bei Glencore kauft man einen teuren Hype. Es ist der Blockbuster-Börsengang des Jahres. Wenn der Schweizer Rohstoffhändler Glencore International AG im kommenden Monat das IPO in London wagt, könnte das Unternehmen mit mehr als 60 Mrd. Dollar bewertet werden.

Goldinvest: Rekord-IPO in London  Glencore – Starke Nachfrage nach den Aktien

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