Schuldenkrise und Griechenland: Raider heißt schon lange Twix und Umschuldung jetzt „Neuprofilierung“

by Dirk Elsner on 18. Mai 2011

Ja, ich weiß, ich wollte gar nichts mehr über Griechenland und die Euro-Schuldenkrise schreiben solange die Desinformationspolitik der EU anhält. Aber nach monatelangen Dementis hat nun die EU-Kommission endlich eingeräumt, dass man an einer Umschuldung Griechenlands nicht vorbei kommt und dafür ein neues Wort gefunden.

Wir könnten jetzt gehässig sein und uns darüber amüsieren, dass Mr. Europa Jean-Claude Juncker die Neustrukturierung der Verbindlichkeiten nicht Umschuldung nennt, sondern Neuprofilierung und vor eineinhalb Wochen noch Gespräche dazu verleugnet hat. Aber diesen Zynismus halte ich angesichts der Bedeutung dieses Vorgangs nicht für angemessen.

Neben der Neuprofilierung geistert in den Medien das Schlagwort von der “sanften Restrukturierung” herum. Raider heißt schon lange Twix und die Umschuldung heißt zwar Neuprofilierung, bleibt aber eine Umschuldung (in der Finanzsprache Haircut). Alle mehr oder weniger freiwilligen Vereinbarungen, die die Bedingungen der Rückzahlungen von Verbindlichkeiten ändern, bleiben aus Sicht des Gläubigers eine Umschuldung, weil sich für ihn der Wert seiner Forderungen reduziert.

Mehr gibt es zu dem Thema aus Sicht des Blick Logs heute nicht zu schreiben. Die vielen Details zum Stand der Überlegungen und Verhandlungen lassen sich unmöglich kommentieren, weil sie schlicht nicht bekannt sind. Die Wirtschaftspresse wird dagegen so ziemliche jede Spekulation in den nächsten Tagen detailiert kommentieren und kann dies viel kompetenter erledigen. Neue Beispielberechnungen werden ich liefern, wenn Details bekannt sind. Bis dahin verweise ich auf zwei Artikel, in denen ich verschiedene Haircut-Varianten probeweise durchgerechnet habe.

Persönlich hat mich zwar das lange Herumeiern genervt, ich habe allerdings Verständnis für die Hängepartie, weil ich aus der Unternehmenspraxis die Erfahrung gemacht habe, dass es im Fall von Umschuldungen stets darauf ankommt, mit einem klaren und realistischen Konzept in die Gespräche zu gehen, andernfalls kann so etwas tödlich enden.

Ob wir aktuell schnell Klarheit bekommen, bezweifele ich allerdings, denn schon hat sich der griechische Präsident zu Wort gemeldet und eine Umschuldung abgelehnt. Ich glaube dennoch, dass das Gerede von der sanften Umschuldung nur der rhetorische Einstieg in einen umfassenderen (und notwendigen) Haircut sein wird, der nicht nur an Zinslasten und Zahlungstermine pinselt, sondern auch die Kernforderungen streicht. 

Nachtrag

Jens Berger hat heute einen sehr empfehlenswerten Beitrag auf den NachDenkSeiten unter dem Titel „Spiel auf Zeit – wie Griechenlands Schulden verstaatlicht werden„. Darin auch zahlreiche statistische Daten zum Umfang der griechischen Staatsschulden und der Gläubigerstruktur.

Blick in Presse und Blogs zur Schulden- und Eurokrise

HB: „Sanfte Restrukturierung“:Euro-Länder tüfteln an neuem Rettungsplan für Athen (17.05.11): Lange zögerten sie, nun wollen die Euro-Länder den Niedergang des hoch verschuldeten Griechenlands stoppen. Doch die EZB mauert gegen einen neuen Rettungsplan, den es so noch nicht gab.

FAZ:  Griechenland – Annäherung an das U-Wort: Eine Umschuldung für Griechenland schließen die EU-Finanzminister weiter aus. Dafür ist jetzt von „Reprofilierung“ die Rede – einer Umschuldung auf die sanfte Art. Beschlossen ist aber auch die noch nicht.

Egghat: Umstrukturierung griechischen Schulden vom Tisch (haha): Schon eine verdammt coole Aussage der französischen Finanzministerin Lagarde: Die Restrukturierung der griechischen Schulden sei vom Tisch. Und das nach gefühlter tausendfacher Wiederholung der Ausssage, dass man über eine Restrukturierung der griechischen Schulden nie nachgedacht habe (siehe z.B. Keine Umschuldung, kein Euro-Austritt, kein Geheimtreffen – egghat’s not so micro blog). Hat man scheinbar doch …

FAZ: Schuldenkrise – EU plant „sanfte Umschuldung“ für Griechenland: Die EU und der Internationale Währungsfonds müssen dem überschuldeten Griechenland voraussichtlich abermals helfen. Die EU-Staaten sind aber uneins darüber, auf welche Weise Athen Luft verschafft werden könnte. Als wahrscheinlichste Lösung gilt derzeit eine sogenannte sanfte Umschuldung.

acemaxx-analytics: Euro-Krise: Wie die EZB Staatsanleihen behandeln soll: Im Anschluss an seinen Beitrag über die drei Fehler, die von der EZB begangen worden sind, unterbreitet Jeff Frankel nun in seinem Blog einen konkreten Vorschlag, wie die EU mit Schuldtiteln der Mitgliedsstaaten umgehen soll.

creditwritedowns: Greece needs a strategic plan: The European finance ministers approved an aid package for Portugal. Ireland is still seeking better terms. Although France’s effective corporate tax rate is lower than Ireland’s, Sarkozy is reportedly refusing to sanction some easier terms (lower rates extension of maturities on the aid package) unless Ireland makes a compromise on its taxes. Greece’s situation is far from clear. It is now appreciated that Greece will not be able to return to the capital markets as envisioned in last year’s aid package. While something needs to be done, a consensus has not emerged, except that more effort on the part of Greece is necessary

FTD: Euro-Krise – Griechen sollen „light“ umschulden: „Haircut“: Mit diesem brutal klingenden Begriff wird oft ein Schuldenschnitt bezeichnet. Euro-Gruppen-Chef Juncker spricht nun von „Reprofiling“. Eine Analyse des Begriffs und der Folgen für Griechenland, die Euro-Zone und die Finanzmärkte

Alphaville: The Greek re-profiling mess: FT Alphaville has been there, done that on calling a ‘voluntary’ Greek debt maturity extension.

HB: Währung unter Druck:Enttäuschte Spekulanten lassen den Euro fallen: Innerhalb kurzer Zeit hat Europas Währung gegenüber dem Dollar kräftig an Wert verloren. Die Investoren sind alarmiert. Experten plädieren nun für eine radikale Lösung, um den Euro zu retten.

Project Syndicate: Kredite und Gebete: Auf den gemeinsam als PIIGS-Staaten bekannten Ländern – Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien – lasten immer schwerer zu tragende öffentliche und private Schulden. In einigen besonders stark betroffenen Ländern – Portugal, Irland und Griechenland – kletterten die Zinskosten in den letzten Wochen auf Rekordstände, selbst nachdem ihr Verlust eines Zugangs zum Markt zu von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds finanzierten Rettungsaktionen geführt hat. Und auch die spanischen Zinskosten steigen.

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