Systemkritik wird lauter: Ein Problem ist Macht statt Markt

by Dirk Elsner on 29. August 2011

Am vorvergangenen Freitag hat Torsten Riecke in der Printausgabe des Handelsblatts im Beitrag „Die Rettung kommt nicht von der Linken“ (leider bisher nicht online) dort angeknüpft, wo Frank Schirrmacher vorletzten Sonntag mit seiner Systemkritik („Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“) aufgehört hat.

Der Kern der Kritik trifft nämlich gerade die Marktteilnehmer, die sich nicht an marktwirtschaftlicher Prinzipien gehalten, sondern die Schwerkraft des Marktes ausgehebelt haben.

Thorsten Riecke wagte sich aus der Deckung mit einer bodennahen Ursachenanalyse. Er kritisiert insbesondere die Aushebelung marktwirtschaftlicher Prinzipien durch Macht. So sei u.a. der Staat seiner Ordnungsaufgabe nicht nachgekommen und habe insbesondere den die Marktmechanismen außer Kraft setzenden Machtkonzentrationen nichts entgegengesetzt. Als Beispiele führt er den Mediensektor und den Finanzsektor an. Konkret schreibt er u.a.:

“Auch in der Finanzbranche setzt die Macht den Markt außer Kraft. Die Gehälter der Investmentbanker sind auch deshalb so hoch, weil die wenigen globalen Institute den Markt für Fusionen, Übernahmen und Börsengänge unter sich aufteilen können.”

Und damit endet die Systemkritik noch lange nicht. Ich habe den Eindruck, jetzt erreicht sie immer mehr die Ökonomie. In der FAS äußerte sich Steuerrechtler Paul Kirchhof im Interview:

“Scharfe Kritik äußerte Kirchhof an den Rettungsprogrammen für in Not geratene Euro-Staaten. „Wir werden aufgefordert Solidarität gegenüber Griechenland zu üben. Aber im Kern üben wir Solidarität gegenüber dem Finanzmarkt“, sagte er. Dort würden Forderungen und Beteiligungen mehrfach verkauft, und auf jeder Stufe gebe es Käufer und Verkäufer, Berater und Prüfer, Versicherer und Rückversicherer, „die alle ihren Staubsauger angestellt haben, um Gewinne abzusaugen“. Der Staat müsse dieses System zwar finanzieren, um die Augenblicksstabilität zu bewahren. Weil er das aber nur mit Geld tun könne, das er sich selbst am Finanzmarkt leihe, gerate er in immer größere Abhängigkeit von ihm.

Nur ein Beispiel aus jüngster Zeit, wie Macht statt Markt reagiert: Wer glaubt, die Ratingagenturen hätten sich geändert, den holt die FTD zurück in die Realität:

„Wie aus einem der FTD vorliegenden Moody’s-Rundschreiben von Anfang August hervorgeht, erwägt die Agentur in Einzelfällen, die staatliche oder anderweitige Unterstützung eines Instituts nicht mehr bei der Bonität zu berücksichtigen – es sei denn, das Land oder eine Kommune schließen selbst einen Ratingvertrag mit Moody’s ab. „

Der Ökonom Norbert Häring hat in seinem im vergangenen Jahr erschienen Buch “Markt und Macht” viele Fehlallokationen in der Wirtschaftspraxis durch Macht zusammen getragen und liefert in seinem Buch viele anschauliche Beispiele mit umfangreichen wissenschaftlichen Nachweisen dafür (Leseprobe hier).

Unterdessen hat die Debatte um die Systemkritik den Mainstream erreicht. Hauptbezug ist ein Beitrag im britischen Telegraph: I’m starting to think that the Left might actually be right vom konservativen Kolumnisten Charles Moore. In der vergangenen Woche ist die Debatte insbesondere über den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in Deutschland angekommen. Hier einige Linkhinweise dazu:

Ich denke, das was Schirrmacher und andere hier schreiben, ist sehr nachdenkenswert. Hier werden viele Punkte auf der Metaebene getroffen, die auch dieses Blog immer wieder herausgestellt hat, ohne freilich einen so elegant formulierten Rahmen zu liefern, wie es Schirrmacher getan hat.

Die Analyse der „Linken“ zu teilen, heißt aber noch nicht, die „linke“ Programmatik zu übernehmen. So weit gehen Schirrmacher und die anderen Autoren ebenfalls nicht. Vielleicht haben wir mittlerweile auch längst vergessen, was links und rechts ist. Für mich sind das längst überholte Denkkategorien, die nach 80ern klingen.

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