Auszug aus “Die Westerwelle”: Wir basteln uns ein paar Statistiken (1/2)

by Gastbeitrag on 18. September 2011

Heute geht es weiter mit dem vergangene Woche vorgestellten Buch “Die Westerwelle” (Link führt auf Amazon) von Michael Kaiser.

02 Wir basteln uns ein paar Statistiken

Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Sagen wir, zwei Jahre lang treffen sich Biertrinker und Biertrinkerinnen aus Düsseldorf, Köln, New York und Paris und tragen mit großer Begeisterung zahlreiche Sportarten wie Wetttrinken, Wettzapfen, Fässer stemmen, Gläser spülen, Geschmacksrichtungen erkennen aus, Du verstehst schon, was ich meine, die im ersten Jahr zu folgendem Medaillen Spiegel führen:

Medaillen Jahr 1

                             

Gold

Silber

Bronze

Düsseldorf                         

4

2

1

Paris                   

3

3

4

New York            

2

5

3

Köln                    

0

0

1

 

Das Ergebnis ist eine Hiobsbotschaft, Düsseldorf ist eindeutiger Sieger, Köln dagegen abgeschlagen letzter im Medaillenspiegel. Leider verläuft das zweite Jahr auch nicht wesentlich erfolgreicher, sondern weist folgendes Ergebnis auf:

 

Medaillen Jahr 2

                             

Gold

Silber

Bronze

Düsseldorf                         

3

2

6

New York                   

2

7

4

Paris            

2

4

9

Köln                    

1

1

1

 

Was ist jetzt zu tun? Ziel einer politisch verwertbaren Statistik muss es ja sein, Düsseldorf schnellstens die Führungsposition abzunehmen und Köln vom letzten Platz weg zu bringen. Jetzt gibt es eine Methode, die vor allem von Militärdiktaturen gerne zur Interpretation von Wahlergebnissen eingesetzt wird. Es ist nämlich durchaus möglich, durch das Ein pflegen geeigneter Rahmenbedingungen das Ergebnis zu verbessern. Ein erster Schritt wäre also, alle ausländischen Teilnehmer aus der Bewertung rauszunehmen, also dem Ganzen den Charakter einer deutschen Meisterschaft zu geben. Das sieht dann schon etwas besser aus: 

Medaillen Jahr 1

                             

Gold

Silber

Bronze

Düsseldorf                         

4

2

1

Köln                   

0

0

1

 

Medaillen Jahr 2

                             

Gold

Silber

Bronze

Düsseldorf                         

3

2

6

Köln                   

1

1

1

Aber das Hauptproblem bleibt: Düsseldorf liegt immer noch vor Köln, auch wenn Köln inzwischen Zweiter geworden ist. Wenn wir jetzt aber allen Teilnehmern, die keinen Dom haben, die Gold Medaillen aberkennen, nimmt das wahre Ergebnis des Wettbewerbs allmählich Konturen an:  

Medaillen Jahr 1

                             

Gold

Silber

Bronze

Düsseldorf                         

0

2

1

Köln                   

0

0

1

 

Medaillen Jahr 2

                             

Gold

Silber

Bronze

Düsseldorf                         

1

1

1

Köln                   

0

2

6

 

Im Jahr 2 ist Köln jetzt schon mal Sieger. Wenn alle Nicht Städte also Gemeinden oder Dörfer jetzt noch ihre Silbermedaillen verlieren, schaffen wir für das erste Jahr sogar noch ein Unentschieden. Und wenn dann noch eine Goldmedaille für den besseren Karneval zusätzlich vergeben wird, sieht das Ergebnis schon ganz gut aus:

 

 

Medaillen Jahr 1

                             

Gold

Silber

Bronze

Köln                         

1

0

1

Düsseldorf                   

0

0

1

 

Medaillen Jahr 2

                             

Gold

Silber

Bronze

Köln                         

2

1

1

Düsseldorf                   

0

0

6

Jetzt ist das Problem aber, dass böse Zungen von Manipulation sprechen könnten und außerdem macht es ja viel mehr Spaß, im Wettbewerb mit internationalen Teilnehmern zu siegen, statt von Disqualifikationen zu profitieren. Ist unsere Mission damit gescheitert? Nein. Glücklicherweise bietet uns die Statistik nämlich noch viel elegantere Möglichkeiten.

Betrachten wir also noch einmal das Ergebnis des zweiten Jahres. Die Zahlen sind aus Kölner Sicht leider natürlich immer noch unverändert geblieben. Also machen wir uns an die Arbeit:

                             

Gold

Silber

Bronze

Düsseldorf             

3

2

6

New York                 

2

7

4

Paris            

2

4

9

Köln                    

1

1

1

Versuchen wir also erst mal, Düsseldorf den Sieg zu nehmen. Natürlich bleibt diese Absicht unser Geheimnis, also behandle das bitte vertraulich. Offiziell – und so erklären wir das auch der Öffentlichkeit – wollen wir lediglich einen Mangel der bisherigen statistischen Auswertung beheben. Wenn nämlich vorrangig die Goldmedaillen gezählt werden, entsteht nach diesem Bewertungssystem die paradoxe Situation, dass ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin mit einer Goldmedaille und einer Bronzemedaille im Ergebnis besser abschneidet, als jemand, der oder die zwar ohne Gold, aber mit 430 Silbermedaillen im Gepäck nach Hause fährt. Wenn wir diesen Missstand beseitigend die Bewertung nicht nach der Anzahl der Gold Medaillen vornehmen, sondern den Sieg nach den insgesamt meisten geholten Medaillen vergeben, ergibt sich folgende Tabelle:

Paris

15

New York           

13

Düsseldorf         

11

Köln                   

3

Vorteil der Auswertung: Köln ist zwar immer noch nur Vierter, aber Düsseldorf ist jetzt schon mal auf den Vorletzten Platz zurück gefallen. Um sich die wohlwollende Unterstützung auch von weiteren Nicht Kölnern zu sichern, gibt es natürlich auch die Möglichkeit, New York zum Sieger zu machen. Auch diese Absicht bitte ich Dich natürlich vertraulich zu behandeln und komme damit wiederum zum offiziellen – nunmehr wissenschaftlich begründeten – Grund, warum die Methodik der bisherigen Auswertung in Frage zu stellen ist.

Wenn wir nämlich dem kritischen Einwand begegnen wollen, dass wir eben alle Medaillen gleich bewertet haben, was ja nicht über jeden Zweifel erhaben ist, denn im allgemeinen Verständnis werden Gold, Silber und Bronze durchaus sehr unterschiedlich empfunden, bietet sich ein Punkte Bewertungssystem an, Gold 3 Punkte, Silber 2 Punkte Bronze 1 Punkt.

Das führt uns jetzt zu folgender Tabelle:

New York        

24

Paris              

23

Düsseldorf   

19

Köln           

6

Das Problem ist nur, dass das Ergebnis von Köln immer schlimmer aussieht.

Betrachten wir also die Tabelle mit der Gesamtanzahl der Medaillen noch einmal, diesmal mit der Gesamtanzahl des Vorjahres in Klammern dahinter.

Paris                   

15

(10)

New York            

13

(10)

Düsseldorf          

11

(7)

Köln                     

3

(1)

Betrachten wir im nächsten Schritt, welche Mannschaft die Anzahl der Medaillen gegenüber dem Vorjahr am Stärksten steigern konnte, ergibt sich folgendes Bild:

Köln                 

300%

Düsseldorf          

57%

Paris                   

50%

New York            

30%

Das sieht jetzt schon besser aus, endlich zeichnet sich der erhoffte Kölner Erdrutschsieg ab. Nur die Düsseldorfer Bewertung stört jetzt noch. Sehen wir uns also – vielleicht geht es ja noch besser – das Ergebnis nach der Punktebewertung mit Vorjahresresultaten in Klammern an: 

New York                   

24

(19)

Paris            

23

(19)

Düsseldorf          

19

(17)

Köln                     

6

(1)

Wenn wir auf der Grundlage das Wachstum von Jahr 1 auf Jahr 2 berechnen, erhalten wir folgende Tabelle:

Köln                   

600%

New York             

26%

Paris                    

21%

Düsseldorf           

12%

BINGO! Das ist ganz o. k. und Du siehst, dass wir – ohne eine einzige Zahl zu ändern und ohne irgendeine Manipulation an der Datenerfassung vorgenommen zu haben – das ursprüngliche bedauerliche Missverständnis bei der Datenauswertung auf eine befriedigende Art und Weise aufklären konnten. Übrigens – falls Du denkst, das sei alles nur ein Scherz und niemand in Düsseldorf sei so blöd, auf eine solche Statistik abzufahren, erinnere Dich einmal daran, wie häufig Du von Wachstumsraten als Gradmesser volkswirtschaftlicher oder einzelbetrieblicher Leistungsfähigkeit hörst.

Du hast grade noch über die Statistik Opfer in Düsseldorf gehöhnt, doch wie häufig ist Dir schon gesagt worden, dass diese und jene Volkswirtschaft fünfmal so schnell wächst wie unsere, und wie oft liest Du von explosions- artig wachsenden Firmen, in die Du deshalb dringend und augenblicklich investieren solltest.

Ähnlich ist das übrigens, wenn Leute Dich mit letzter Kraft auf der Straße plötzlich am Ärmel packen, Dich schütteln und mit Grabesstimme darauf hinweisen, dass heutzutage alles so sei, wie es denn heutzutage ist.

Heutzutage ist immer schlecht.

Das ist ein faszinierendes Phänomen. Die Gesellschaft ist egoistisch, die Jugend verroht, die Arbeiterschaft faul, die Angestellten unfreundlich, die Banken geldgierig, die Politik unehrlich, die Produktqualität schlecht. Früher nicht. Nur heutzutage.

Insbesondere die heutige Jugend gibt Anlass zu größter Sorge. Hier nur einmal acht Zitate prominenter führender Köpfe und aus Veröffentlichungen von berufsmäßig mit diesem Thema tagtäglich befassten Menschen, die den Missstand auf das Plakativste und das Problem in seiner ganzen Tragweite verdeutlichen:

„Es ist die Wahrnehmung gemacht worden, dass bei der Schuljugend die früher kundgegebene Anständigkeit und das sittliche Benehmen mehr und mehr verschwindet.“

„Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern.“

„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

„Das Sittenverderben unserer heutigen Jugend ist so groß, dass ich unmöglich länger bei derselben aushalten kann.“

„Was nun die jungen Leute angeht, so sind sie heftig in ihrem Begehren und geneigt, das ins Werk zu setzen, wonach ihr Begehren steht. Von den leiblichen Begierden sind es vorzugsweise die des Liebesgenusses, denen sie nachgehen, und in diesem Punkt sind sie alle ohne Selbstbeherrschung. Auch sind sie nicht imstande, ihren Zorn zu bemeistern, denn aus Ehrgeiz ertragen sie es nicht, sich geringschätzig behandelt zu sehen, sondern sie empören sich, sobald sie sich beleidigt glauben. Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt.“

„Wirksamkeit der Volksschule bei dem zunehmenden Sittenverfall…, die immer lauter werdenden Klagen über die zunehmende Rohheit und Verwilderung unserer Jugend, besonders der erwachsenen Dorfjugend…“

„Die Schüler achten Lehrer und Erzieher gering. Überhaupt, die Jüngeren stellen sich den Älteren gleich und treten gegen sie auf, in Wort und Tat.“

„Die Welt macht schlimme Zeiten durch. Die jungen Leute von heute denken an nichts anderes als an sich selbst. Sie haben keine Ehrfurcht vor ihren Eltern oder dem Alter. Sie sind ungeduldig und unbeherrscht. Sie reden so, als wüssten sie alles, und was wir für weise halten, empfinden sie als Torheit. Und was die Mädchen betrifft, sie sind unbescheiden und unweiblich in ihrer Ausdrucksweise, ihrem Benehmen und ihrer Kleidung.“

Du wirst jetzt traurig und Zustimmung nicken, wenn Du zu zum „Unter Heutzutage Leiden Club“ (UHLC) gehören solltest. Leider warst Du ein wenig voreilig. In der Reihenfolge der Zitate stammen die gerade vorgestellten Äußerungen nämlich aus einem Regierungsbericht des Jahres 1852, einem Keilschrifttext aus Ur, verfasst um 2000 vor Christus, von dem griechischen Philosophen Sokrates, der 470-399 vor Christus lebte, von einem leider unbekannten Schulmeister des 18. Jahrhunderts, von Aristoteles, ebenfalls griechischer Philosoph, 384-322 vor Christus, aus der allgemeinen Schul-Zeitung, Darmstadt, Autor leider auch nicht bekannt, erschienen 1826, von dem griechischen Denker Platon, 427 – 347 vor Christus, und von einem Mönch namens Peter, der dies 1274 aufschrieb.

Das Ganze nennt sich verzerrte Wahrnehmung.

Die meisten Menschen erleben nämlich die Zeit ihrer Kindheit und ihrer Jugend als die intensivste und aufregendste Zeit ihres Lebens, je unzufriedener sie mit der Gegenwart sind, desto größer die Neigung, die Vergangenheit zu verklären, die aktuellen Rahmenbedingungen zu beschimpfen und die eigene gegenwärtige Lebens- Situation als die Schlimmste von Allen zu empfinden. Mit den objektiven Gegebenheiten hat das wenig zu tun, wenn wir den UHLC ernst nehmen, welche Zeit war denn dann besser als die heutige? 1940? 1950? 1960? 1970? 1830? 1710?

Jetzt war die eben gemachte Auswertung in einem Punkt schwierig hin zu bekommen, weil das Zahlenmaterial recht überschaubar und die Bewertungskriterien recht eindeutig waren. Das Paradies für jemanden, der statistisch argumentieren will, ist gekommen, wenn die Einflussgrößen interpretierbar und die Zusammenhänge komplex werden. Willkommen also im nächsten Beispiel.

Um ein Unternehmen objektiv zu bewerten, ist schon vor langer Zeit das Instrument der Bilanz entwickelt worden. Der Grundgedanke ist, dass das, was Du hast und was Du erwartest, auf der linken Seite steht und dass das, was andere Dir geben oder was andere von Dir erwarten, auf der rechten Seite steht. Langfristig Gebundenes steht auf beiden Seiten oben, kurzfristig Anfallendes steht auf beiden Seiten unten. Die Bilanz sieht aus wie eine Waage und genau so soll es auch sein. Die Größen rechts und links und oben und unten sollen sich nämlich tatsächlich gegenseitig die Waage halten.

Anmerkung Blick Log: In der Fortsetzung von Kapital 2 geht es am nächsten Sonntag dann um die Bewertung in einer Bilanz

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