Das statistische Bundesamt ist in unserer Demokratie eigentlich eine Institution, die für Sachlichkeit in der allgegenwärtigen politischen Diskussion um unterschiedlichste Themen stehen soll. Tut sie auch. Leider gehen manche ihrer Daten in der Hitze der Debatte unter. Vor dem Hintergrund der Diskussion um die Banken, die laut den neuesten, statistisch nicht ganz so belegbaren Erkenntnissen die Hauptschuld auch an der jetzigen Schuldenkrise haben, sind auch die letzten Fakten etwas an den Rand des Blickfeldes gerückt. Vielleicht sollten wir uns diesen trotzdem etwas zuwenden. Laut der neuesten Einkommenssteuerstatistik wird ein Viertel des gesamten Einkommenssteueraufkommens von nur einem einzigen Prozent der Bevölkerung getragen. Modellrechnungen von PWC im Auftrage des Handelsblattes zeigen, dass die Verdichtung an der Spitze noch gravierender ist: knapp 10% des Steueraufkommens werden von weniger als 20.000 Menschen aufgebracht. Auf der unteren Hälfte der Statistik tragen die Hälfte aller Steuerpflichtigen nur mit knapp 4% zur Einkommenssteuer bei.
Ich will nicht auf die These hinaus, dass diese Zahlen eine allzugroße Belastung der sogenannten „Besserverdiener“ (ein Unwort mit bewußter Allusion zum „Besserwisser“ ) belegen. Es würde nur die Antithese provozieren, dass in Deutschland die Einkommenschere besonders weit auseinander klafft. Das mag natürlich sein, obwohl die Studie der PWC zum Schluß kommt, dass deutsche Topverdiener im Vergleich zu Frankreich oder zu der Schweiz eine deutlich höhere Steuerlast tragen.
Nein, was mich beunruhigt, hat was mit einem gesamtstaatlichen Risikomanagement zu tun. In jedem Unternehmen wäre man nervös, wenn ein Viertel des Umsatzes nur von einem Prozent der Kunden getragen würde. Banken wurden und werden nicht nur öffentlich, sondern auch aufsichtsrechtlich an den Pranger gestellt, wenn sie hohe Teile ihrer Einkommen aus einigen wenigen riskanten Assets beziehen. Es ist offensichtlich, dass eine so hohe Abhängigkeit von wenigen Kunden gefährlich sein kann, und wenn diese wenigen Kunden wegfallen, bricht ein nicht geringer Teil der Staatseinnahmen weg. Ist das bei einem Staat denn so viel anders als in einem Unternehmen?
Auch beim Staat, so scheint mir, sollte beim Risikomanagement nachgebessert werden. Wenn die Hälfte unserer Steuerpflichtigen nicht einmal zu 5% zur Einkommenssteuer beitragen kann, haben wir ein großes strukturelles Problem. Ein Problem, das nicht alleine dadurch wettgemacht werden kann, indem diese Last noch stärker auf das obere 1% aufgeschlagen wird. Denn solche Ungleichgewichte bergen die große Gefahr einer Abwanderung. Kein Exodus, aber eine schleichende Abwanderung von Talent und Unternehmertum. Und Finanzkraft. Bei Unternehmen und Banken ist die Steuerung der Ressourcen und Finanzierungsquellen oberste Priorität im Risikomanagement. Und auch ein Staat sollte ein großes Interesse daran haben, seine Steuereinnahmen auf eine breite und gesunde Wirtschaftsbasis stellen zu können. Die hier dargestellten Zahlen drängen gerade zu den Eindruck eines staatlichen Steuer-Leverage auf. Mit der Folge eines überproportionalen Einkommensrückganges im Falle einer Krise. Ob der Erwerb von Steuer-CDs dagegen ein guter Hedge ist?
Vorsicht! 25% des Einkommenssteueraufkommens sind nicht 25% des Gesamtsteueraufkommens.Die Zahlen mögen danach immer noch beunruhigend sein aber es sind nicht die selben.
Ich begrüße den Artikel, weil er erfrischend neue Aspekte und Fragen aufwirft. Ich gehe zwar nicht ganz davon aus, dass ein Staat seine Bürger wie Kunden behandeln kann. Anders als Martin Burch sehe ich jedoch ein nationales Steuermonopol gerade in einem freien Europa nicht als eine ultima Ratio. Schon heute ist der Steuerwettbewerb zwischen den Nationalstaaten sehr ausgeprägt, was ja die sukzessive Senkung der Körperschaftssteuern zeigt. Auf Dauer hält auch der Staat seine Topkunden wohl auch nur dann, wenn sie ihrerseits mit der Gegenleistung zufrieden sind. Dann nämlich haben davon haben alle was. Denn beim Staat sind die kleinen Kunden von diesem abhängig. Deutlich formuliert: Ohne Produktion, Innovation und Investition wird kein Land dauerhaft hohe Steuern einnehmen können.
„Ist das bei einem Staat denn so viel anders als in einem Unternehmen?“
Was würde wohl Lee Kuan-Yew dazu sagen? Hmm. In Singapore wird man ja nicht Premier Minister von Singapore, sondern CEO von Singapore…
Ich finde die gezogene Analogie in dem Artikel ganz schön (Endlich mal kein Krisenzeugs). Die Maßnahmen eines Staates ihre Einkommenssteuereinnahmen zu diversifizieren (=Kundenportfolio diversifizieren) hat da gewisse Einschränkungen.
1a. Eine Firma könnte einfach versuchen sich auf die Akquise großer Neukunden zu fokussieren.
1b. Ich wüsste nicht wie die BRD sich attraktiver für neue reiche Einwohner machen könnte (die dann auch wirklich die Steuer wie es hier üblich ist zahlen).
2a. Eine Firma könnte einfach „nachrechnen“ ob bspw. die Kundendeckungsbeiträge bei den vielen kleinen Kunden noch passen, und dann aussortieren.
2b. Ein Staat kann nicht einfach seine Staatsbürger rausschmeißen. Diese Kunden hat er einfach an der Backe.
Also bleibt dem Staat wohl nur übrig die vielen kleinen Kunden zu „entwickeln“. Das kann viele viele Jahre, Jahrzehnte dauern (länger als so eine olle Legislaturperiode). Mit Steuerpolitik kann man allenfalls kurzfristig etwas glätten, was aber nicht langfristig die „Struktur des Kundenportfolios“ verbessert. Klaro, „Bildung“, „Chancengleichheit“ usw. wird oft Politikern in Interviews gesagt. Aber es zu sagen, ein paar Schulen zu eröffnen, ein bisschen Herumschichten in Hochschulbudgets, Kitas, Berufsschulen, Erwachsenprogrammen, usw. hilft garnix, weil diese Leute dann vielleicht etwas mehr Wissen aufweisen (oder auch nicht, siehe Reichsbankpreis für Spence), aber keine Chance in den deutschen (bzw. europäischen) Wettbewerbsstrukturen haben. Vielleicht haben sie besser Jobaussichten, aber als Unternehmer wird es schwer – Angestellte können nicht wirklich „reich“ werden (uund folglich auch nur zu Verbesserung des „Kundenportfolios“ beitragen). Welche ausssichtsreiche Branche gibt es den Deutschland (oder Europa) wo nicht schon ein Großkonzern seine Hand drauf hält, also ggf. einen clever Marktneuling in den Bankrott zu schicken? Und wer sorgt dafür das dies so bleibt? Genau Politiker, die sich alzu gerne mit „Vertretern der Wirtschaft“ auf Titelblättern schmücken. Und selbst die Gewerkschafter, die immer gerne auf „die Reichen“ herumhacken bevorzugen Großkonzerne (ist halt besser in Tarifverhandlungen zu händeln), aber motzen gleichzeitig herum, dass es ja so (relativ) „viele“ Geringverdiener gibt.
3b. Zerschlage Großkonzerne. Senke Markteintrittsbarrieren.
Aus meiner Sicht denken Sie hier falsch: Der Staat hat ja ein Steuermonopol, was kein Unternehmen welches ein Viertel des Umsatzes nur von einem Prozent der Kunden tragen würde so von sich behaupten kann…
(und wir Schweizer dürften ruhig unsere Steuerstrategrie, insbesondere für reiche Ausländer anpassen!!!)
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