Krise aktuell: Teufelskreislauf Rekapitalisierung

by Constantyn on 26. Oktober 2011

Fangen wir an mit dem Entwurf der Verlautbarung der Regierungschefs der Eurozone im Anschluß an ihr heutiges Treffen, der bereits in der Presse durchsickert:

„There is broad agreement on requiring a significantly higher capital ratio of 9 per cent of the highest quality capital and after accounting for market valuation of sovereign debt exposures, both as of 30 September 2011, to create a temporary buffer. This quantitative capital target will have to be attained by 30 June 2012, based on plans agreed with national supervisors and coordinated by EBA. This prudent valuation would not affect the relevant financial reporting rules. National supervisory authorities, under the auspices of the EBA, must ensure that banks’ plans to strengthen capital do not lead to excessive deleveraging, including maintaining the credit flow to the real economy or undue pressure on sovereign debt markets.

Inhaltlich scheint es auf den ersten Blick das zu sein, was wir bereits wussten: 9 % Eigenkapital.  Was aber bislang weniger diskutiert wurde, sind zweierlei:

a) Die Eigenkapitalquote für Banken gilt nach Bewertungsanpassungen für Staatsanleihen im Portfolio. Interessant, dass diese Regelung ausschließlich für Banken gelten soll, nicht jedoch für Versicherungen, Fonds und andere institutionelle Kapitalsammelstellen. Diese arbeiten auch mit dem Geld von Privatpersonen und auch hier kann es zu ernsten Ausfällen kommen.  Wichtiger ist aber folgender Aspekt: wenn es die Staatschefs und ihre Finanzminister nicht schaffen, Vertrauen zurück zu gewinnen, und wenn es nicht gelingt, die Schuldensituation der Euro-Länder überzeugend zu konsolidieren, sind weitere Bonitätsherabstufungen durch die Rating Agenturen und weitere Bewertungsabschläge bei Staatsanleihen durch die Märkte vorprogrammiert.

Folge: Der Kapitalbedarf von Banken wird mit jedem Preisrückgang der Staatsanleihen höher. Wir sollten nicht nur auf Griechenland schauen –  denn wer glaubt ernsthaft, dass Italien bis zum Juni nächsten Jahres besser da steht?  Weitere Folge: In dem Maße, wie Banken es nicht schaffen, sich am freien Kapitalmarkt Mittel zu beschaffen, muss die ESFS einspringen.  Wer hat das höchste Risiko? Schwer zu sagen, aber wenn es spanische und italienische Staatsanleihen sind, die am stärksten von weiteren Abwertungen bedroht sind, dann trifft es in erster Linie auch italienische und spanische Banken, dicht gefolgt von den bereits gebeutelten französischen Banken.

b) Dass der immense Druck auf die Banken sich irgendwann auch rächen könnte, haben auch die Staatschefs wohl erkannt, wenn man den letzten Satz  des Kommuniqués so deuten kann.  Dieser wäre fast komisch, wenn es nicht um bitterernstes ginge:  der europäische Bankenaufsicht soll Sorge tragen, dass die Bemühungen zur Rekapitalisierung von Banken nicht zu einem „unangemessenen Druck auf die Märkte für Staatsanleihen“ führt, und dass „der Kreditfluss zur Realwirtschaft“ aufrecht erhalten bleibt. Wie das gelingen soll, ist mir auch als ehemaliger Banker zwar noch völlig schleierhaft, aber vielleicht gelingt es ja.  Dieser Bär sitzt im quadrierten Kreis, wird gewaschen und bleibt dabei gänzlich trocken. Ist doch klasse!

Die alte Börsenweisheit kommt mir da in den Sinn: „Die ersten Verluste sind die Kleinsten“.  Mit anderen Worten, es ist für Banken allemal besser, Staatsanleihen jetzt zu verkaufen, als hinterher, wenn weitere Hiobsbotschaften zur europäischen Staatsverschuldung durchsickern. Immerhin stehen wir kurz vor einer Rezession und die Rückgänge der Steuereinnahmen in den betroffenen Staaten werden die Haushaltssituation nicht verbessern.  Das erhöht den Preisdruck auf die Anleihen, dadurch muß mehr Bankenkapital her, vermutlich auch durch Belastung der ESFS, dadurch werden die Staatshaushalte belastet, die sich nicht oder kaum mehr über Staatsanleihen  finanzieren können, weil die kein Mensch (zumindest nicht, wenn diese Menschen Banker sind) mehr kauft, dadurch …  Capito?  Ich würde gerne überzeugende Argumente erfahren, warum dieses Szenario nicht Realität werden sollte.  Ich würde dann ruhiger schlafen.

Ein hilfreiches Szenario könnte ich anbieten: Die Staatschefs und ihre Finanzminister sind sich einig, dass Europa jahrzehntelang über seine Verhältnisse gelebt hat und dass die routinemäßige Aufstockung der Staatsschulden zum Ausgleich der dauerhaften Haushaltsdefizite öffentlich transparent und mit gebotener Ernsthaftigkeit zurückgeführt wird. Keine Wahlgeschenke, keine Subventionen, keine unfinanzierbaren Sozialleistungen. Ein europaweit abgestimmtes, weitgehend einheitliche Wirtschafts- und Fiskalpolitik mit den gleichen Regeln für alle, ohne Arbitrage für Unternehmen.  Wir krempeln die Ärmel auf und spucken in die Hände. Wir arbeiten jeden Tag etwas länger, und gehen auch etwas später in Rente. Wir zahlen ehrlich unsere Steuern ohne immer auf einen noch besser Verdienenden zu zeigen. Wir tilgen unsere Schulden, langsam, aber sicher. Und zahlen dann weniger Zinsen.

Wir zeigen es der asiatischen Konkurrenz!

Wer ist dafür?     …

 

 

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