Vom Untergang der Glaubwürdigkeit

by Constantyn on 9. November 2011

Silvio „Bunga“ Berlusconi kündigt seinen Rücktritt an.  Und am nächsten Tag?  Die Renditen italienischer Staatsanleihen kletter auf über 7%, die Aktienmärkte brechen zusammen und die Krise verschärft sich nochmals.  Bestimmt haben viele Millionen Menschen geglaubt oder gehofft, dass nunmehr eine Phase der Stabilität eintreten würde.  Pustekuchen!   Das was jetzt passiert , kann eigentlich nur jene, die nicht im Finanzgeschäft sind, verwundern.   Es ist in diesen Tagen höchst unpopular, das bestehende Finanzsystem zu verteidigen, aber mir drängt sich immer mehr die Befürchtung auf, dass die populistische Antibankenwelle momentan mehr Schaden anrichtet als Gutes.

Der Grund ist denkbar einfach:  die europäische Politik, also die Kollektivität von Finanzministern, Staatschefs und Entscheidungsträger der Europäischen Kommission haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Während Politik und Gesellschaft sich seit Monaten in harmonischer Kollektivität über das unmoralische Verhalten der Banken echauffiert haben, wurden ebenso kollektiv einige simple Realitäten der Finanzmärkte ignoriert.  Das rächt sich nun.  Wir können aber ein globales Finanzsystem nicht in einer Art Oktoberrevolution revolutionieren, ohne eine klare, weltweite Einigung über ein neues System zu haben.  Aber zunächst die simplen Realitäten, die vielfach übersehen werden:

1.  Finanzmärkte sind global.  In den Hauptwährungen Dollar und Euro werden täglich Billionen (1 Billion = 1.000.000.000.000 !)  zwischen den Marktakteuren gehandelt.  Die Weltwirtschaft hängt davon ab, das dieser Transfer von Geldern, Währungs- und Zinsrisiken täglich funktioniert. Die Sicherung der täglichen Warenströme, der Energieversorgung, der Öllieferungen u.v.a.m resultiert in gigantischen Summen, die nicht nur als Geldflüsse gemanaged werden müssen, sondern in ihren Zins-, Währungs- und Rohstoffpreisrisiken einen funktionierenden Markt verlangen. Dieses globale System ist zwangsläufig von enormer Komplexität und jede weitere nationale Gesetzgebung irgendwo macht es noch komplexer..

2.  Die Akteure an den Finanzmärkten sind nicht nur Banken. Institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionskassen mit einem Assetvermögen, das in die Trillionen geht agieren hier ebenso wie Hedgefonds, Nationalbanken, die EZB, Staatsagenturen, die die Schulden oder aber Devisenreserven eines Landes verwalten, sind ebenfalls täglich an den Märkten aktiv.  Alle, ohne Ausnahme, haben zwei Ziele vor Augen:  Risiko runter und den Ertrag sichern oder maximieren.

3.  Diese Märkte funktionieren auf Basis von Vertrauen.  So komplex diese Märkte auch sein mögen (und sein müssen), immer noch werden Transaktionen am Telefon zwischen Menschen abgeschlossen, die ein gegenseitiges Vertrauen in die Erfüllungsfähigkeit des Kontrahenten haben müssen.  Dass Projekt- oder Kreditfinanzierungen ebenso wie risikoabsichernde Transaktionen wie Derivate oft in eine Dokumentation von hunderten Seiten münden, steht diesem nicht entgegen, sondern ist nur Ausdruck der Kreativität einer ganz eigenen Kaste von Rechtsanwälten, die versuchen, die Unwägbarkeiten unterschiedlicher Rechtssysteme und Rechtsverordnungen möglichst sicher (und komplex) zu gestalten.

4.  Die größten Spieler auf diesen Märkten sind die westlichen Staaten.  Zur Veranschaulichung: Wenn die USA einen öffentlichen Schuldenberg von $ 9 Billionen verwalten und Italien eines von €1,8 Billionen (pro Kopf in $ liegt die italienische Staatsverschuldung damit um 52% höher als die bereits horrende US-Verschuldung)   bedeutet das, dass diese beiden Länder alleine pro Monat etwa einen US$ Gegenwert von $150 Milliarden refinanzieren müssen.  Wenn wir die anderen defizitären Länder dazu addieren kommen wir auf deutlich höhere Zahlen.  Bei jeder Refinanzierungstransaktion sind die unter 2 genannten Investoren und Akteure gefragt, und diese müssen die Zuversicht haben, dass dieses Geld halbwegs sicher angelegt ist.  Vertrauen ist gefragt.

Vertrauen?   Über Monate haben unsere politischen Entscheidungsträger debattiert und gegipfelt und ganz in den Mechanismen der politischen Tippelschrittchen ihre klientel-orientierten Lösungen diskuttiert. Ein Fonds wurde präsentiert, leider etwas schwach auf der Brust. Deshalb wurde er mittels entsprechender Hebel, ähnlich der von denselben Politkern verteufelten Kreditderivaten, aufgeplustert.  Der betroffene flüchtete sich in ein misslungenes Referendum, während Silvio a.d. seinem Parlament kaum eine Verschiebung des Pensionsalters abtrotzen konnte.  In der Zwischenzeit waren sich alle einig, dass die Banken 9% Eigenkapital aufzuweisen haben, wohlgemerkt nach Abschreibung der Staatspapiere auf den jeweiligen Niederstwert. Für andere institutionelle Anleger gilt diese Regelung allerdings nicht. Dabei sind gerade europäische Versicherungen deutlich involviert: die Allianz sticht mit einem Bestand von knapp €30 Mrd. an italienischen Staatsanleihen hervor und wäre im Ernstfall wohl auch ein Kandidat für eine Rekapitalisierung. Gleichzeitig waren Vertreter der Finanzministerien, insbesondere des italienischen „Tesoro“, auf Roadshow, um wieder Milliarden an fälligen Papieren an den Mann zu bringen, natürlich nach wie vor ohne Eigenkapitalunterlegungspflicht.  Im nächsten Kapitel verlautbart Barrosos EU-Kommission, die Rating Agenturen  dürften nur auf Basis der von ihr vorgegebenen Kriterien bewerten und die Kommission könne Ratings notfalls auch aussetzen.  Hier sei an Dirks „Intransparenzrente“ angeknüpft!  Die Medien und Blogger begrüßen diese „Anti-Spekulationsgesetze gegen wildgewordene Agenturen“ in völliger Unkenntnis der Tatsache, dass diese Regelung aufgrund der von derselben EU-Kommission verabschiedeten Richtlinien dazu führen würde, dass Banken in dem Falle die betroffenen Staatsanleihen verkaufen müssten und damit den Negativkreislauf weiter anheizen.  Als weitere vertrauensbildende Maßnahme wurde sodann die Finanztransaktionssteuer vorgeschlagen, die dann umgehend von Großbritannien und Schweden geblockt wurde.  Wer hat ernsthaft glaubte, dass der Londoner Markt diesen Plänen zustimmen würde?  Und wer glaubt an die Effektivität einer solchen Steuer, wenn selbst deutsche Staatsbanken (sprich Landesbanken) vor der Krise in Milliardenhöhe Wertpapierbestände nach Irrland oder Luxemburg transferierten, um von einem günstigeren Steuerumfeld zu profitieren?

Nein, entschlossenes, effektives und abgestimmtes Verhalten sieht anders aus. Und, die Bankenkritiker mögen es mir verzeihen, aus Sicht eines Finanzmarktteilnehmers zeugen die hektischen Maßnahmen nicht gerade von einem profunden Kenntnis der Finanzmärkte. Tja, und was tut ein Portfoliomanager in einer solchen Situation?  Ganz klar: verkaufen!  Völlig unabhängig davon übrigens, ob dieser nun bei einer Bank, einem Hedgefonds oder einer Versicherung arbeitet, und völlig egal, ob er/sie nun in Hong Kong, Tokio, New York London oder Frankfurt befindet. Würden Sie dazu kaufen?

Die Wahrheit im Moment ist sehr schlicht:  die jetzige Krise entstammt der Erkenntnis aller Finanzmarktteilnehmer, dass sich die westlichen Staaten über ein vertretbares Maß hinaus verschuldet haben. Diese Finanzmärkte mögen also schlicht nicht mehr in die Schulden solcher Staaten investieren.   Das trifft in Europa erster Linie die Mittelmeeranrainer, aber auch andere Staaten nähern sich rapide diesem Abgrund, denn kein Staat in Europa hat einen Haushalt, der ohne eine jährliche Neuverschuldung auskommt. Das Vertrauen (da ist es wieder, dieses Wort), dass  die europäischen Länder durch ein stärkeres  Wachstum irgendwann diese Schulden irgendwann anfangen abzutragen, ist deutlich zurückgegangen, im Falle Griechenlands wohl gänzlich.  Wer anderer Leute Geld borgen will, muß diesen überzeugen, dass er es wiederbekommt.  Das gilt auch für Staaten (okay, es gibt auch Zwangsanleihen, aber soweit sind wir noch nicht).

Die Lösung?   Schaffen wir das gesamte Finanzsystem ab und ersetzen es durch was völlig Neues?  Global, um unseren weltweiten Handels- und Wirtschaftsbeziehungen gerecht zu werden?  Gute Vorschläge in dieser Richtung sind leider noch rar.  Oder erhöhen die betroffenen Staaten massiv ihre Steuern, um sich das Geld auf diese Weise zu besorgen?  Aber Steuern auf welches Einkommen, wenn die Wirtschaft zusammenbricht?

Oder erkennen die europäischen politischen Entscheidungsträger insbesondere mit zunehmender Nähe zum Mittelmeer, dass sie selbst massiv in ihren Haushalten sparen müssen, um die Schuldenlast zu reduzieren?  Und dass dabei keine Position im Haushalt tabu sein kann?  Transferleistungen aus anderen Staaten reichen jedenfalls nicht aus, das Finanzproblem der betroffenen Staaten ist zu groß, um es in Europa zu sozialisieren.  Ohne eine klare Bekenntnis zum Umdenken in den Staatshaushalten wird aber an den Finanzmärkten kein Vertrauen zu gewinnen sein.

 

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