Die Intransparenzrente oder warum Banken Informationsasymmetrie nicht abbauen wollen

by Dirk Elsner on 9. November 2011

Aktuell hört man wieder wie 2008/09 die Rufe nach mehr Transparenz für den Finanzsektor. Selbst aus der Finanzbranche verlauten regelmäßig solche Stimmen, wie im Sommer in einer Studie der Deutschen Bank zur digitalen Gesellschaft oder in einem Beitrag vom Geschäftsführer von Fidelity Deutschland in einer Werbebeilage der FAS.

Transparent Eyeball

Da wird etwa gefordert, die Banken müssten transparenter werden, um Vertrauen zurückzugewinnen. Wirklich glaubhaft ist das nicht. Die erwähnte Studie der Deutschen Bank über die durch die Digitalisierung der Wirtschafts geförderte Transparenz findet es gar nicht erst notwendig, auf Transparenz für Finanzinstitute einzugehen und Fidelity setzt die eigenen Forderungen völlig unzureichend um, wie ich in diesem Beitrag dargestellt habe. Das wundert mich freilich nicht, denn Intransparenz gehört zum zentralen Geschäftsmodell der Finanzbranche.

Transparenz schreckt Banken, weil dies ihre Geschäftsmodelle gefährdet. Mehr Transparenz bedeutet weniger Einnahmen aus erlangten Informationsvorteilen und möglicherweise höhere Kosten für die eigene Kapitalbeschaffung. Die aus Intransparenz erlangten Vorteile nenne ich Intransparenzrente.

1. Mit Intransparenz wird viel Geld verdient

Der US-Ökonom und Nobellpreisträger Douglas W. Diamond leitet die Existenz von Banken gerade daraus ab, dass es asymmetrische Information zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern in Form von Ex-post-Unsicherheit, gibt (siehe dazu sein Paper  “Financial Intermediation and Delegated Monitoring”).

Intransparenz bzw. Informationsasymmetrie zwischen zwischen einem Geldgeber und einem Geldnehmer erhöht die Ungewissheit über zukünftige Risiken (etwa über die Preisentwicklung eines Wertpapiers oder über die Fähigkeit, geliehenes Geld vereinbarungsgemäß zurückzahlen zu können). Je höher diese Ungewissheit eingeschätzt wird, desto höher der Zins (im Kreditgeschäft gut zu beobachten an den Preisen für Kreditversicherungen) oder desto niedriger ist der Preis für ein Wertpapier (grundlegend dazu der mittlerweile schon legendäre Fachaufsatz von George Akerlof The Market for “Lemons”).

Intransparenz hat theoretisch einen Wert, nämlich für denjenigen, der besser informiert ist, als andere Marktteilnehmer. Der Wert der Intransparenz für eine besser informierte Bank ergibt sich c.p. aus der Differenz zwischen dem “Preis bei großer Ungewissheit” und dem  “Preis bei geringer Ungewissheit”, der aus einem Informationsvorteil rührt. Wird also durch welche Instrumente und Maßnahmen auch immer die allgemeine Transparenz erhöht, dann reduziert sich diese Differenz zu Lasten desjenigen, der über einen Informationsvorsprung verfügt und diesen erfolgswirksam nutzen kann. Wird also die allgemeine Markttransparenz oder geschäftsbezogene Transparenz erhöht, dann erleidet somit der zunächst besser Informierte einen Einkommensverlust bzw. reduziert sein Potenzial aus seinem Informationsvorsprung Einkommen zu erzielen. Ich nenne diesen Vorteil hier Intransparenzrente (einen Begriff, den ich im Netz bisher nicht gefunden habe, weil er vielleicht unter anderen Bezeichnungen geführt wird). Nach ökonomischen Kriterien dürften keine Marktteilnehmer, die über einen Informationsvorsprung verfügen, ein Interesse an erhöhter Transparenz haben. Aus dieser Logik könnte sich sogar ein Anreiz ableiten, eher die Intransparenz zu erhöhen, etwa durch immer komplexere Rechnungslegungs- oder Regulierungsvorschriften.

Tatsächlich verwenden immer wieder Banken ihren Informationsvorsprung dazu, zusätzliche Vorteile für sich selbst zu erlangen. Um nicht immer wieder die Fälle aus der jüngsten Vergangenheit um verpackte toxische Hypotheken zu zitieren, hier ein länger zurück liegenden Beispiel: Nathan Rothschild hatte am 18. Juni 1815 über eine damals noch junge “Technik”, nämlich den Brieftauben, früher als andere erfahren, dass die Schlacht von Waterloo gewonnen war. An der Londoner Börse hatte er sich damals aber mit Leerverkäufen so positioniert, dass der “Markt” dachte, die Schlacht sei verloren. Britische Staatsanleihen verloren massiv an Wert. Als die Preis weit genug gefallen waren, deckte sich Rothschild wieder ein und machte einen Riesengewinn, weil er bereits früher als andere wusste, dass Truppen unter General Wellington Napoleon besiegt hatten (siehe dazu SZ Der Finanz-Bonaparte).

2. Warum Transparenz für Banken gefährlich sein kann

Es gibt aber noch einen weiteren ganz zentralen Grund, warum gerade Banken nahezu panische Furcht vor Transparenz haben. Transparenz ist gerade in Krisenzeiten der absolute Todfeind vieler Finanzhäuser. Sie kann nämlich zum vorzeitigen Ableben in Form von Illiquidität führen, wie gerade erst das Beispiel MF Global gezeigt hat. So fürchten gerade problembeladene Häuser, dass andere Marktteilnehmer erfahren, wie sie ihre Aktiva bewerten. Wenn die Risiken bekannt werden, könnte dies unmittelbaren Einfluss auf die Refinanzierung und die Liquidierbarkeit von Vermögenspositionen haben könnte.

Eine Bank etwa, die große Vermögenspositionen verkaufen muss, weil sie Probleme hat, wird am Markt einen niedrigeren Preis erzielen, als wenn sie aus einer Position der Stärke heraus verkauft. Ausgezeichnet hat dies Andrew Ross Sorkins in seinem Buch “Die Unfehlbaren” am Beispiel der Rettungsversuche und des Untergangs der Investment Bank “Lehman Brothers” dokumentiert. Das Management von Lehman hat über Monate hinweg öffentlich ein falsches Bild von den eigenen Risiken vermittelt. Man wusste sehr genau, würde man die tatsächlichen Risiken offenlegen, würde die Bank sehr große Probleme bekommen. Durch das Verschweigen hoffte man Zeit zu gewinnen, um frisches Kapital beschaffen zu können. Wir wissen, wie Lehman endete. In Fällen wie Lehman ist die Transparenz also allein deswegen gefährlich, weil es die Liquidierung von Positionen erschwert.

Auf den Finanzmärkten (übrigens an anderen Märkten auch) geht es zu wie an einem Pokertisch. Ein Tell lässt den Mitspielern Rückschlüsse auf die Attraktivität der Hand des Gegners zu. Wer beim Pokern aber zu viel über sein Blatt verrät oder in seiner Spielweise durchschaubar wird, der hat kaum eine Chance zu gewinnen, erst Recht, wenn er eine schwache Hand hat. Bevor also etwas verraten werden könnte, setzt man lieber ein Pokerface auf. Das freilich funktioniert immer weniger in der Finanzwelt. Dennoch erklärt es, warum Finanzhäuser so restriktiv in ihrer Öffentlichkeitsarbeit sind und immer wieder Sachverhalte lieber schön reden.

Fazit

Transparenz beschädigt also nicht nur die zentralen Geschäftsmodelle der Banken, sondern kann sogar ihre Existenz gefährden. Dagegen sind freilich andere Marktteilnehmer daran interessiert, den Banken einen Teil der Intransparenzrente streitig zu machen und die Informationsasymmetrie zu reduzieren. Genau dies ist insbesondere in den letzten vier Jahren passiert. Ich glaube, viele Banken haben noch nicht verstanden, dass das Paradigma der Informationsasymmetrie und der bewussten Intransparenz überholt ist und zu einer Strukturbereinigung im Finanzsektor führen wird. Dazu mehr in einem späteren Beitrag. 

Das Dilemma vieler Banken ist, wenn sie in eigener Sache zu transparent werden, können sie sehr schnell Vertrauen verspielen. Dann setzen Mechanismen ein, die ich in dem Beitrag “Der Teufelskreis der Finanzmärkte oder warum Banken lieber schweigen” beleuchtet hatte und die in Situationen wie der aktuellen Bankenkrise existenzgefährdend sein können.

Und Existenzgefährdung von Banken? Das passt ebenfalls nicht zum Selbstverständnis des klassischen Bankwesens. Finanzhäuser inszenieren sich als perfekt organisiert, jederzeit gut kapitalisiert und vor allem als stets gut informiert. Warum tun sie das? Ganz einfach, weil das die Kunden erwarten und keiner Bank ihr Geld anvertrauen, die sich als marode oder instabil präsentieren würde. Von dem “Mythos der Perfektion” lebt die Branche seit Jahrhunderten.

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