What a Humbug: Die Legende vom Konsum aus Angst

by Dirk Elsner on 9. Februar 2012

Nur kurz zu einem Thema, weil mich das wirklich nervt. Ich habe in den letzten Wochen häufiger gelesen, wir würden in Deutschland jämmerliche Angst haben und deswegen den Konsum antreiben. Das ist von Angstkonsum und Flucht in die Sachwerte die Rede. So las ich etwa in den Deutschen Mittelstandsnachrichten als Erklärung für die lang herbei gesehnte starke Inlandsnachfrage:

“Die starke Binnennachfrage dürfte vor allem durch Verunsicherung und unattraktive Zinsen verursacht sein. Die steigende Angst vor Inflation (mehr hier) und die Unsicherheit, wie sich die Schuldenkrise in der Eurozone entwickeln wird, bringen die Menschen dazu, ihr Geld lieber auszugeben als zu sparen. Bei den schlechten Zinsen lohnen sich auch für Unternehmen die wenigsten Anlageformen. Daher geben sie ihr Geld lieber für die Modernisierung und den Ausbau ihrer Unternehmen aus.”

In der Welt war zu lesen [Ökonomen] sprechen von einer "Flucht in Sachwerte". Dazu gehören auch Bau-Investitionen, sei es in die energetische Sanierung der eigenen Immobilie oder der Bau neuer Häuser oder Wohnungen. Den Trend hin zu Sachwerten will ich ja gar nicht anzweifeln, aber warum sollen der Grund für den Konsum Angst sein?

2010 waren die Schlagzeilen übrigens genau umgekehrt.

Waren wir in der Zwischenzeit kollektiv auf der Couch und haben uns die Angst aus unserem Geist therapieren lassen? Ich halte das Gerede vom Konsum aus Angst vor was auch immer für großen Humbug. Presseerklärungen und Medienmeldungen, in denen das Wort Angst auftaucht, erfreuen sich einfach einer höheren Aufmerksamkeit. Ich jedenfalls kenne niemanden, der aus Angst vor Inflation, dem Ende der Welt oder vor was auch immer jetzt ordentlich auf die Tonne haut.

Vielleicht muss man einfach erkennen, dass die Menschen hier im Lande wesentlich besonnener agieren als manche “Wirtschaftsexperten”, Politiker oder Schlagzeilentexter dies erwarten. Menschen lassen sich von den düsteren Schlagzeilen über Schuldenkrise, Finanzkrise, Bankenkrise und was auch immer, nicht beirren lassen, weil sie spüren, dass von dem Gerede nichts in der Praxis ankommt. Steigende Konsumneigungen haben vor allem etwas mit Erwartungen zu tun. Erwartung auf steigendes Einkommen, stabileren Job, höhere oder niedrigere Inflation und was auch immer. Ich finde die Gesellschaft für Konsumforschung drückte das ganz passend aus:

“Die Verbraucher nehmen derzeit offensichtlich die nach wie vor sehr guten konjunkturellen Rahmenbedingungen stärker wahr als in den vergangenen Monaten. Der Arbeitsmarkt zeigt sich überaus robust und verzeichnet weiter rückläufige Arbeitslosenzahlen. Die meisten deutschen Unternehmen sind überdurchschnittlich gut ausgelastet.”

In der jüngsten Veröffentlichung der GfK klingt es übrigens ähnlich:

“Die ausgesprochen starke Kauflust der Deutschen hat mehrere Gründe. „Zum einen sorgt die gute Beschäftigungsentwicklung unter den Arbeitnehmern für eine sinkende Angst vor Arbeitslosigkeit und stärkt damit die Planungssicherheit“, sagte der GfK-Experte. „Zum zweiten stützt die rückläufige Inflation die Konsumneigung.“ Die Deutsche Bank erwartet in diesem Jahr nur noch eine Teuerungsrate von etwa 1,5 Prozent. 2011 hatte sie noch bei 2,3 Prozent gelegen.”

Blödsinn dagegen ist, was Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, laut Handelsblatt als Ursache für die angeblich abgenommene Angst sagt. Er zeigte sich optimistisch, schreibt das Blatt und zitiert: „In der zweiten Jahreshälfte 2011 haben die Deutschen einen Schreck bekommen wegen der Eskalation der Schuldenkrise. Seit die EZB gehandelt hat, schwinden diese Ängste“, sagte Schmieding. Die meisten Deutschen verfolgen die EZB-Politik nicht einmal. Wie soll dann aktuelle geldpolitische Maßnahmen die Stimmung beeinflussen?

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