Endlich! Einige Aktionäre legen den Muppet-Status ab

by Dirk Elsner on 27. April 2012

Mit der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise kochte bekanntlich die Diskussion über leistungsgerechte Vergütung und angemessene Managementleistungen hoch und wieder runter. Politikern, Wissenschaftlern und Beobachtern haben viel dazu gequatscht. Die aber, die eigentlich zuständig für die Kontrolle der Unternehmensleitung und deren Vergütung sind, hielten sich in den letzten Jahren vornehm zurück.

Bis zum Ende letzten Jahres hatte ich den Eindruck, die Aktionäre und Aufsichtsräte von Großunternehmen lassen sich weiter zu Muppets der angestellten Manager degradieren. Sie schienen weiter die von Unternehmenschefs verbreiteten Leistungslegenden zu glauben, mit denen exorbitante Gehälter gerechtfertigt wurden.

Die in einem Beitrag vor einigen Wochen dargestellte Bestimmung des Muppet-Faktors lässt sich übrigens bestens auf Aktionäre und Management übertragen. Ich komme hier auf 7 Punkte*. Der Muppet-Faktor kann maximal 10 Punkte betragen. Je höher der Faktor, desto eher kann man erwarten, dass der Prinzipal (also hier der auftraggebende Aktionär) vom Agenten (hier der auftragnehmende Vorstand) opportunistisch ausgebeutet wird.

Langsam verschwinden aber die Frühstückdirektoren aus den Aufsichtsorganen. Sie werden zunehmend durch Profis ersetzt, die ihre Kontrollaufgaben ernst nehmen und Abschied nehmen vom “Netzwerkdenken”. Jedenfalls gab es in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Schlagzeilen, die das andeuten:

Beispiel 1: Für deutsche Verhältnisse spektakulär war der Rauswurf des Vorstandsvorsitzenden der Deka-Bank Franz Waas. Er hatte sich selbst überschätzt und eine Gehaltsnachzahlung von 2,5 Mio. Euro gefordert. Der Verwaltungsrat entband ihn von seinen Aufgaben.

Beispiel 2: Bei der Citigroup kippten die Aktionäre die Vorstands-Boni.

Beispiel 3: Die maßgeblichen Eigentümer von Goldman Sachs, haben gemerkt, dass selbst die Hand Gottes, Lloyd Blankfein, nicht so perfekt ist, wie das seine PR-Berater haben glauben machen wollen. Blankfein muss seine Doppelrolle als Verwaltungsratschef und Geschäftsführer aufgeben. Auch bei seiner Vergütung musste Blankfein federn lassen.

Beispiel 4: Bei der Deutschen Bank “droht” ebenfalls eine Aktionärsrevolte schrieb das Handelsblatt und zwar gegen die Gehaltspolitik und die chaotische Regelung der Nachfolge.

Beispiel 5: Auch wenn es wegen der Stimmenverhältnisse nicht viel genutzt hat, immerhin protestierten einige professionelle Aktionäre gegen die Berufung von Ursula Piëch in den Aufsichtsrat von VW. Den hatten die PR-Berater von VW und Piëch übrigens fast optimal vorbereitet haben. Selten (außer bei der “öffentlichen Platzierung” den neuen Co-Chefs der Deutschen Bank, von Anshu Jain) habe ich so ein auffällig gutes Storytelling in der Wirtschaftspresse gelesen.

Eine Übersicht weiterer Gesellschaften, deren Aktionären das Muppet-Darsein missfällt, hat die FTD gestern zusammen gestellt.

Von einer echten Trendwende würde ich zwar jetzt noch nicht sprechen, dafür ist noch zu wenig sichtbar. Aber weil immer mehr Manager von Beteiligungsgesellschaften und Investmentfonds die “gute Corporate Governance” als Marketinginstrument entdecken, haben es die angestellten Manager mittlerweile schwerer. Es dämmert, dass die nur an wenigen Parametern orientierte variable Vergütung das Denken und Handeln einengt und die Unternehmen nicht so zielorientiert arbeiten lassen, wie von Eigentümern geführte Betriebe. Die Unzufriedenheit gegenüber hochgejubelten Managern wie etwa bei Daimler oder RWE wird mittlerweile öffentlichkeitswirksam platziert.

Sinnvoll scheint mir, dass die Diskussion über die Entlohnungssysteme wieder aufflackert. Im Finanzsektor etwa vertreten viele Interessenvertreter den Mythos, nur über “attraktive” Boni könne man “Leistungsträger” binden und gewinnen. Und tatsächlich waren ja die Bezahlungen (Festgehalt + Bonus) in bestimmten Banksegmenten in den letzten Jahren explodiert. Dafür hat man tatsächlich hochintelligentes und engagiertes Personal gewinnen können. Nur hat dieses Personal in der Summe ja längst nicht die Erwartungen erfüllt, sondern außergewöhnliche hohe Schäden für ihre Arbeitgeber und die Steuerzahler angerichtet.

Die hinter hohen Bonuszahlungen stehende Hypothese lautet: Leistungsträger findet man nur durch entsprechende monetäre Anreize, weil sie andernfalls keine Höchstleitungen erbringen können oder gar nicht erst für das Unternehmen arbeiten würden. Dieser Argumentationskette wird immer noch zu selten widersprochen. Dabei existieren zahlreiche Studien, die einen Zusammenhang zwischen hohen Bonusversprechungen und Leistung widerlegen und zumindest nicht als eindeutig bestätigen (siehe z. B. “Wie variable Vergütung das Denken und Handeln einengt oder Wenn der Bonus zu hoch ist, dann sinkt die Leistung mit weiteren Verweisen). Im Klartext: Es gibt keine Untersuchung, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen versprochener Bonushöhe und Unternehmenserfolg nachweist.

Der Niedergang der nur durch hohe staatliche Subventionen am Leben gehaltene Finanzbranche legt sogar nahe, dass extreme Bonussysteme den Moral Hazard verstärken und den Unternehmenswert senken, obwohl angeblich die besten Absolventen und “Talente” gewonnen werden. Die Finanzbranche hat zwar intelligente Leistungsträger und Manager angelockt, sie haben aber nicht die maximale Leistung im Sinne der Unternehmensziele erbracht. Vielmehr haben die nicht zu den Unternehmenszielen kompatiblen Anreizsysteme und die asymmetrische Informationsverteilung es ermöglicht, dass sie ihre persönlichen Ziele und ebenfalls die Risiken ihrer Arbeitgeber maximiert haben.

Es wurde Zeit, dass den Anteilseigner dies nun endlich dämmert (siehe dazu auch Handelsblatt Online: Millionenvergütungen – Manager gegen Manager). Ich halte noch viele Vergütungsmodelle schädlich für Unternehmen. Hier muss aber nicht staatlich eingegriffen werden (es sei denn, der Steuerzahler steht für das Unternehmen gerade). Schon seit Beginn dieses Blogs vertrete ich die Auffassung, dass es sich die Eigentümer vieler Unternehmen zu leicht gemacht haben. Aufsichtsräte und andere Vertreter der Eigentümer habe sich ihrer Verantwortung entzogen und später beklagte Exzesse erst gefördert. Mal sehen, ob wir nun eine echte Trendwende sehen.
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* Zur Berechnung des Muppet-Faktors zwischen Aktionären und Unternehmensmanagement
Komplexität: 2,

Informationsasymmetrie: 2,

Häufigkeit 1,

Wettbewerbsintensität 0,

persönliche Anreizsysteme 2

Diskutiert mit mir die Einordnung über Twitter oder Google+.

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