Mensch vs Maschine = Oder warum Märkte keine Psychologie mehr besitzen

by Gastbeitrag on 11. Mai 2012

Gastbeitrag von Mathias Täge

Vergangene Woche machte via Twitter der Artikel aus “37 Mikrosekunden je Deal” auf Handelsblatt Online die Runde. Darin ging es um den Boom des Hochfrequenzhandels und immer wieder neuen Geschwindigkeitsrekorde, die nun die Schweizer Plattform SIX halten soll (Slogan der Plattform: “1 Lidschlag = 10.000 Aufträge).

Ganz genau kennt heute niemand das Volumen des Hochfrequenzhandel (oft auch als algorithmisches Trading bezeichnet*). Geht man aber mal davon aus, dass bereits heute 40-60% aller Handelstransaktionen über solche Transaktionen laufen und damit diese Art des Handels auch wegen der Schnelligkeit den Markt dominiert. Wenn man das weiß, amüsiert die Berichterstattung in den Wirtschafts- und Börsenberichten, wenn da den "Märkten" eine eigene Psychologie zugeschrieben wird. Die kann es im realen Leben gar nicht mehr geben, denn Maschinen haben keine Psyche, keine Emotionen. Sie führen einfach aufgrund des erhaltenen Inputs einfach ihre programmierten Berechnungsverfahren aus. Dieser Tatsache muss man sich bewusst sein, wenn man den "Markt" verstehen will. Maschinen machen Fehler, Programme haben Bugs, und wenn viele Maschinen, meist auch mit gegenläufigen Strategien ihre Programme abspulen, kann Chaos programmiert sein.

Wenn also Politiker uns sagen, dass wir wieder Vertrauen der Märkte zurückgewinnen müssen, stellt sich mir die Frage, warum sollten wir das eigentlich? Mal davon abgesehen, dass das gar nicht geht, und Maschinen kein Vertrauen kennen, sondern nur ihre Programmierung folgen, stellt sich auch die Frage, verstehen Politiker überhaupt etwas von Wirtschaft, oder HFT? Wissen die überhaupt, dass sie da Maschinen huldigen?

Sicherlich werden viele jetzt anführen, dass die HFT-Maschinen letztlich Befehlen der Menschen gehorchen. Das wäre ein Argument, wenn die Anwender der Programme sie a) verstehen würden b) jederzeit Zugriff auf die Parameter hätten, und in der Lage wären, diesen Handel zu verfolgen. Nur bestehen bei den Geschwindigkeiten Zweifel, dass dies noch möglich ist oder gar die Risiken kontrolliert werden können.

Für die meisten Anwender stellen die eigentlichen Programmierungen ihrer Anwendungen lediglich Blackboxes dar. Die meisten Anwender wissen nicht, was innerhalb dieser Blackbox passiert. Ich schließe mich da nichts aus. Ich bin kein ITler, habe aber meine Skepsis noch nicht abgelegt. Niemand kann die Wirkungen des komplexen Handels der Algos wirklich verstehen. Denn für die Analyse sind wieder Algos und Computer nötig.

Es grenzt schon an Ironie, wie der Wahnsinn weiter getrieben wird. Algos bestimmen die Märkte, von den Märkte lässt sich die Politik beeinflussen. Damit bestimmen Algos, wie sich unsere Politik verhält. Darauf wiederum reagieren Algos. Daneben erheben wir in der Berichterstattung und der Wissenschaft den Finanzmarkt zu einer Art Gottheit. Der Markt hat immer Recht. Verschließen wir die Augen, ziehen den Kopf ein, und hören auf zu denken. Glauben wir den "Experten", die uns dann wieder sagen, was der Markt von uns will.

Das Ironische ist, dass diese Experten bald auch durch Programme ersetzt werden könnten. Glaubt ihr nicht? Dann lest hier “We Transform Data into Stories and Insight”. Näheres dazu könnt Ihr hier auf SciLogs nachlesen unter Roboterjournalist interviewt Roboterpräsident. Wer einen Text über ein Baseballspiel so verfassen kann, dass keiner merkt, ob es von Mensch oder Maschine geschrieben wurde, der schafft das auch bei Wirtschaftstexten.

Also sind es bald Algos, die dann Texte über einen Handel verfassen, den Algos tätigen, der dann Politiker veranlasst, Gesetze und Kürzungen zu beschließen, die wohl auch bald von Algos geschrieben werden.

Schöne Neue Welt, jetzt schon Realität wird. Denkt einfach mal drüber nach.

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Genau genommen sollten man aber algorithmisches Handeln und Hochfrequenzhandel nicht anonym setzen, wie Mr. Market Anfang April in einem Blogeintrag erklärte:

“Algos und HFT (High Frequency Trading) sind zwei verschiedene Dinge. Es gibt Schnittmengen und natürlich geht HFT ohne Algorithmen gar nicht, aber wir reden da von unterschiedlichen Schwerpunkten. Als Algos bezeichne ich algorithmische Programme, die letztlich auch nichts anderes machen, als ein menschlicher Trader vor dem Schirm. Sie kaufen und verkaufen nach programmierten Mustern, nur halt ohne Menschen. HFT dagegen bezeichnet automatisierte Transaktionen, bei denen in Sekunden Millionen Trades über die Leitung geschickt werden, eben nicht um gezielt etwas zu kaufen und vielleicht in 2 Stunden wieder mit Gewinn zu verkaufen, sondern weil sozusagen die Frequenz selber ihren Wert hat, zum Beispiel um millionenfach winzigste Spreads zu schliessen.”

Auf SciLogs hat Josef Honerkamp vor einigen Wochen übrigens gut erklärt, was ein Algorithmus ist

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