Risiko Zombie oder warum es sich lohnt, das Leben zu wagen (1)

by Gastbeitrag on 16. Januar 2013

Gastbeitrag von Ariadne von Schirach*

Die Bereitschaft, sich dem Marktgeschehen zu überlassen, wird nur übertroffen von der Bereitwilligkeit, sich der Bildindustrie zur Verfügung zu stellen.

K., 19 Jahre alt, gerade Abitur gemacht, adrett, klug, ehrgeizig, wartet darauf, dass man ihm diese erste Entscheidung ausredet. Aber – warum nicht? Warum nicht irgendwo anfangen und dann weitersehen? Ein Jurastudium ist eine gute Grundlage dafür, in dieser Welt zu leben, und wenn er es hasst, wird dieser Hass ihm die Kraft geben, sich für bestimmtere Leidenschaften einzusetzen. Der Weg zum Beruf ist nicht der Weg zu sich. Dass diese beiden Dinge sich so unheilig vermischen, ist der Marktwerdung des Menschen geschuldet, dessen Wert nur noch in seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit zu bestehen scheint. Diese Kritik ist so bekannt wie notwendig. Aber vor allem ist sie notwendig, weil das herrschende Menschenbild subtil und wirkmächtig die Möglichkeitsräume vorgibt, innerhalb derer jede neue Generation einen ersten unreflektierten Blick auf sich selbst zu werfen vermag. Und so sitzt mir ein junger Mensch gegenüber, dessen Sinnen und Trachten in bester Übereinstimmung mit dem Zeitgeist einzig darauf gerichtet ist, seinen Marktwert zu bestimmen und seine Potenziale auszuloten; Potenziale, die ihm ermöglichen, mitzuspielen, ein Winner zu werden und – wie er offen sagt – gutes Geld zu verdienen. Dieses Geld ist Selbstzweck. Es repräsentiert eine ebenso vage wie wohlige Zukunftsphantasie, vermischt mit der Aussicht auf Sicherheit und Souveränität. Dass das eine entsetzliche Lüge ist, dass weder Geld noch Erfolg dieses Versprechen einlösen können, das Versprechen nämlich, Herr seines Lebens zu sein, es zu meistern, wird sogar mitgedacht – als würde die Einsicht in die Lüge ihre Kraft bannen können und man selbst die einzige Ausnahme von der Regel sein. Die Gleichzeitigkeit von totalem Konformismus und ebenso totalem Glauben an die eigene Unbestechlichkeit könnte man als die aktuelle Version dessen bezeichnen, was Theodor W. Adorno einst Verblendungszusammenhang genannt hat.

Verblendungszusammenhang: Theodor W. Adorno (1903–1969) stellte sich die Frage, weshalb sich die Menschen nicht von den Zwängen des Kapitalismus befreien. Er kommt zu dem Schluss, dass die Menschen zu sehr damit beschäftigt sind, vorhandene Strukturen und Prozesse aufrecht zu erhalten, als dass sie revolutionäre Gedanken hegen könnten. Die Massenmedien – allen voran der Rundfunk und die Werbung – würden einen umfassenden Verblendungszusammenhang schaffen, aufgrund dessen sich kein Bewusstsein mehr für das entwickeln könne, was falsch läuft. Die Menschen seien folglich der Ansicht, dass ihre Gesellschaft so sein soll, wie sie ist und dass es keine anderen Möglichkeiten gibt (Alternativlosigkeit).

Auf der einen Seite steht die völlige Bereitschaft, auf die aktuellen Deals einzugehen, was unter anderem bedeutet, Lebenszeit gegen Sicherheit zu tauschen, also beispielsweise x Jahre Jura- oder BWL-Studium gegen eine Jobgarantie. Auf der anderen Seite steht eine unreflektierte Hoffnung bezüglich der eigenen Auserwähltheit, die perfide abgreift, was sich dem ersten Tausch heroisch zu verweigern sucht. Der Glaube daran, dass man als einziger die kapitalistischen Lügen wirksam durchschaut hätte, geht dieser Tage fast nahtlos in den Glauben über, man verdiene es, berühmt zu sein. Diese Vorstellung von Ruhm ist ähnlich diffus wie diejenige bezüglich des Reichtums und dient auch ähnlichen Zwecken: der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die sich irgendwann fast ohne eigenes Zutun ereignen wird. Auch der angehende Jurist erzählt beiläufig und zugleich lauernd von einem Fotoshooting für ein Magazin. Die Bereitschaft, sich dem Marktgeschehen zu überlassen, wird nur übertroffen von der Bereitwilligkeit, sich der Bildindustrie zur Verfügung zu stellen, deren Wahrheit als Wahrheit des Bildes den letzten Glaubenshort einer komplett säkularisierten Gesellschaft darstellt. Dieser Glaube jedoch ist noch gefährlicher als der Glaube an das Heilsversprechen des Geldes. Wo einst Fun ein Stahlbad war, ist heute des Funs zeitgemäße Fortsetzung das Entertainment oder die Unterhaltung – eine Ausweidungsmaschine, deren einziges Ziel laut Markus Metz und Georg Seeßlen „die Erzeugung, Vorführung und symbolische Schlachtung menschlicher Opfer ist“. Und kurz halten wir inne, eine Schweigeminute für die Mädchen, die von Heidi Klum gedemütigt
wurden, für die Sänger, die Dieter Bohlen verachtet hat, für DianaBritneyLindsay und wie sie alle heißen. Es gibt keine Ausnahmen. Und nur der Glaube jedes Einzelnen, die Ausnahme zu sein, hält das System am laufen.

Ich weiß nicht, ob es früher besser war. Ich glaube nicht an früher. Aber wenn ich K. so zuhöre, habe ich das Gefühl, dass alles noch brutaler geworden ist, noch schneller, noch undurchdringlicher. Eine Welt, in der es nur noch Winner oder Loser gibt, solche, die es packen,
und solche, die versagen,  die schon längst versagt haben, weil sie in einer Hauptschule sitzen oder zu alt sind für den Arbeitsmarkt oder einfach nur schwerfällig sind oder gestört oder unbrauchbar. Das macht natürlich Angst, das alles. Wer will schon ein Loser sein, ein Opfer? Und so ist die erste Reaktion, zu tun, was verlangt wird, auch wenn die Anforderungen absurd sind
und alles zusammenbricht, wenn man genau hinschaut. Aber genau das soll man ja nicht, hinschauen meine ich; sondern man soll weitermachen und das Hamsterrad am Laufen halten und ja keine Fragen stellen, wie die nach dem Sinn einer Gesellschaft, die nur noch auf Konkurrenz und Gier und Wettbewerb basiert, die ihre Schwachen kaltstellt, ihre Alten abschiebt und ihre Jugend ausbeutet.

Die ausgebeutete Jugend stört es nicht. Noch nicht. Und es könnte ja etwas passieren, und dann wäre man irgendwie berühmt. Noch scheint es ja möglich, die Anforderungen zu erfüllen und alles richtig zu machen, noch scheint es einen Deal zu geben, der verspricht, Angst in Sicherheit zu verwandeln und das eigene Leben in eine uneinnehmbare Festung. Es wird Zeit, über Risiken nachzudenken. K. spekuliert darauf, dass ein Jurastudium ihm zu einem sicheren Job verhilft, dieser Job ihm genügend Geld einbringt und dieses Geld ihm Sicherheit kauft. Oder, wie er es nach einigem Nachdenken formuliert, Souveränität. Damit folgt er der allersimpelsten kapitalistischen Logik, einer Logik der „Kaufbarkeit“, die verspricht, einen inneren Zustand durch äußere Objekte zu ersetzen: Meine Bücherwand ist für mich gebildet, meine Kleidung hat für mich Geschmack, mein Wagen ist für mich sportlich. Diese fatale Verschiebung wird begleitet von der
Vorstellung, es sei jederzeit möglich, ein Schnäppchen zu machen, also etwas Kostbares für den Bruchteil seines Wertes zu bekommen. Souveränität nun, oder auch Charakter, Persönlichkeit, Eigenständigkeit gehören zum wertvollsten Besitz eines Menschen und müssen – wie alles von Wert – mühsam erworben werden. Dieser Erwerb ist innere, seelische Arbeit, ist ein Aussetzen
und Aushalten und Annehmen. Seine Bedingungen sind gelungene Selbstgespräche, reflektierte Entscheidungen und der mutige Blick auf die Unauslotbarkeit der eigenen Seele. Und dann sehe man sich K. an, diesen blühenden Jüngling, der dem Leben gerade nichts abzuringen hat als die Hoffnung auf ein kleines bisschen Sicherheit und den vagen Wunsch, es könnte vielleicht doch noch reichen für ein wenig anstrengungslosen Ruhm und ein paar Fans auf Facebook.

Der 2. Teil folgt am 18.1.


* Ariadne von Schirach ist Philosophin, freie Journalistin und Sachbuchkritikerin bei Deutschlandradio Kultur. Gerade schreibt sie an ihrer Dissertation über Lebenskunst im 21. Jahrhundert. Dieser Beitrag ist in Agora 42, Ausgabe 5/2011 erschienen und von der Redaktion verfasst. Agora ist ein zweimonatlich erscheinendes Print-Magazin für Ökonomie, Philosophie und Leben. Der Beitrag ist urheberrechtlich geschützt und wird mit Erlaubnis der Redaktion und der Autorin hier online gestellt.

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